Verhandlungsgeschick

Foto: c.

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„Was soll das kosten?“, fragte ich und zeigte auf einen gelben Plüschaffen mit schwarzen Streifen.
„17,99 Euro“, lautete die knappe Antwort.
„Aha“, erwiderte ich dem Verkäufer, dem die Gier aus den knapp neben den Koteletten angetackerten Mundwinkeln tropfte. Ich schaute mich weiter uninspiriert in den spärlich besetzten Auslagen des Sammlerladens um, in dem mich so rein gar nichts interessierte, bis auf diese eine Sache.

Ich griff zu einer She-Man-Actionfigur, wog den 30-Zentimeter-Amazonen prüfend in der Hand und fragte: „Und der?“
„39,98.“

Ein harter Brocken, das spürte ich. Ich beschloss, dem Kerl noch ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, stellte She-Man wieder ins Regal und erwähnte nebenbei: „Ist nicht für mich. Meine Freundin ist leidenschaftliche Sammlerin.“
Das war nicht einmal gelogen. Sah man davon ab, dass Regine erst noch meine Freundin werden sollte. Und hier in diesem ebenso unscheinbaren wie muffigen Geschäft für völlig Abgedrehte hatte ich durch puren Zufall den Schlüssel zu ihrem Herzen entdeckt.

Ich sah auf die Uhr. Noch eine viertel Stunde, bis ich in den Zug steigen musste. Mir blieb wenig Zeit für meine Verhandlungskünste.

Jetzt griff ich zu einem bengalischen Karate-Tiger. Das hässliche Ding war genauso gefärbt wie der Plüschaffe. Ich hielt dem Verkäufer das Kampfkätzchen vor die Nase.
„25,97“, sagte der Freak, der wahrscheinlich mit den Gewinnen aus diesem Basar der Verrücktheiten seine Computerspielsucht finanzierte.

Auch das Karate-Vieh durfte zurück an seinen Platz. Gelangweilt ließ ich meinen Blick schweifen, bis er in scheinbarer Überraschung an dem an exponierter Stelle neben der mittelalterlichen Kasse ausgestellten Schreiber-Sindling hängen blieb, der in einem mit Fantasyelementen dekorierten Karton mit Sichtfolie gefangen war.

Der kleine Kerl, der über seine gesamte Länge von etwa 3,48 cm mit wuscheligem Haar bedeckt war, aus dem an einer Stelle, an der man mit großzügiger Nachlässigkeit seine Hand vermuten konnte, eine weiße Schreibfeder herauslugte, wäre mir niemals aufgefallen, hätte ich nicht aus Regines sich immer wiederholenden schwärmerischen Beschreibungen genau gewusst, wie dieses überaus seltene Exemplar auszusehen hatte. Und es war das einzige Stück, das Regine in ihrer Sammlung noch fehlte.

Ihr ständiges und überaus nervtötendes Geschwafel über Sindling-Figuren hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Andernfalls wäre mir der diletantisch mit rotem Textmarker geschriebene Zettel hinter der gelblichen Scheibe des Schaufensters gar nicht aufgefallen: „Rarität! Schreiber-Sindling – heute reingekommen!“

Nun galt es! „Ist das nicht ein Schreiber-Sindling?“
„Richtig.“
„Das ist ja genau der, der meiner Freundin noch fehlt.“
„Das kann ich mir denken. Der fehlt so ziemlich jedem.“ Eine leichte, fast unmerkliche Aufwärtsbewegung des linken Mundwinkels bewies, dass mehr Leben in dem Mann steckte, als anfangs angenommen.
„Sicher wäre das ein großartiges Geschenk für sie“, fuhr ich fort. „Ich glaube, das kleine Püppchen nehme ich. Was soll es denn kosten?“ Die blasphemische Bezeichnung „Püppchen“ war wohl gesetzt. Nun wartete ich gespannt auf die Antwort. Mir war durchaus bewusst, dass schon die weniger exklusiven Vertreter der Sindling-Sammler-Reihe einen stolzen Preis ihr eigen nannten, der der Größe der Figuren in keiner Weise angemessen schien. Doch da sogar Regine es vermied, über die genauen Beträge Auskunft zu geben, war ich auf eine Überraschung gefasst.

„99,96.“
„Wie bitte?“ Der Schreck war keineswegs nur gespielt. „Das soll doch bloß ein kleines Geschenk werden.
„Das ist der Preis. Es ist eine Rarität.“
„Das mag sein.“ Ich rang mit meiner Fassung. „Aber so viel will ich nun doch nicht ausgeben. Auf Wiedersehen.“ Ich wandte mich zum Gehen.

„An wie viel hatten sie denn gedacht?“
Jetzt hatte ich ihn! „Allerhöchstens die Hälfte, was ich immer noch als sehr viel empfinde.“
„Auf keinen Fall. Es wird sowieso nicht lange dauern und ich bin dieses Goldstück los.“
„Goldstück, aha. Na, dann können Sie ja zufrieden sein.“ Wiederum strebte ich dem Ausgang zu.
„Ich könnte ihn Ihnen für neunzig geben.“

Ich spürte schon jetzt einen zuversichtlichen Triumph in mir aufsteigen, drehte mich um, tat aber keinen Schritt von der Ladentür weg. „Nein danke, bemühen Sie sich nicht. Ich habe gar nicht so viel Geld bei mir.“
„Wie viel haben Sie denn bei sich?“
„Siebzig. Und ich muss noch die Zugfahrkarte bezahlen.“ Ich hoffte, dass ich nicht schamesrot anlaufen würde. Aber ich schien kein schlechter Lügner zu sein.
„Haben Sie denn keine EC-Karte?“
„Kann man hier mit Karte zahlen?“, fragte ich verwundert und in Sorge, meine Strategie würde damit den Bach runtergehen.
„Für die Fahrkarte, meine ich.“
„Ach so.“ Ich war erleichtert. „Aber es sind trotzdem nur siebzig.“

Der Verkäufer schien beim Überlegen noch mehr ins Schwitzen zu kommen als ohnehin schon. Seine Mundwinkel zeigten sich nun beide als beweglich und sackten in den Keller. „Also gut, Sie bekommen ihn für siebzig. Sie sind wirklich gut. So ein schlechtes Geschäft habe ich noch nie gemacht.“

Missmutig packte der arme Mann den Karton in graues Butterbrotpapier, während ich ihm die Scheine auf den Tisch zählte. Als die letzte Banknote auf dem Verkaufstresen lag, bekam ich ein ungutes Gefühl. Ich schaute auf die Uhr. 9.20 Uhr. Ich hatte noch fünf Minuten. Aber irgendetwas stimmte nicht. Ich sah dem Mann zu, wie er eilig das Geld in die Kasse schob. Und langsam dämmerte es mir. Der Tag war noch jung. Wenn der Schreiber-Sindling so begehrt war, warum wartete der Kerl dann nicht einfach, bis der nächste Sammler den Weg in seinen Laden fand und den vollen Preis zahlte?

Ich schaute den Verkäufer an. Seine Mundwinkel hatten zurück zu den Koteletten gefunden. Mehr noch: Sie umrundeten an jeder Seite den Backenbart, um sich mit den haarigen Ohrläppchen des Freaks zu treffen.

Da wusste ich, dass es sicherlich unklug wäre, Regine nach dem wahren Wert des Sindlings zu fragen. Und dass eine ausgeklügelte Strategie immer noch durch eine bessere geschlagen werden kann.

Der eilige Abend

Foto: Hannamariah

Foto: Hannamariah

Sina packte die Geschenke in Rekordzeit aus. Nach jedem einzelnen ließ sie gerade so viel Bewunderung und Dankbarkeit fließen, dass sie nicht als unhöflich galt. Ein warmer Pullover, eine Mütze, Handschuhe, Süßigkeiten, mehrere Bücher, CDs, ein MP3-Player, … Das Geschenk war noch nicht dabeigewesen. Allerdings wurde der kleine Berg, den ihre Eltern ihr unter dem Weihnachtsbaum aufgeschichtet hatten, immer flacher.

Sina gönnte sich einen Seitenblick zu ihrem Bruder. Ronni war noch mit dem zweiten Geschenk beschäftigt, einem Fotoapparat. Er probierte ihn von vorn bis hinten aus. Was Sina jedoch mehr interessierte, waren die Päckchen, die er noch nicht ausgepackt hatte. Vielleicht war den Eltern ein Fehler unterlaufen und sie hatten ihr Wunschgeschenk in Ronnis Stapel gepackt. Aber wenn er in diesem Tempo weiter auspackte, würde es noch die restlichen Feiertage brauchen, bis er endlich fertig war.

Ruhig bleiben! Noch gab es fünf Möglichkeiten. Nein, wieder ein Buch. „Die Elfenkönigin“.
Sie stand auf, lief zu Oma hin und drückte sie. „Dankeschön, du weißt eben, was ich gerne lese.“ Sie meinte es wirklich so. Sie freute sich schon darauf, das Buch aufzuklappen, aber jetzt lagen ihre Prioritäten woanders.

Schon riss sie das rot-grüne Papier vom nächsten Geschenk. Es war eigentlich viel zu groß. Überhaupt dachte sie nun, während sie Opa zuwinkte und sich für den neuen Laptop bedankte, zum ersten Mal darüber nach, wie Mama und Papa ihr Wunschgeschenk überhaupt eingepackt hatten. Ein Gutschein vielleicht? In der Karte, die sie sich gleich zu Beginn angesehen hatte, stand nur etwas von „Frohe Weihnachten und frohes Schaffen!“ Einen weiteren Briefumschlag konnte sie nicht entdecken. Er musste also in einem der verbliebenen drei Päckchen versteckt sein.

Sie griff zu einem blauen, das wiederum ein dickeres Buch sein konnte. Tatsächlich: ein Duden.
„Die neueste Auflage“, erklärte Tante Moni.
„Aha“, antwortete Sina. Sie gab sich nur noch wenig Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Wozu brauchte sie jetzt noch einen Duden? Sie war doch schon fertig.
Mit wenig Hoffnung griff sie zum nächsten Geschenk. Es war ein ganz kleines, auf dem stand: „Von Ronni, für Sina.“ Ein Notizbüchlein. „Danke, Brüderchen.“ Mehr fiel ihr dazu nicht ein.

Ihr blieb noch ein letztes Päckchen. Ein Paket. Auf einem kleinen Kärtchen stand: „Von Mama und Papa.“ Ein Gutschein war das nicht. Sie riss das rote Papier ab. Ein Drucker. Sie hob den Karton an, suchte im Geschenkpapier, ob sie vielleicht etwas übersehen hatte … Nichts!
„Gefällt er dir nicht?“, fragte Mama. „Wir dachten, den kannst du bestimmt gut brauchen. Mit dem neuen Laptop von Opa bist du doch jetzt bestens ausgerüstet.“
„Schon“, antwortete Sina. „Es ist nur …“ Sie wischte sich eine Träne von der Wange.
„Du glaubst, wir haben dein Wunschgeschenk vergessen“, sagte Papa und in Sina keimte neue Hoffnung.
„Also, so tolle Geschenke“, sagte Opa und schüttelte den Kopf.
„Wir wissen, dass dein größter Wunsch ist, Schriftstellerin zu werden“, sagte Mama schnell. „Und wir haben uns riesig gefreut, als du uns erzählt hast, dass ein Verlag deinen ersten Roman veröffentlichen will. Er ist ja auch ganz großartig.“
Sina schniefte, während sie auf das „aber“ wartete.
„Und wir finden es nicht nur toll, dass du dir mit dem Schreiben so viel Mühe gegeben hast“, ergänzte Papa, „sondern auch, wie du dich darum gekümmert hast, nach Verlagen zu suchen und all das.“
Gleich musste es kommen, das „aber“.
„Aber wir haben schon ganz schön geschluckt, als wir gehört haben, was das kosten soll“, fuhr Papa fort.
Sina hatte auch ein „aber“ parat. „Aber mein Roman ist klasse! Das haben die vom Verlag auch gesagt. Und wenn er sich gut verkauft, haben wir das Geld sogar bald wieder drin. Ich würde es mir also eigentlich nur leihen.“
„Ja, wenn“, antwortete Papa.
„Es ist wirklich sehr viel Geld“, stimmte ihm Mama zu. „Wir sollten uns in Ruhe umschauen, ob es nicht günstigere Möglichkeiten gibt.“ Mama lächelte dabei.
Das machte Sina erst richtig wütend. „Und wenn gerade das meine große Chance war? Die nehmen ja schließlich nicht jeden.“
„Wenn du dich weiter so bemühst, wirst du sicher noch weitere gute Chancen bekommen“, sagte Papa und seine Stimme verriet, dass er die Diskussion beenden wollte.
„Ach was! Jetzt war alles umsonst!“ Sina sprang auf und rannte in ihr Zimmer. Bevor sie sich aufs Bett warf, knallte sie kräftig mit der Tür.

Für sie war das ganze Weihnachtsfest versaut. Es passierte zum ersten Mal, dass ihr ein Wunschgeschenk versagt blieb. Papa und Mama verdienten beide gut genug und hatten sich bisher nie so angestellt. Ausgerechnet jetzt, wo es um ihren allergrößten Wunsch ging.

Sie hatte sich schon im Buchladen stehen sehen, den Blick auf das große Regal mit den Neuerscheinungen, in dem auch ihr Buch gestanden hätte. Wie schon so oft sah sie das Buch genau vor sich: Vorne auf dem Cover galloppierte ein weißes Einhorn mit einem goldenen Horn zwischen den Bäumen eines silbernen Waldes. Hinter einem der Stämme schaute ein kleiner behaarter Kerl hervor. „Sina Stiller – Hannah und die Sindlinge“, stand in verschnörkelten goldenen Buchstaben über dem Titelbild. Sie hatte sogar schon davon geträumt.

Nun begossen ihre Tränen den verflossenen Traum. Auf den Tag genau vor zwei Jahren hatte sie mit dem Schreiben begonnen. Und wenn ihre Eltern sie nur ein bisschen unterstützen würden, könnte es noch vor ihrem fünfzehnten Geburtstag einen Roman von ihr zu lesen geben.

Sie verkroch sich unter der Bettdecke, als es an der Tür klopfte.
„Kann ich reinkommen?“
Sina antwortete ihrer Mutter nicht.
„Da ist jemand für dich am Telefon“, sagte Mama, nachdem sie die Tür einen Spalt geöffnet hatte.
„Wer ruft denn jetzt für mich an?“ Sina hatte keine Lust zu telefonieren. Egal wer es war.
„Vielleicht ist es eine Überraschung.“
Sina brauchte eine Weile, bis sie die Bedeutung der Worte verstand. Sie warf die Decke beiseite und sprang auf. „Vom Verlag?“, schrie sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Besser“, sagte Mama nur und tat sehr geheimnisvoll.
Was sollte schon besser sein. Sina überlegte kurz, ob sie sich nicht einfach wieder aufs Bett schmeißen sollte. Aber Mama schaute so vergnügt, dass sie ihr nicht wehtun wollte. Obwohl es nur gerecht gewesen wäre.

Betont langsam ging sie zum Telefon im Flur. „Hallo?“
„Hallo, bist du Sina?“ Die Stimme einer Frau. Sie klang ruhig und sehr angenehm.
„Ja.“
„Ich heiße Heike. Heike Hansen. Ich bin Lektorin.“
Sina horchte auf. Sie wusste genau, was eine Lektorin war. Schließlich hatte sie sich im Internet schon ein bisschen mit der Entstehung von Büchern befasst. Lektoren arbeiteten für Verlage und wählten die Bücher aus. Oder sie halfen Autoren, ihre Bücher für den Druck vorzubereiten.
„Deine Eltern haben mir erzählt, du hättest einen Roman geschrieben.“
Sina schluckte. Dann nickte sie. Als ihr auffiel, dass Frau Hansen das am Telefon gar nicht bemerken konnte, sagte sie leise: „Ja.“
„Und sie haben mir auch von dem Verlag erzählt, der dir angeboten hat, das Buch zu veröffentlichen.“
„Ja.“ Sina begann im Flur auf und ab zu laufen.
„Weißt du, was eine Lektorin ist?“
„Ja.“
„Dann weißt du auch, dass sich eine Lektorin gut mit solchen Dingen auskennt.“
„Ja.“ Sina steckte die freie Hand in die Hosentasche. Gleich darauf zog sie sie heraus. Da sie aber nicht wusste, wohin mit ihr, steckte sie sie wieder in die Hosentasche.
„Du musst wissen, liebe Sina, dass ein Verlag, der von seinen Autoren Geld verlangt, damit sie ihre Bücher dort veröffentlichen können, gar kein richtiger Verlag ist. Ein richtiger Verlag verdient erst dann an deinem Buch, wenn er es verkauft.“ Frau Hansen machte eine Pause.
Sina wusste nicht, worauf das Ganze hinauslaufen sollte, deshalb blieb sie still und wartete darauf, dass die Lektorin weitersprach.
„Deine Eltern haben mir deinen Roman geschickt und ich habe ihn gelesen. Er gefällt mir. Er hat es auf jeden Fall verdient, dass du ihn nicht an so einen Pseudoverlag verschleuderst. Ich will dir aber auch nichts vormachen. Damit aus deiner Geschichte ein richtig gutes Buch wird, das eine Chance bei einem richtigen Verlag bekommen kann, müsste man noch ein bisschen daran arbeiten. Daher habe ich mit deinen Eltern vereinbart, dass ich dich heute anrufe und dir anbiete, gemeinsam mit dir an „Hannah und die Sindlinge“ zu feilen. Und wenn wir beide damit zufrieden sind, helfe ich dir, einen Verlag zu finden, einen richtigen, der auch wirklich dafür sorgt, dass dein Buch zu den Lesern kommt. Ich kann dir nichts versprechen, aber es ist in jedem Fall der bessere Weg, als der, den du beschreiten wolltest.“
Sina schwieg noch immer. So richtig wollte sie es nicht wahrhaben. Hatte Frau Hansen gesagt, man müsse an dem Roman noch arbeiten? An einem Roman, den der andere Verlag so veröffentlicht hätte.
„Wir waren von Ihrer Geschichte und Ihrem Schreibstil sehr begeistert“, hatte in dem Anschreiben gestanden. „Wir sind sicher, Ihr Buch wird viele Leser finden.“
Sina war richtig stolz gewesen. Welcher Autor hätte das nicht gerne von einem Verlag gehört. Doch nach dem, was die Lektorin gesagt hatte, erinnerte sie sich an eine Diskussion im Internet, in der sie Ähnliches über Verlage gelesen hatte, die einen sogenannten Druckkostenzuschuss verlangten. Sie schmeichelten den Autoren, um das Geld einzustreichen, und wenn sie das erst einmal hatten, brauchten sie keines mehr durch den Verkauf der Bücher zu verdienen. Sie hatte gar nicht mehr an diese Diskussion gedacht.

„Ich kann verstehen, wenn du jetzt enttäuscht bist“, meldete sich die Lektorin wieder zu Wort. „Vielleicht willst du erst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Und wenn du dich dafür entscheidest, würde ich gern mit dir an deinem Buch arbeiten.“

Als sie aufgelegt hatte, setzte sich Sina auf den kleinen Hocker im Flur. Frau Hansen hatte recht. Sie war wirklich enttäuscht. Aber schon viel weniger als vor dem Telefonat. Tief im Innern glaubte sie den Worten der Lektorin.

Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass Mama und Papa in der Tür zum Wohnzimmer standen und sie beobachteten. Sina wischte sich noch einmal über die Augen und lächelte sie an. Sie stand auf und sagte: „Ich glaube, ich muss mir meine Geschenke mal in aller Ruhe ansehen.“ Sie drückte erst Mama, dann Papa und flüsterte beiden ein „Danke“ ins Ohr.