Spuren

Spuren

Horst schlug die Wohnungstür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Er hoffte, sein stoßender Atem würde sich endlich beruhigen. Er legte die Hand auf die Brust, um zu fühlen, wie sich sein Herzschlag verlangsamte. Wartete darauf, dass sich nun die Befriedigung einstellte. Er hatte es getan! Es war vorbei. Nun konnte ein neues Leben beginnen. Doch die Bilder ließen ihn nicht in Ruhe.

Der Wald, der sich in der Nacht in sanftes Weiß gekleidet hatte, das schon das erste Morgenrot zum Schmelzen brachte. Zum Glück für ihn. Die Stille, die ihn beinah hatte hoffen lassen, Birgit würde nicht auftauchen. Aber sie war gekommen. Wie jeden Morgen. Eine Joggerin, die vergeblich gegen ihr Gewicht anlief. Er hatte sie davon befreit, wie er sich von ihr befreit hatte.

Der Schuss aus seinem Jagdgewehr, der endlos in seinen Ohren nachklang. Als es endlich wieder still geworden war, suchte er Erleichterung. Fand sie nicht und stürzte sich in die Notwendigkeit. Spuren verwischen. Viele waren es nicht. Er hatte sich gründlich vorbereitet. Erstaunlich, dass trotzdem die Unsicherheit blieb.

Er stieß sich von der Tür ab, ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und zog die Schachtel Zigaretten hervor. Ihm wurde heiß. Das Blut schoss ihm in den Kopf. Hektisch suchte er in der anderen Jackentasche. In der Innentasche. Er stand auf, tastete die Hosentaschen ab, wusste schon vorher, dass er es dort nicht finden würde. Er hatte sein Feuerzeug verloren!

Rühren

© Mircea BEZERGHEANU

© Mircea BEZERGHEANU

Sie atmete tief ein, nahm sich Zeit. Langsam fuhr sie seine Konturen nach. Mit ihrer Zunge benetzte sie sich die Lippen, als sie das Muster seiner Bauchmuskulatur abtastete. Für einen Moment lehnte sie sich zurück, wollte sein Bild voll und ganz in sich aufnehmen. Ihre Finger zitterten ein wenig, während sie die klare Linie seiner Brust nachempfanden. Ein sehnsüchtiger Schwung fester Knospen. Noch einmal nahm sie den Kopf zurück, schloss die Augen. Das Kunstwerk seines Körpers verschwand nicht. Sie sprach leise zu ihm, widmete sich seinem Gesicht. Der Bogen seiner Brauen überspannte zwei Tore in eine geheimnisvolle Welt. Sein Nasenrücken eine Straße ins Paradies. Der leicht geöffnete Mund eine verspielte Einladung. Ihr Blick verfing sich in diesem Bild. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, ihr Atem stand still.

Endlich löste sie sich, ihr Blick wurde klar und wandte sich ihm zu. „Rühren!“, rief sie, lachte und legte den Pinsel beiseite.