Ein schwerer Mord

Bisher hatte ich wenig Schwierigkeiten, Leute umzubringen. Natürlich nur in meinen Geschichten. Dass aber nun der kleine Tilo in meinem Blogroman sein Leben lassen musste, hat mich schon ein wenig mitgenommen.

Ich kann mir selbst nur schwer erklären, warum ich zum ersten Mal Hemmungen hatte. Natürlich könnte man meinen, ich habe ihn besonders liebgewonnen. Allerdings ging mir das mit anderen Figuren, die in meinen Geschichten ihren letzten Atemzug taten, nicht anders.

Ich vermute eher, dass die fehlende Planung die Ursache war. Denn die zeichnet ja gerade den Blogroman aus. Während ich mich bei anderen Werken frühzeitig (meist von Beginn an) darauf einstellen kann, wer das Abenteuer nicht überleben wird, habe ich bei diesem am Ende einer Szene allenfalls eine Ahnung, was in der nächsten geschehen könnte. Daher konnte ich mich auch auf Tilos Tod nicht einstellen.

Ich zögerte also. Doch ein Roman braucht die ganz großen Schicksalsschläge. Es wäre falsch gewesen, die Szene weichzubügeln. Ich fürchte, Tilos Tod war unvermeidlich.

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Blogroman: 37 – Kein Blut

Tom schrie auf und stürzte zu dem Jungen hin. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten, kroch die letzten Meter. Das Kind lag vor ihm, noch war die Schusswunde im Rücken nur als sauberes Loch in der Jacke zu erkennen. Kein Blut, dachte Tom und drehte den Jungen um. Große Augen sahen ihn an, der Körper erschlaffte in Toms Armen. Erneut schrie er den Schrecken und die Wut aus sich heraus. Wie aus weiter Ferne hörte er Schritte auf sich zukommen. Doch zum ersten Mal war ihm sein eigenes Leben egal.

Was bisher geschah

Einfach nur müde? Pure Langeweile?

Schon einmal der Frage erlegen? Warum gähnen wir eigentlich?

Klar, weil wir müde sind!  Deshalb gähnen wir ja auch besonders in den Abendstunden. Der Körper sagt uns damit, dass wir müde sind und uns besser schlafen legen sollten. Auch morgendliches Gähnen lässt sich leicht erklären: Wir sind noch nicht richtig wach, möglicherweise sogar noch gar nicht ausgeschlafen und der Körper will uns wiederum signalisieren, dass wir besser noch ein bisschen weiterschlafen sollten. Und manchmal gähnen wir aus Langeweile, ein Gefühl, das ja meist an Müdigkeit gekoppelt ist, schließlich heißt es nicht umsonst, etwas, was uns langweilt, macht uns müde.

Aber was sind wir doch für Trantüten, bei all den vielen Gähnern am Tag. Vor allem, weil wir uns mit dieser Erklärung so leicht zufrieden geben. Ich übrigens auch. Noch bis vor wenigen Tagen. Und das, obwohl ich eine Katze habe, die mir den ganzen Tag etwas vorgähnt. Seltsam, dass mir das so lange kaum aufgefallen ist, bis ich begann, mir darüber Gedanken zu machen.

Sind Katzen chronisch müde? Ich glaube, jeder Katzenbesitzer wird das ausschließen, denn Katzen gähnen nicht nur, wenn sie kurz davor sind, vor Müdigkeit umzufallen. Sie scheinen in fast jeder Situation gähnen zu können. Vielleicht sind sie also ständig gelangweilt.

Tatsächlich brauchte es nur wenig Beobachtung, um festzustellen, dass Lili in verschiedenen Situationen gähnt, es aber dann besonders auffällig ist, wenn sie etwas von mir fordert. Sie will nach draußen, wieder rein, fressen oder spielen. Immer ist das mit heftigem Gähnen verknüpft. Geradezu aufdringlich, wie sie vor dem Fenster sitzt und abwechselnd miaut und gähnt.

Die Überlegung, dass Katzen Gähnen als Kommunikationsmittel verwenden, liegt weniger als einen Katzensprung entfernt. Eine Überlegung, die mich anfangs kaum aufregte, mich wie üblich nur dazu anregte, diesen Gedanken immer mal wieder aufzugreifen und im Hirn hin und her zu wälzen. Immerhin behielt ich im Hinterkopf, in absehbarer Zeit mal in Katzenratgebern zu stöbern, wie dort das Gähnverhalten der Katzen interpretiert wird, allein schon, um die Katze besser zu verstehen.

Allerdings brachte eine Erinnerung neue Aspekte. Ich habe nämlich auch schon viel Umgang mit Hunden gehabt, teilweise heute noch, denn sowohl meine Freundin als auch mein Bruder sind Hundebesitzer. Und Hunde gähnen auch. Und zwar ebenfalls häufig und gleichermaßen exzessiv wie expressiv, gerne verbunden mit einem fiependen Laut. Und ähnlich meiner Lili tun sie es unter anderem, wenn sie aufs Fressen oder das Gassigehen warten. Kommunizieren also auch Hunde durch Gähnen?

Und gibt es das möglicherweise beim Menschen auch? Gähnen wir instinktiv, wenn wir dem Partner mitteilen wollen, er solle sich mal ein bisschen beeilen? Das sollte man vielleicht mal ein bisschen beobachten, explizit aufgefallen wäre es mir noch nicht, aber ganz ausschließen würde ich es auch nicht.

Jedenfalls scheinen wir dem Gähnen als Kommunikationsmittel nicht allzu viel Bedeutung beizumessen, abgesehen von einer Ausnahme: Gähnen wir mitten im Gespräch, müssen wir uns sofort entschuldigen, weil wir der Überzeugung sind, solches Gähnen würde Langeweile kommunizieren. Generell gilt Gähnen daher als unhöflich, weshalb wir es auch immer zu verstecken suchen, weil jeder Versuch, es ganz zurückzuhalten, zum Scheitern verurteilt ist. Also, Hand vor den Mund, der nach Möglichkeit so wenig wie möglich aufgerissen werden sollte.

Wie auch immer, noch immer hatte mich das Thema nicht derart gepackt, dass ich mich mit meinen eigenen Gedankengängen nicht begnügt hätte. Doch das änderte sich heute Morgen, als mich nach dem Frühstück, kurz bevor ich mich aufraffte, um wieder an den Schreibtisch zurückzukehren, ein kurzer Beitrag im Morgenmagazin fesselte: In Paris findet dieser Tage die weltweit erste Gähnkonferenz statt.

Offenbar steckt die Forschung hinsichtlich dieses Verhaltens noch vollkommen in den Kinderschuhen, mehr und mehr ziehen die Forscher das Gähnverhalten der Tiere heran, die Theorie, Gähnen könne ein evolutionäres Relikt in seiner Funktion als Kommunikationsmittel sein, ist noch eine relativ junge. Bingo! Meine Neugier war endgültig geweckt.

Prompt fand ich im Internet unter anderm diesen Artikel aus der F.A.Z., dessen Anlass eben jene Gähnkonferenz ist.  Hier auf die Einzelheiten einzugehen, würde den Rahmen sprengen, sie sind ja eben dort nachlesbar, das meiner Meinung nach Wichtigste will ich in einigen Stichpunkten zusammenfassen:

  • bis vor dreißig Jahren hat sich offenbar noch niemand ernsthaft für das Gähnen interessiert,
  • in diesen vergangenen dreißig Jahren gab es verschiedene Theorieansätze,
  • die meisten dieser Theorien wurden inzwischen wieder widerlegt, manche scheinen sich zu widersprechen, insgesamt ist man kaum weiter als vor dreißig Jahren,
  • geklärt ist wohl, dass nahezu alle Wirbeltiere gähnen, Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien, Amphibien, …
  • selbst bei Ameisen hat man Gähnverhalten entdeckt,
  • es sieht daher so aus, als ob es einen universellen Code des Gähnens gebe, der die Evolution überlebt hat,
  • das Gähnen beginnt schon im Mutterleib, bei menschlichen Föten etwa zur gleichen Zeit wie die Herausbildung des Saugreflexes, scheint also möglicherweise von ähnlich lebenswichtiger Bedeutung (gewesen) zu sein,
  • die Experten unterscheiden das spontane Gähnen, das uns aus dem Nichts heraus überfällt, und das soziale Gähnen,
  • letzteres entspricht der ja weitläufig bekannten „Ansteckungsgefahr“ beim Gähnen, die als nachgewiesen gelten kann,
  • Gähnen als soziale Komponente, also das ansteckende Gähnen, scheint eng verknüpft mit der Fähigkeit zur Empathie, so lässt sich ein Familenmitglied eher anstecken als eine fremde Person, dagegen sind Autisten, weitgehend auch Schizophrene gegen das ansteckende Gähnen immun,
  • auch Primaten stecken sich untereinander an, der Hund reagiert gähnend auf den gähnenden Besitzer und mir ist es bereits gelungen, durch Gähnen meine Katze zu gleichem Verhalten zu animieren,
  • deutlich ratloser ist man beim spontanen Gähnen, wo nur der Zusammenhang zur Müdigkeit als nachgewiesen gelten kann, wenn auch über die Art dieses Zusammenhangs noch keinerlei Klarheit herrscht,
  • ob Gähnen also Müdigkeit ausdrückt, nach sich zieht oder bekämpfen soll, bedarf noch der empirischen Forschung.

Nun bin ich sehr gespannt, zu welchen Erkenntnissen man in Paris und in der weitergehenden Forschung noch kommen mag. Ich selbst bin weder Forscher noch ausreichend informiert, um eine Theorie darzulegen, die irgendein Gewicht hätte, dennoch hat mich das Gelesene zum Weiterspinnen meiner Gedanken gebracht.

Offensichtlich hat das Gähnen heute, sowohl beim Menschen als auch in der Tierwelt, verschieden Funktionen. Diese scheinen einerseits physischer Natur zu sein, andererseits soziale, teilweise kommunikative Ursachen zu haben. Meiner Meinung nach scheint es also nicht weit hergeholt, anzunehmen, dass es ursprüngliche Funktionen des Gähnens gibt, die das Gähnen im Verlaufe der Evolution grundsätzlich erhalten haben, sowie solche, die sich erst zusätzlich herausgebildet haben, die damit aber sicherlich aus der ursprünglichen Funtktion abgeleitet werden können.

Eine ursprünglich rein physisch motivierte Reizreaktion (vergleiche etwa Abwehrreflexe) könnte durch die immer gleichen Situationen, in denen sie zum Tragen kam, auch zur sozial motivierten Ausdrucksmöglichkeit geworden sein.

Betrachten wir noch einmal die Situationen, die offenbar bei vielen Säugetieren zum Gähnen führen: Hunde strecken sich verbunden mit heftigem Gähnen, wenn sie eine Ruhephase beenden. Katzen verhalten sich genauso. Und wie schon angesprochen verhalten auch wir uns am Morgen so, wobei die Gähnhäufigkeit in dieser Phase in etwa mit der vor dem Zubettgehen zu vergleichen ist. Bei Löwen (und, wenn ich mich recht erinnere, auch bei Wölfen) hat man kollektives Gähnen festgestellt, wenn das Rudel zur Jagd aufbricht.

Möglicherweise hilft also Gähnen (und Strecken) dem Körper, sich zu reaktivieren. Er bereitet sich so auf das Tagwerk vor, auch auf besondere Aufgaben und Anforderungen, die uns bevorstehen.

Dem würde auch das Gähnen bei Müdigkeit und Langeweile nicht widersprechen, nicht als Signal, sondern als Gegenreaktion. Je ausgelaugter der Körper ist, je größer die Gefahr, einzuschlafen oder die Konzentration zu verlieren, desto häufiger versucht der Körper sich durch Gähnen zu reaktivieren.

Ich denke, es liegt nahe, ein solches rein physisch motiviertes Verhalten als das ursprüngliche anzusehen. Wie aber eben auch abwehrende Gesten zu einem deutlichen Signal für das Gegenüber, also einem Kommunikationsmittel werden, dürfte Gähnen auf dem gleichen Wege soziale Bedeutung erlangt haben.

Gerade in sozial organisierten Strukturen wie dem Rudel ist es notwendig, dass die einzelnen Tiere sich abstimmen. Ob es gemeinsam zu Jagd geht oder der Aufbruch zu neuen Weidegründen ansteht, es wäre fatal, wenn jedes Tier dafür seinen eigenen Rhythmus entwickeln würde.

Wenn ein Tier sich durch Gähnen auf die anstehende Aufgabe vorbereitet, signalisiert es gleichzeitig den anderen, dass es jetzt losgeht. Sein Gähnen steckt an. Erinnern wir uns an meine Lili, die mich durch ihr Gähnen geradezu antreiben will, oder Attila, den Hund meiner Freundin, der ihr durch Gähnen vermittelt, sie habe jetzt lange genug mit mir telefoniert, jetzt sei Gassigehen angesagt. Lili und Attila sagen also letztlich: „Hopp! Aufstehen! Beweg dich, du fauler Sack!“

Wie verhält es sich aber mit dem drohenden Gähnen, das bei manchen Tierarten beobachtet wird? So drohen Kampffische ihren Artgenossen, indem sie sie angähnen. Auch zu den Drohgebärden bei Pavianen gehört das Gähnen dazu.

Immer vorausgesetzt, ich bin nicht völlig auf dem Holzweg, ließe es sich kaum weniger leicht erklären: Auch und gerade ein drohender Kampf stellt eine besondere Herausforderung an den Körper dar, auf die er sich mit (re)aktivierendem Gähnen eingstellen könnte. Also wiederum einerseits eine rein physische Reaktion auf die drohende Gefahr durch einen Feind.

Wenn nun ein ganzer Verband Paviane beim Gähnen die Zähne zeigt, kann man das schon mal als bedrohlich interpretieren. Mehr noch: Es signalisiert: „Komm du nur, Freundchen, wir sind vorbereitet und hellwach!“

Interessanterweise also genau das Gegenteil von dem, was wir bei uns Menschen immer angenommen haben. Nur dass uns eben diese evolutionären Hintergründe einfach völlig abhanden gekommen sind. Denn wir ziehen den vorschnellen Schluss, wir gähnten nur, wenn wir müde sind oder wenn man uns langweilt. Und das obwohl uns eigentlich sogar an unserem eigenen Verhalten auffallen müsste, dass es diese Theorie nicht immer stützt, sondern sie vielmehr mindestens ebenso oft widerlegt.

Wenn wir also „gelangweilt“ gähnen, versuchen wir uns eigentlich zu reaktivieren, wir strengen uns an, nicht abzuschalten, die Energie bereitzustellen, um die Situation durchzuhalten. Nur leider kommt das in diesem Fall aufs selbe raus, denn unser Gegenüber findet es sicher nicht viel höflicher, wenn wir zwar nicht vordergründig sagen, dass uns langweilig ist, ihm aber förmlich entgegenschreien, dass uns seine Rede jede Anstrengung abverlangt, um nicht einzuschlafen.

Hungrige Mäuler

Da stehe ich doch neulich an einem Asia-Imbiss und warte, dass meine Bestellung fertig wird. Außer mir wartete unter anderem noch eine Familie, die sich freundlicherweise zu allererst den letzten freien Tisch gesichert hatte, weshalb ich im Stehen wartete, mit der Aussicht in eben dieser Position auch die Mahlzeit einzunehmen. Na ja, ich bin ja noch jung.

Mein Essen wurde gleichzeitig mit einem derer vom Familientisch fertig, weshalb man sowohl mich als auch eines der Familienmitglieder heranwinkte.

Die junge Frau, die daraufhin aufsprang und zum Tresen stürmte, erreichte diesen kurz vor mir und griff sich beide Teller. Weder dem vorsichtigen Hinweis meinerseits noch dem aufgeregten Gestikulieren des Imbissers schenkte sie weitere Beachtung, marschierte stattdessen zu dem ebenso forsch eroberten Tisch zurück.

Ein weiterer Versuch blieb erfolglos. In Ermangelung eines Namens sprach ich sie ein drittes Mal mit „Hallo“ an, wobei ich in der Annahme, meine Stimmgewalt sei bis dahin nicht ausreichend gewesen, den Lautstärkeregler um einen kleinen weißen Strich nach oben schob.

Ein wütendes Schnauben entwich den grimmassierenden Mundwinkeln der wohlerzogenen Dame, gefolgt von einem: „Is ja gut!“

Ich konnte meine Mahlzeit im Anschluss kaum noch genießen, fragte ich mich doch die ganze Zeit, ob es unrecht war, was ich tat, ob ich die Familie nicht wenigstens erst einmal in Ruhe und jeden für sich hätte probieren lassen sollen, ob es sich wirklich nicht um ihre Bestellung handelte, oder ob es gar vermessen war, diesen Anspruch überhaupt geltend zu machen.

Schließlich hätte ich ja ein weiteres Mal bestellen und bezahlen können. Mit etwas Glück wären bis dahin alle anderen hungrigen Mäuler gestopft gewesen. Ich hätte natürlich dann noch einmal fragen müssen, ob sich nicht irgendwer mein Essen für schlechte Zeiten einpacken lassen wollte.

Der Feuerwald – Teil 1

Der Feuerwald

Sven starrte in das Feuer. Allein bei dem Anblick trat ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf die Stirn. Was mache ich hier? Ich muss bescheuert sein. Er schaute zu Lesan. Ihr Blick aus den dunklen Augen ruhte auf ihm, als wolle sie ihn prüfen. Sie hob die Schultern. „Es tut mir leid, Haltar. Ich habe alles versucht, um dich nicht rufen zu müssen.“
„Ich weiß“, antwortete Sven und wusste wieder, warum er hier war. „Ich bin froh, dass du an mich gedacht hast. Und ich halte mein Wort: Wann immer du mich brauchst, will ich dir zur Seite stehen.“
„Dann los!“, sagte Hold und schritt voran.
Sven betrachtete den Recken und schmunzelte. Es war noch immer ein seltsames Gefühl, dass Königin Lesan Thiarna, die Auserwählte, auf die Hilfe eines Sonderlings aus der anderen Welt angewiesen war, wo ihr doch ein 1. Ritter treu ergeben war, dem Hollywood kein heldenhafteres Aussehen hätte verpassen können.

Er tat es Lesan gleich und verabschiedete sich von den Pferden. Dorthin, wo sie jetzt hingingen, konnten die Tiere sie nicht begleiten. Lesans Lächeln verlieh ihm Kraft und gemeinsam folgten sie Hold, der ohne jedes Zögern direkt auf den Feuerwald zumarschierte.

Die Nacht war taghell, mit jedem Schritt wurde es heißer und es fühlte sich an, als liefen sie direkt auf die Sonne zu. Einen Wald wie diesen hatte Sven noch nie gesehen. Die Bäume, wenn es denn welche waren, wirkten eher wie riesige Gräser. Sie standen so dicht, dass man den Eindruck hatte, man steuere auf eine geschlossene Wand zu. Eine Wand aus Feuer. Bestehend aus unzähligen spitzzüngigen Flammen, die sich dem Nachthimmel entgegenreckten und ihn in Brand setzten.

Sie erreichten Hold direkt vor der Waldgrenze. Er hatte die leeren Drachenlederschläuche von Zoupar abgelegt und sich seines Wamses aus demselben Material entledigt.
„Bist du verrückt?“, fuhr ihn Lesan an. „Hast du denn alles vergessen? Wenn du ungeschützt in den Wald gehst, wird es dir die Haut abschälen, bis du vollständig verbrennst!“
Hold sah sie ratlos an. „Und was soll ich nun tun, Herrin?“
„Zieh das Wams wieder an! Und vergiss den Gesichtsschutz nicht!“
Sven musste ein Kichern unterdrücken. Die Wan waren ein so schönes Volk, doch abgesehen von ihrer jungen Königin waren sie erbärmliche Trottel. So liebenswert sie das machte, manchmal konnte es einen an den Rand der Verzweiflung bringen. Für Sven allerdings bot das letztlich einen großen Vorteil, das war ihm durchaus bewusst. Endlich einmal fühlte nicht er sich als Trottel! Das stärkte das Selbstbewusstsein. Denn in Wanaheil wurde er bewundert, obwohl alle um ihn herum viel besser aussahen als er. Doch hier zählte seine Intelligenz und sein strategisches Geschick.

Viel sympathischer machte das den Feuerwald nicht. Und obgleich das Drachenleder an ihrem Körper das Schlimmste verhindern sollte, half es kaum gegen die Hitze. Schon nach wenigen Metern hätte Sven einen Saunagang mit seiner Familie, dieses wöchentliche Ritual, dem er sich seit Jahren vergeblich zu entziehen suchte, als willkommene Abkühlung empfunden.

Je weiter sie kamen, desto beschwerlicher wurde es. Der Schweiß sammelte sich unter dem Leder, statt zu verdampfen, und bildete einen Film aus kochender Flüssigkeit. Die Haut darunter brannte, als habe Sven es sich in einem Pizzaofen bequem gemacht. Das Blut pulsierte siedend heiß, in der Kehle kratzte die Trockenheit, der Kopf wollte zerspringen. Sein ganzer Körper bestand aus feurigem Schmerz. Der Geruch von schwitzendem Leder und verbrannter Haut stieg ihm in die Nase. In seinen Ohren summte es wie ein Schwarm Hornissen.

Dabei musste Sven immer wieder die Augen schließen, weil er das Gefühl hatte, er hielte sein Gesicht direkt in ein blendendes Lagerfeuer und müsse dabei unweigerlich erblinden. Die gleißende Helligkeit um ihn herum ließ ihn nur wenig erkennen. Nur einmal fiel ihm auf, dass selbst die Feuerpflanzen dicke, rötlich glitzernde Tropfen ausschieden.

Bei jedem Schritt kämpfte sein Geist mit dem verführerischen Gedanken umzukehren. Wenigstens den schweren Rucksack hätte er gern abgelegt, doch genau den würde er noch brauchen. Mit dem Ziel dieser Tour durch die Hölle wollte er sich allerdings gar nicht erst befassen.

Quälend war es auch, mit anzusehen, wie selbst das schöne Gesicht Lesans unter der Hitze litt. Anfangs hatte sie noch versucht, ihr Leiden zu verbergen, doch inzwischen hätte sie das zu viel Kraft gekostet. Wie ein verhungerndes Rehkitz schleppte sie sich vorwärts und Sven schien es, als hingen selbst die stolzen Spitzen ihrer Ohren ein wenig herab.

Auch Hold keuchte. Dabei schienen ihm die Strapazen noch am wenigsten auszumachen. Sven vermutete, dass der Ritter mit stoischer Ruhe in den Tod laufen würde, sollte Lesan das von ihm verlangen.

Doch plötzlich blieb der Recke stehen und überlegte. Langsam drehte er sich um und krächzte, als habe er seit der Entwöhnung von der Muttermilch nichts mehr zu trinken bekommen: „Ich glaube, wir sind am Ziel, Herrin.“
Lesan hob den Kopf. „Ja, hier sind wir. Im Zentrum des Feuerwalds an den Heißen Wassern. Hier lebt Dragen Fiur, der die Quelle des Waldes bewacht.“
Als Sven zu sprechen begann, fürchtete er, ihm würde die Stimme noch während der ersten Worte verloren gehen, um niemals wiederzukehren. „Wollt ihr noch etwas ausruhen, bevor wir den Plan in die Tat umsetzen?“
Lesan schüttelte kaum merklich den Kopf. „Je schneller wir diesen Ort verlassen können, desto besser.“
Sven bemühte sich, seine Strategie noch einmal ausführlich zu erklären, wobei er vor allem Hold fixierte. Glücklicherweise sah sein Plan vor, dass der 1. Ritter bei Lesan bleiben würde, die ihm zur Not noch einmal die genauen Anweisungen geben könnte.

Er wartete, bis sich die beiden außer Sichtweite befanden. Es kam ihm so vor, als wären Stunden vergangen, bis es endlich so weit war. Dann kroch er näher an den See heran, und setzte sich ans Ufer, als sei er ein Tourist an der Müritz. Doch gleich darauf sprang er wieder auf. Er hätte sich denken können, dass der Boden ihm den Hintern verbrennen würde.

Er schaute sich um. Lesan hatte recht gehabt. Weit und breit war nicht ein einziger Stein zu sehen. Sven öffnete seinen Rucksack und griff hinein. Selbst die Kaltsteine, die ihm Lesans Magier Zoupar mitgegeben hatte, waren so heiß, dass er sie trotz der Handschuhe kaum berühren konnte. Jeder andere Stein wäre längst geschmolzen.

Er nahm sich keine Zeit zum Zielen. Er hätte ohnehin nicht gewusst, welche Stelle in dem rot glühenden See die beste für sein Vorhaben war. Mit einem lauten Platschen und zischenden Dämpfen verschwand der Stein in den Lavafluten. Sven warf gleich noch einen zweiten hinterher, nach einer kleinen Pause einen dritten.

Als er sich erneut bückte, um den vierten Stein aufzunehmen, hörte er ein deutliches Brodeln, das die üblichen Geräusche der Heißen Wasser noch übertönte. Weit schneller, als er es sich bei diesen Temperaturen zugetraut hätte, fuhr er herum. Riesige Blasen entstanden um einen noch größeren Strudel in der Mitte des Sees. Dann hob sich ein Kopf aus dem dampfenden Rot, der die Dimensionen eines Kleinbusses hatte und aussah wie bei einer Kreuzung aus Krokodil, Nashorn und Flammenwerfer.

Weiter zu Teil 2.