Blogroman: 30 – Nicht da

Tilo sah ihre Augen und wusste, dieser Frau wollte er nicht einmal am hellichten Tag und in Begleitung seiner Eltern begegnen. Kein Wunder, dass die anderen beiden sie Boss nannten.

Der Mann, der noch einmal zum Auto gelaufen war, um eine neue Glühbirne zu besorgen, war groß gewachsen. Seine fast zur Glatze geschorenen Haare und der schmale Bart, der seinen Mund einfasste, gaben ihm ein brutales Aussehen. Neben Boss aber wirkte er beinahe sympathisch.

Die zweite Frau mit der Brille, schien überhaupt nicht zu den beiden zu passen. Sie sah Frau Blum, seiner Biologielehrerin, ein bisschen ähnlich. Sie kniete neben dem regungslosen Körper, der, wie Tilo jetzt sehen konnte, einem wahren Muskelprotz gehört hatte, und untersuchte ihn. Mit einem Tonfall, indem Frau Blum die Ergebnisse einer Klassenarbeit mitgeteilt hätte, sagte sie: „Mit Piet ist es vorbei. Er hatte nicht mal die Zeit, sich zu wehren. Hatte gleich ein Messer zwischen den Rippen.“

Tilo wurde übel. Nicht genug, dass es in dem morschen Schrank, in dem er sich versteckte, nach feuchtem Moder roch. Er bezwang den Brechreiz. Hatten die Frau und der Mann, die den Audi seines Vaters gestohlen hatten, Piet umgebracht? Was mussten die für Kräfte besitzen, wenn sie so einen Riesen besiegen konnten?

Er spähte wieder durch den Spalt zwischen den beiden Schranktüren, die schon ziemlich lose in den Angeln hingen. Boss hatte sich mitten im Raum an den Tisch gesetzt. Die anderen beiden blieben vor ihr stehen. Es gab keine Möglichkeit, an den dreien vorbei zum Ausgang und ins Freie zu gelangen. Tilo schaute auf die Uhr. Halb sieben. Jetzt standen seine Eltern auf. Gleich würde Mutti die Zimmertür öffnen und ihn zum Frühstück rufen. Aber er war nicht da.

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Blogroman: 16 – Trübes Licht

Tom erdachte Gebete. Es erstaunte ihn selbst, war er doch gar kein gläubiger Mensch. Doch er fühlte sich so hilflos. Dazu kam das dringende Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Es war ihm einfach so rausgerutscht. Ihm war erst hinterher klar geworden, dass er Lisa vielleicht ans Messer, eher noch an den Schlagstock geliefert hatte. Schlimmer: Im ersten Moment war er einfach froh gewesen, die direkte Gefahr für sich und sein Leben abgewendet zu haben. Dabei konnte das allenfalls ein Aufschub sein, denn noch immer saß er hier in Fesseln, beaufsichtigt von Piet, der ihn – vor wie vielen Stunden auch immer – mit der Frau, die er Boss nannte, abgefangen hatte. Seit die mit den anderen losgezogen war, um Lisa einen Besuch abzustatten, hatte Tom nicht den Hauch einer Idee gehabt, wie er sich befreien könnte. Und alles nur wegen einer billigen Holzfigur, die obendrein ausgesprochen hässlich war.
Was würden sie mit Lisa anstellen? Und wie lange waren sie nun schon fort? Bei dem Gedanken daran, sie könnten bald zurück sein, spürte er seine Knie zittern. Er warf einen flehenden Blick nach oben, wo die trübe Glühbirne mit einem leisen Surren um ihre Lebensdauer kämpfte.
Ein letztes Flackern, dann wurde es vollends dunkel. Ein lautes Klirren ließ Tom zusammenzucken.

Was bisher geschah