Blogroman: 30 – Nicht da

Tilo sah ihre Augen und wusste, dieser Frau wollte er nicht einmal am hellichten Tag und in Begleitung seiner Eltern begegnen. Kein Wunder, dass die anderen beiden sie Boss nannten.

Der Mann, der noch einmal zum Auto gelaufen war, um eine neue Glühbirne zu besorgen, war groß gewachsen. Seine fast zur Glatze geschorenen Haare und der schmale Bart, der seinen Mund einfasste, gaben ihm ein brutales Aussehen. Neben Boss aber wirkte er beinahe sympathisch.

Die zweite Frau mit der Brille, schien überhaupt nicht zu den beiden zu passen. Sie sah Frau Blum, seiner Biologielehrerin, ein bisschen ähnlich. Sie kniete neben dem regungslosen Körper, der, wie Tilo jetzt sehen konnte, einem wahren Muskelprotz gehört hatte, und untersuchte ihn. Mit einem Tonfall, indem Frau Blum die Ergebnisse einer Klassenarbeit mitgeteilt hätte, sagte sie: „Mit Piet ist es vorbei. Er hatte nicht mal die Zeit, sich zu wehren. Hatte gleich ein Messer zwischen den Rippen.“

Tilo wurde übel. Nicht genug, dass es in dem morschen Schrank, in dem er sich versteckte, nach feuchtem Moder roch. Er bezwang den Brechreiz. Hatten die Frau und der Mann, die den Audi seines Vaters gestohlen hatten, Piet umgebracht? Was mussten die für Kräfte besitzen, wenn sie so einen Riesen besiegen konnten?

Er spähte wieder durch den Spalt zwischen den beiden Schranktüren, die schon ziemlich lose in den Angeln hingen. Boss hatte sich mitten im Raum an den Tisch gesetzt. Die anderen beiden blieben vor ihr stehen. Es gab keine Möglichkeit, an den dreien vorbei zum Ausgang und ins Freie zu gelangen. Tilo schaute auf die Uhr. Halb sieben. Jetzt standen seine Eltern auf. Gleich würde Mutti die Zimmertür öffnen und ihn zum Frühstück rufen. Aber er war nicht da.

Wasel und Waseline (Teil 1)

Wusel 1

Illustration: Kristina Ruprecht

Wasel ist ein Wesel und wohnt im Wald bei der Wiese. Wasel ist ein ganz normaler Wesel. So wie man Wesel eben kennt.
Fast. Anders als die meisten Wesel hat Wasel violette Haare. Nur wenn er sich sehr aufregt, werden sie weselrot. Aber sie sind genauso struwwelig wie alle Weselhaare und Wasel ist stolz darauf, dass sie ihm nach allen Seiten vom Kopf abstehen, wie es sich für einen echten Wesel gehört.
Auch ansonsten ist Wasel ein typischer Wesel. Wer ihn aus der Ferne sieht, könnte denken, er habe drei schwarze Knöpfe im Gesicht. Erst aus der Nähe erkennt man darin zwei Augen und eine Nase, aus der zu beiden Seiten je drei Schnurrhaare wachsen.
Sein zierlicher Körper ist dagegen vollkommen unbehaart, weshalb Wasel eine Hose aus braunem Weißwurzelstoff, ein Hemd aus weißer Glanzspinnerseide und eine Weste aus schwarzem Nachtfaltergarn trägt.
Wasel ist noch ein junge Wesel von gerade einmal einem Jahr. Es wird also noch etwa ein weiteres Jahr dauern, bis er die Weselnormalgröße erreicht hat und einer Maus über den Rücken spucken kann. Natürlich hat er das nicht wirklich vor, aber unter Weseln, denen Größe sehr wichtig ist, heißt es nun mal: „Der kann ja noch nicht einmal einer Maus über den Rücken spucken.“

Wasel wohnt mit seinen Eltern in Weseln, dem Hauptort der Wesel, in dem mehr als dreißig weitere Wesel leben. Wenn er seinen Eltern nicht zur Hand gehen muss, streift er gerne durch Wald und Wiese, mal mit Freunden, mal allein.
So wie heute. Weit geht er allerdings nicht, denn die Sonne scheint so sehr, dass Wasel sich bald einen schattigen Platz unter einem Löwenzahnblatt sucht.

Wasel denkt an Waseline. Sie ist erst vor wenigen Tagen mit ihren Eltern nach Weseln gezogen und alle jungen Wesel wären gern mit ihr befreundet. Sie hat kräftiges rotes Weselhaar und wunderschöne schwarze Knopfaugen. Und sogar ihre Schnurrhaare schimmern in einem rötlichen Ton.
Auch Wasel wäre gern mit Waseline befreundet, doch sie ist leider drei Wochen älter als er.
„Du bist ja noch ein kleines Weselchen“, hat sie zu ihm gesagt und sich lieber mit Wisel befreundet, der sogar ein paar Tage älter ist als Waseline.
Seitdem ist Wasel traurig und als sein bester Freund Wusel ihn am Morgen fragte, ob er mit ihm zum Badesee käme, hat er nur den Kopf geschüttelt und gesagt: „Heute nicht. Heute will ich allein sein.“
„Was willst du denn machen?“
„Nachdenken.“

Und als Wasel nun so allein unter seinem Löwenzahnblatt sitzt und nachdenkt, hört er plötzlich lautes Geschrei.

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Wusel 2

Illustration: Kristina Ruprecht

Blogroman: 25 – Videospiel

Eigentlich hätte er seine Eltern wecken müssen. Aber sie mochten es nicht, wenn er ihren Schlaf störte. Sie verstanden es sowieso nicht, dass er oft lange vor dem Weckerklingeln aufstand. Und sie würden es außerdem noch früh genug erfahren.
Schon im Treppenhaus spürte er seine Aufregung. Er war nicht besonders mutig, wenn er sich im echten Leben bewegte. Und selten geschah es, dass ihn etwas vom Computerspiel ablenkte. Doch diesmal war er bei einem der seltenen Seitenblicke aus dem Fenster am Geschehen vor dem Haus hängengeblieben.
Zunächst hatte er nur einen Mann und eine Frau gesehen, die den Weg von dem alten Lagerhaus heruntergelaufen kamen. Das war zwar etwas seltsam, hätte ihn aber kaum von seinem morgendlichen Spiel abgehalten. Doch irgendetwas faszinierte ihn an den beiden. Er drückte die Pausentaste, damit er den Kampf gegen den fremden Magier und seine Untoten nicht verlor, stand auf und ging zum Fenster.
Die beiden waren jetzt schon um einiges näher gekommen. Sie schienen es eilig zu haben. Der Mann rieb sich die Handgelenke. Er wirkte unsicher und schaute sich ständig um. Vielleicht hatte er Angst? Ja, ganz sicher. Sie dagegen machte einen ganz anderen Eindruck. Cool irgendwie. Mutig. Und mit ihren roten Haaren schien sie im ersten Licht der Straßenlaternen fast zu leuchten.
Wie eine Agentin aus einem Videospiel. Tilo drückte sich fast die Nase platt, um die beiden nicht aus den Augen zu verlieren. Sie waren jetzt direkt vor seinem Haus. Die Frau schaute sich kurz um und lief dann direkt auf einen Audi zu. Papas Audi! Tilo hielt den Atem an, während er beobachtet, wie die Frau in den Wagen stieg.

Was bisher geschah