Größe ist relativ

Foto: Péter Gudella

Foto: Péter Gudella

Norma saß auf dem Bett im Schlafzimmer. Sie sah aus wie eine Skipiste im Sommerurlaub. Doch das Schmelzwasser, das aus ihren geweiteten Augen rann, veränderte ihren Zustand nicht.
„Wo?“ Martin konnte es nicht lassen, seiner Stimme einen genervten Unterton zu verleihen.
„Hab ich doch gesagt!“, schrie sie ihn an. Ihre Stimme überschlug sich. So hysterisch hatte er sie noch nie erlebt.
„Im Gartenhaus also?“
Sie nickte und sah ihn flehentlich an. In ihrem Blick fand er einen Ausdruck, den er nicht deuten konnte. Sie sah schrecklich aus. Er vergaß seinen Ärger, setzte sich neben sie und legte seinen Arm um sie.
Norma zitterte und reagierte nicht auf den zärtlichen Kuss.
„Was ist denn los? So schlimm war es doch noch nie?“
Sie riss sich los und boxte ihm mit ihren kleinen Fäustchen auf die Brust. „Sie ist riesig!“
„Es ist eine Spinne!“ Der Ärger meldete sich zurück. „Dafür musstest du mich extra anrufen und aus dem Büro holen?“ Schon am Telefon hatte sie so anders geklungen, sodass er sich schließlich ergeben hatte. Seiner Sekretärin hatte er etwas von einem Unfall erzählt. Was sollte sie von der Frau des Chefs denken, wenn sie erfuhr, dass sie ihn wegen einer Spinne nach Hause holte? Den Klatsch wollte er Norma und sich selbst ersparen.
Norma antwortete nicht, bibberte nur weiter vor sich hin und starrte auf den
Teppich. Er stand auf. „Na, dann werde ich mir das Tierchen mal ansehen.“
Norma erwachte. „Geh nicht!“
„Es ist eine Spinne“, wiederholte er.
Norma sprang auf und klammerte sich an seinen Arm. „Es ist ein Monster!“
„Das hast du mir aber am Telefon noch nicht gesagt“, scherzte er. Er fühlte ein Unbehagen. Nicht wegen der Spinne, aber irgendetwas stimmte nicht mit seiner Frau. Norma hatte alle Arten von Insekten schon immer gehasst, derart panisch kannte er sie jedoch nicht. Wieder sah er diesen seltsamen Ausdruck in ihren Augen. War sie verrückt geworden? Das konnte einem ja Angst machen.
„Bleib bei mir!“ Sie wimmerte wie ein kleines Mädchen. Ihr Griff aber war fest.
Er fühlte sich plötzlich wie gefesselt, suchte Schutz in einem harten Tonfall. „Lass mich los! Was ist denn bloß mit dir? Reiß dich zusammen und werd mal wieder normal!“
Von einem Moment zum nächsten ließ sie ihn los. Sie schaute ihn an, traurig und zugleich auf eine neue Art seltsam. „Du hast recht. Geh nur. Ich werde hier warten.“
„Na also, es geht doch.“ Martin wunderte sich ein wenig über Normas Stimme, aus der jedes Zittern verschwunden war, während er durchs Wohnzimmer in den Garten ging.

Auf dem Weg zum Gartenhäuschen, dessen Fenster von den hässlichen Blumenvorhängen verschandelt wurden, die Norma letzten Monat wegen der gnadenlosen Sonne gekauft hatte, fragte er sich, wie groß das Exemplar wohl sein könnte, das ihr solch einen Schrecken eingejagt hatte. Wahrscheinlich eine dieser Gartenkreuzspinnen. Die wurden wirklich riesig. Im letzten Sommer hatte er seiner Frau zuliebe eine töten müssen, deren Körper einem schon aus mehr als zwanzig Metern Entfernung ins Auge stach. Groß wie eine fette braune Kirsche. Den Spaten, dessen Rückseite vollständig mit dem Blut und den Körperteilen der Leiche eingesaut gewesen war, hatte er entsorgt.

Jetzt griff er nach dem neuen Spaten. Ein bisschen aufgeregt war er schon. Um ihn herum war alles merkwürdig still. Selbst die immer gegenwärtigen Vögel schienen den Atem anzuhalten. Vielleicht beobachten sie mich, dachte er und kicherte. Immerhin musste das „Monster“ noch da drinnen sein. Wie auch immer es Norma fertiggebracht hatte – die Tür des Häuschens war zu.

Er kam gar nicht hinein! Es war kein Platz mehr im Gartenhaus. Er starrte in das haarige Antlitz der Spinne. Gigantische Augen sahen ihn an. Er war so baff, dass er Wurzeln schlug. Da wird der Spaten wohl nicht ausreichen, dachte er noch, dann brach der massige Körper des Ungetüms mit solcher Wucht durch die Holzwand, dass nicht nur die Blümchenvorhänge das Zeitliche segneten.

Der Biss war kurz und schmerzhaft. Er spürte, wie ihm die riesigen Kiefer die Rippen brachen. Das Gift wirkte schnell und half ein wenig gegen das Schwindelgefühl, als die Spinne begann, ihn zwischen ihren Vorderbeinen zu drehen. Er ahnte, dass er nicht lange abhängen würde. Wenigstens musste er sich so nicht ewig mit dem Gedanken herumquälen, dass er Norma besser vertraut hätte.

Der Schuppen

Der Schuppen

„Den Schuppen kann ich Ihnen leider noch nicht zeigen.“

Frau Lost schien eine aufgeräumte Person zu sein. Haus und Garten waren in bestem Zustand, wenn auch alles andere als modern. Auch der Schuppen war alt und wirkte ein wenig klapprig. Ich wusste nicht, was sie dort versteckte, aber es schien ihr peinlich zu sein. Im ersten Moment dachte ich, sie habe dort vielleicht allen möglichen Krempel zu einem Chaos gestapelt, von außen war davon aber nichts zu sehen. Im Gegenteil, der Schuppen wirkte vollkommen leer. Wie dem auch sei, ich wusste noch gar nicht, ob ich überhaupt Verwendung für ihn haben würde, liebäugelte eher mit einem moderneren Gartenhaus, in dem man es sich auch einmal gemütlich machen konnte. Und alles andere hatte mich so überzeugt, dass die Unterschrift unter den Kaufvertrag nur noch reine Formalität war.

Ich freute mich schon auf den Moment, in dem das Kistenschleppen endlich ein Ende haben würde. Ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Dennoch musste eine kleine Pause erlaubt sein. Ich stellte Lili ein Schälchen Milch in die Küche und wanderte anschließend ein bisschen durch meinen neuen Garten. Plötzlich stand ich vor dem Schuppen. Er sah nicht anders aus als an dem Tag, an dem Frau Lost mir den Zutritt verwehrt hatte. Ich spürte eine leichte Erregung, fühlte mich wie ein Kind, das gegen die Auflagen der Erwachsenen verstieß, als ich hineinging. Er war vollkommen leer, der Boden wie ausgefegt, und weder an den Wänden noch an der Decke konnte ich auch nur die Spur eines Spinnennetzes finden. Das kindliche Gefühl verschwand so schnell, wie es gekommen war. Beinahe etwas enttäuscht konstatierte ich, dass hier genug Platz für Gartengeräte und mehr war. Bis ich mir ein richtiges Gartenhäuschen zulegen würde, konnte mir der Schuppen gute Dienste tun.

Ich schmunzelte, als ich den der frisch erstandenen Rasenmäher in dem ansonsten noch völlig leeren Schuppen betrachtete. „Ein bisschen einsam, was? Mach dir keine Sorgen, du bist nicht mehr lange allein. Ich komme gleich zurück, dann seid ihr schon zwei.“

Lachend ging ich zum Wagen, wo Rasenmähers neuer Freund Rasentrimmer darauf wartete, von mir in den Schuppen getragen zu werden. Wieder dort angekommen, war es mit meiner guten Laune vorbei. Der Rasenmäher war verschwunden. Nichts deutete darauf hin, dass er jemals hier gestanden hatte. Drehte ich jetzt vollkommen durch? Ich stellte den Trimmer ab und ging hinaus. Ratlos ließ ich meinen Blick über das Grundstück schweifen. So unmöglich das gewesen wäre, ich hätte mich letztlich damit zufrieden gegeben, wenn ich den Mäher irgendwo hier hätte rumstehen sehen. Natürlich war dem nicht so. Wieder ging ich in den Schuppen. Nun war auch der Rasentrimmer weg.

Aus irgendeinem Grund, den ich mir selbst nicht erklären konnte, ließ ich den Schuppen stehen. Nach einigen weiteren Versuchen begnügte ich mich damit, einfach nichts in ihn hineinzustellen, das seltsame Häuschen ansonsten vollkommen zu ignorieren. Im Verdrängen war ich schon immer gut gewesen, wenn ich auch sicher nie gedacht hätte, dass es mir in einer solchen Angelegenheit so gut gelingen würde. Aber es endete an dem Tag, als Lili plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Zum ersten Mal, seit die freundliche Katze bei mir ein Zuhause gefunden hatte, erschien sie nicht pünktlich zu den Mahlzeiten. Sie erschien überhaupt nicht. Schnell ahnte ich, wer dafür verantwortlich war.

Es musste etwas geschehen. Das hatte ich auch Robert am Telefon gesagt. Wie nicht anders zu erwarten, klingelte es so schnell an der Tür, dass man beinah glauben musste, mein Ex-Mann hätte bereits ganz in der Nähe darauf gewartet, dass ich ihm endlich verzeihe.
„Du musst mir helfen!“, sagte ich, weniger mit Nachdruck als mit einem liebevollen Unterton.
Robert hatte sich mein Problemchen mit leuchtenden Augen angehört. „Keine Sorge, Schatz. Hab ich dir nicht gesagt, du würdest mich noch brauchen, Marie?“
Ich nickte ergeben. Ein Augenaufschlag deutete an, ich würde ihn auch weiterhin brauchen, nicht nur in Sachen Reparaturarbeiten.
„Wo hast du das Werkzeug?“
„Im Schuppen“, antwortete ich und zeigte auf das unscheinbare Gebäude, das mir nun zum ersten Mal wirklich nützlich werden sollte.