Zwischen den Zeilen

Zwischen den Zeilen

© Adi

Mit einem Knall fiel die Wohnungstür ins Schloss. Dorit lehnte sich dagegen und ballte die Fäuste. Einen Moment lang musste sie sich bewusst machen, dass sie jetzt daheim war. In ihrem kleinen Schloss. Die Zugbrücke hochgezogen. Frust und Enttäuschung mussten draußen bleiben. Noch einmal wandte sie sich der Tür zu, zeigte der Welt, allen voran Thomas, den Finger.

Keine Zeit verstreichen lassen. Einen Tee, eine Tafel Schokolade. Zartbitter! Ihre Ungeduld verlangte drei Versuche, um die Duftkerze zu entzünden.

Rosen! Endlich konnte sie es sich auf ihrer Kuschelcouch bequem machen. Einige besinnliche Sekunden, in denen sie mit zarten Fingerspitzen über das Cover strich, bevor sie das Buch öffnete und sich auf die Zeilen stürzte. Begierig saugte sie an jedem einzelnen Buchstaben, sehnte ihn herbei, den magischen Moment. Dann trat er hervor, ließ sich nicht mehr lange bitten. Dorit spürte, dass er sich ganz auf die Beziehung eingelassen hatte. Und beide ließen sie die Geschichte Geschichte sein und widmeten sich ihrem eigenen Märchen, daheim, auf der Kuschelcouch.

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Die Zeitung (Teil 2)

Foto: Pack-Shot

Foto: Pack-Shot

Teil1

Niklas stand eine ganze Weile vor der Tür der Schönherrs herum. Langsam drehte er sich um und ging die Treppe wieder hinunter. Es konnte sich nur um einen bösen Scherz handeln. Je näher sich der Uhrzeiger der Vier genähert hatte, desto unwahrscheinlicher war es ihm erschienen, dass es anders sein könnte.

„Niklas?“
Er fuhr herum. Laura stand auf dem Treppenabsatz.
„Wolltest du nicht zu mir kommen?“
„Ich … ich hab was vergessen.“
„Was denn?“
„Ähm … mein … meine … meinen … nicht so wichtig.“
„Hast du vergessen, was du vergessen hast?“ Laura lachte.
„Ähm …“ Sie musste gar nichts dafür tun, dass er sich zum Trottel machte.
„Komm schon! Wenn es dir wieder einfällt, kannst du es ja noch holen. Ist ja nicht gerade eine Weltreise.“ Sie verschwand. Er hätte es ihr am liebsten gleichgetan. Dafür war es jetzt zu spät. Er konnte nicht mehr zurück.

Ihm war äußerst unwohl bei der Sache. Vorsichtig schob er sich durch den Türspalt in die Wohnung der Schönherrs. Sie war genauso geschnitten wie die seiner Eltern. Die Frage war, ob Lauras Zimmer auch am Ende des langen Flurs lag. Links war die erste Tür leicht geöffnet. Offenbar das Schlafzimmer. Wie bei seinen Eltern. Das große Zimmer dahinter musste das Wohnzimmer sein. Wohin aber war Laura verschwunden? Er ging vorsichtig ein paar Schritte voran. Klar, Bad und Küche auf der rechten Seite. Die Tür, die unten zu seinem Zimmer geführt hätte, war geschlossen.
„Herr Klein? Haben Sie einen Termin bei meiner Mutter?“ Laura stand in der Tür gegenüber des Schlafzimmers und grinste.

Niklas beeilte sich, ihr in ihr Zimmer zu folgen. „Du hast das zweitgrößte Zimmer der Wohnung?“ Er vergaß fast seine Aufregung, so sehr staunte er.
„Du nicht?“
Er schüttelte den Kopf. Unten arbeitete sein Vater in diesem Raum. Niklas musste sich mit dem kleinsten Zimmer begnügen. Er schaute sich um. Er hatte noch nie ein Mädchenzimmer gesehen, aber so hatte er es sich bestimmt nicht vorgestellt. Als erstes fiel ihm der Fernseher auf. Ein eigener Fernseher! Wie oft hatte er sich das gewünscht. Auf dem riesigen Flachbildschirm, der auf dem Schreibtisch am Fenster stand, lief ein Bildschirmschoner. „Emma Peel!“ Er zeigte auf den Bildschirm und dann auf die Poster.
„Hast du den Film gesehen?“
„Klar!“, antwortete er, verkniff sich aber, dass seiner Meinung nach Uma Thurman in der Rolle der Peel so ziemlich das einzig Sehenswerte in dem Streifen gewesen war. Stattdessen staunte er jetzt über die vielen Bücher. „Hast du die alle gelesen?“
„Fast. Die meisten sind Krimis und Thriller. Da steh ich total drauf. Und jetzt glotz hier nicht nur blöd rum!“ Sie deutet mit einem Kopfnicken an, dass er sich auf die Couch setzen sollte. „Wir haben selbst einen Fall zu lösen!“
Er folgte dem Befehl sofort. Als sie sich neben ihn setzte, war seine Unsicherheit wieder da.
„Rück mir nicht so auf die Pelle!“
Obwohl sie reichlich Platz zur anderen Seite hatte, zwängte sich Niklas ganz bis an den Rand der Couch. Laura goss Orangensaft in zwei bereitgestellte Gläser und hielt ihm eines davon hin. Er mochte keinen Orangensaft, aber das schien Laura nicht zu interessieren. Er wollte sie nicht verärgern, griff schnell zu und nippte an dem Glas. Auch noch mit Fruchtfleisch!
Nun hatte er doch alles falsch gemacht. Mit strengem Blick streckte sie ihm ihr Glas entgegen, bis er begriff, dass er mit ihr anstoßen sollte. „Auf meinen Plan!“, sagte sie feierlich, kurz bevor die Gläser sich mit einem leisen Pling berührten, und Niklas fragte sich, ob er noch eingeweiht werden würde.

Mc Pom Fritz: Eine schlechte Wahl

Ich hatte ein scheußliches Wochenende. Bianca hat sich von mir getrennt. Vielleicht auch nicht, denn wir waren ja noch gar nicht so richtig zusammen. Glaub ich jedenfalls, ne.

Dabei hat es so schön begonnen. Zum zweiten Mal war ich mit ihr einkaufen. Und diesmal hat uns Brad nicht gestört. Also er war gar nicht da, mein ich. Bianca war fröhlich und wir haben viel gelacht. Auch auf der Rückfahrt.

Als wir fast zu Hause waren, hat Bianca auf eins der Wahlplakate in unserer Straße gezeigt und gemeint, die müsste nun endlich mal jemand abhängen, die Wahl wäre schließlich vorbei. Klar, hab ich gesagt, mach ich nachher gleich. Die NPD kann sich ja schließlich nicht um alles kümmern.

Da hatte ich wohl irgendwas falsch verstanden. Bianca trat sofort auf die Bremse und guckte mich ganz wild an. Ob ich die etwa auch gewählt hätte. Ich wusste gar nicht, was ich antworten sollte. Ich wollte ja nicht lügen, ne. Aber ich hab auch gemerkt, dass Bianca die Antwort irgendwie nicht gefallen würde.

Sie hat trotzdem irgendwie gewusst, was ich gesagt hätte. Steig sofort aus meinem Auto!, hat sie gesagt. Und dass ich Glück hätte, dass wir schon zu Hause wären. Und ich sollte nicht auf die Idee kommen, sie am Freitag wieder zum Einkaufen abzuholen. Oder sie überhaupt wiederzutreffen.

Dann hat sie mich stehen lassen. Ich hab da noch lange gestanden. Sie hat sich nicht mehr umgedreht. Meine Einkäufe hat sie im Auto gelassen. Die hat sie mir am nächsten Tag einfach vor die Tür gestellt. Aber erst mal stand ich da noch. Keine Ahnung, wie lange. Ich wär am liebsten gestorben. Auch später auf meiner Couch. Da hab ich auch die letzten zwei Nächte geschlafen. Ist doch egal, ob auf der Couch oder der Matratze!

Ich hab heute Morgen überlegt, ob ich überhaupt zur Arbeit gehe. Aber dann bin ich doch los, ne. Und als ich dann auf Arbeit war, wollte ich gar nicht mehr aufhören zu arbeiten. Wolf hat mich gefragt, was denn los wäre. Aber ich hab nur geschrien, er soll mich in Ruhe lassen.

Ob ich morgen zur Arbeit geh, weiß ich noch nicht. Aber wenn ich zu Hause bleib, werd ich noch verrückt. Deshalb hab ich das jetzt auch endlich geschrieben. Ich glaub, ich muss mich bei Wolf entschuldigen, ne.

Bis dann,

Euer Mc Pom Fritz

Zooland: Schlafmütze

Schlafmütze

War ja wieder klar! „Hey, Schlafmütze! Gib mal was von der Decke ab!“
So ein Schnarcher! „Hey … Heyey! Frauchen hat dich gerufen. Sie hat Leckerli für dich.“
Das gibt es doch nicht. Sieht so aus, als müsste ich wieder fernsehen. Hoffentlich läuft nicht gerade Kommissar Rex.

Wenn die Nase läuft

Foto: Philipp Bobrowski

Peter war noch nie krank gewesen. Als er mir die Tür öffnete, war ich daher verwundert, wie kränklich er aussah. Sein entsetzter Ausdruck in den Augen, wunderte mich allerdings nicht. Es musste ein Schock für ihn sein, was ihm da widerfahren war.
„Was ist los?“, fragte ich ihn.
„Meine Nase läuft“, sagte er, als stünde er bereits mit beiden Beinen im Grab.
„Das sehe ich.“ Ich versuchte den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, aber die Faszination besiegte den Ekel und ich schaute doch wieder hin.
„Das ist mir noch nie passiert!“ Peter sah mich an, als könne nur ich noch verhindern, dass jemand das Grab zuschaufelte.
„Bleib ganz ruhig“, sagte ich und drängte in die Wohnung hinein. „Erst mal machen wir die Tür zu.“ Ich schloss die Tür, um Schlimmeres zu verhindern. Dann schob ich Peter vor mir her in sein Wohnzimmer zu seiner Couch, die noch immer aussah wie gerade erst geliefert. „Setz dich!“, befahl ich.
Er folgte mit hängenden Schultern, ließ sich kraftlos auf das rote Polstermöbel fallen. Ich setzte mich neben ihn, wühlte in meiner Jackentasche, zog eine Packung Taschentücher hervor und reichte ihm eines. Er sah mich zunächst verständnislos an, doch noch bevor ich ihm eine Erklärung liefern konnte, nickte er verstehend, nahm das Taschentuch und wischte sich die Tränen aus den Augen und von der Wange.
Ich lächelte zufrieden. „So, dann erzähl mal.“
„Ich saß am Küchentisch und trank einen heißen Kaffee.“
„Lauwarm“, berichtigte ich.
„Nein, er war heiß. Als Sybille mich gestern verlassen hat, ist so oft das Wort ,Warmduscher‘ gefallen, dass ich dachte, es sei an der Zeit, etwas zu ändern.“
„Aha“, sagte ich. „Und da dachtest du, der Kaffee wäre ein guter Anfang.“
„Genau. Ich konnte nur nippen, denn der Kaffee kam direkt aus der Maschine. Der heiße Dampf stieg mir in die Nase und plötzlich begann sie zu jucken.“
„Das ist normal.“
„Mag sein. Aber sie juckte immer mehr. Ich stellte die Tasse ab und kratze mich – da fiel sie ab!“
„Einfach so?“ Ich fasste mir an die eigene Nase.
„Einfach so. Von einem Moment auf den anderen saß sie auf dem Rand meiner Kaffeetasse. Dann sprang sie auf den Tisch, von dort auf den Boden, und lief davon.“
„Hast du gesehen, wo sie hingelaufen ist?“ Ich wollte mich von seiner Verzweiflung nicht anstecken lassen.
„Erst lief sie hierhin, dann dorthin. Zuletzt habe ich sie auf dem Flügel im Musikzimmer gesehen. Ich habe es abgeschlossen.“
„Gut. Dann lass uns mal auf Nasenjagd gehen.“

Es war einfacher, als ich gedacht hätte. Die Nase war auf dem Flügel zur Ruhe gekommen und schnarchte. Es war kein schöner Anblick. Überall diese Schleimhäute! Aber ich konzentrierte mich nur auf Peters Nase, schlich mich an, packte sie und übergab sie ihrem Besitzer.
Peter war glücklich. Er ging ins Bad und putzte seine Nase ausgiebig. Sie glänzte richtig. „Was mach ich jetzt?“, fragte er mich.
„Du solltest damit zum Arzt gehen.“
Peter schaute mich entgeistert an. „Ich war noch nie beim Arzt. Ich weiß gar nicht, wie ich gehen muss.“
Mit einem Lächeln antwortete ich: „Immer der Nase nach.“

 

Peter war noch nie krank gewesen. Als er mir die Tür öffnete, war ich daher verwundert, wie kränklich er aussah. Sein entsetzter Ausdruck in den Augen, wunderte mich allerdings nicht. Es musste ein Schock für ihn sein, was ihm da widerfahren war.

„Was ist los?“, fragte ich ihn.

„Meine Nase läuft“, sagte er, als stünde er bereits mit beiden Beinen im Grab.

„Das sehe ich.“ Ich versuchte den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, aber die Faszination besiegte den Ekel und ich schaute doch wieder hin.

„Das ist mir noch nie passiert!“ Peter sah mich an, als könne nur ich noch verhindern, dass jemand das Grab zuschaufelte.

„Bleib ganz ruhig“, sagte ich und drängte in die Wohnung hinein. „Erst mal machen wir die Tür zu.“ Ich schloss die Tür, um Schlimmeres zu verhindern. Dann schob ich Peter vor mir her in sein Wohnzimmer zu seiner Couch, die noch immer aussah wie gerade erst geliefert. „Setz dich!“, befahl ich.

Er folgte mit hängenden Schultern, ließ sich kraftlos auf das rote Polstermöbel fallen. Ich setzte mich neben ihn, wühlte in meiner Jackentasche, zog eine Packung Taschentücher hervor und reichte ihm eines. Er sah mich zunächst verständnislos an, doch noch bevor ich ihm eine Erklärung liefern konnte, nickte er verstehend, nahm das Taschentuch und wischte sich die Tränen aus den Augen und von der Wange.

Ich lächelte zufrieden. „So, dann erzähl mal.“

„Ich saß am Küchentisch und trank einen heißen Kaffee.“

„Lauwarm“, berichtigte ich.

„Nein, er war heiß. Als Sybille mich gestern verlassen hat, ist so oft das Wort ,Warmduscher‘ gefallen, dass ich dachte, es sei an der Zeit, etwas zu ändern.“

„Aha“, sagte ich. „Und da dachtest du, der Kaffee wäre ein guter Anfang.“

„Genau. Ich konnte nur nippen, denn der Kaffee kam direkt aus der Maschine. Der heiße Dampf stieg mir in die Nase und plötzlich begann sie zu jucken.“

„Das ist normal.“

„Mag sein. Aber sie juckte immer mehr. Ich stellte die Tasse ab und kratze mich – da fiel sie ab!“

„Einfach so?“ Ich fasste mir an die eigene Nase.

„Einfach so. Von einem Moment auf den anderen saß sie auf dem Rand meiner Kaffeetasse. Dann sprang sie auf den Tisch, von dort auf den Boden, und lief davon.“

„Hast du gesehen, wo sie hingelaufen ist?“ Ich wollte mich von seiner Verzweiflung nicht anstecken lassen.

„Erst lief sie hierhin, dann dorthin. Zuletzt habe ich sie auf dem Flügel im Musikzimmer gesehen. Ich habe es abgeschlossen.“

„Gut. Dann lass uns mal auf Nasenjagd gehen.“

Es war einfacher, als ich gedacht hätte. Die Nase war auf dem Flügel zur Ruhe gekommen und schnarchte. Es war kein schöner Anblick. Überall diese Schleimhäute! Aber ich konzentrierte mich nur auf Peters Nase, schlich mich an, packte sie und übergab sie ihrem Besitzer.

Peter war glücklich. Er ging ins Bad und putzte seine Nase ausgiebig. Sie glänzte richtig. „Was mach ich jetzt?“, fragte er mich.

„Du solltest damit zum Arzt gehen.“

Peter schaute mich entgeistert an. „Ich war noch nie beim Arzt. Ich weiß gar nicht, wie ich gehen muss.“

Mit einem Lächeln antwortete ich: „Immer der Nase nach.“