Der Geisterorden: 68 – Versuchung

Sie musste alle Kraft zusammennehmen. Allein, der Versuchung zu widerstehen, nur für einen Wimpernschlag die Augen zu öffnen oder wenigstens genauer hinzuhören, erforderte einen großen Teil ihres Willens. Wie Meeresrauschen drang der Gesang der Angreifer an ihr Ohr …

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In der Wanne

In der Wanne

© silver-john

Ihre Hände an seinem Hals gleichen einem Schraubstock. Warum ist sie so stark? In seinen Ohren rauscht es. Der Wasserhahn! Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Wanne überläuft. Aber bestimmt ist sowieso schon alles nass. Sie schüttelt ihn. Er schüttelt sie. Wann ist es zu Ende? In seinen Schläfen pocht es. Er kann nicht atmen. Das Wasser steigt. Er sollte sie abwehren, ihren mörderischen Griff von seiner Kehle lösen. Doch ließe er ihre Schultern los, wäre das das Ende. Er möchte etwas sagen. Mit ihr sprechen. Sie anschreien. Doch er kann nicht. Braucht alle Kraft. Ohnehin schluckt das Wasser alle Töne. Endlich! Der Druck an seinem Hals lässt nach. Er lächelt. Lässt nicht locker. Bekommt Oberwasser.

Erst als er ganz sicher ist, richtet er sich auf. Greift nach einem Handtuch. Sie liegt in der Wanne. Starrt ihn an. Ihr Haar schwimmt auf. Die Lippen, endlich nicht mehr zusammengepresst, verblassen. Er liebt es, wenn sich am Ende ihre Züge entspannen. Sie sich endlich in ihr Schicksal fügen. So auch sie. Keine bisher hat sich so gewehrt. Starkes Mädchen.

Mc Pom Fritz: Ein kleiner Schubs

Ihr glaubt nicht, was am Freitag passiert ist! Ich bin jetzt noch ganz durcheinander. Bianca … Wir waren … Dieser Typ … Also ne, ich fang am besten vorne an, ne.

Ich bin also mit dem Bus nach Tessin gefahren, um mich mit Bianca zum Einkaufen zu treffen. Ich war ganz schön aufgeregt. Obwohl ich ja eine Stunde zu früh da gewesen bin. Aber hätte ich einen Bus später genommen, wäre ich fast zehn Minuten zu spät gekommen, ne. Bin ich halt noch ein bisschen rumgelaufen.

Endlich bin ich dann zur Praxis. Bianca war gerade fertig. Ich glaube, sie hat sich richtig gefreut, als sie mich gesehen hat. Dann sind wir los.

Wir sind kaum einen Schritt aus der Tür raus, da springt ein Mann aus seinem Auto und stellt sich uns in den Weg. Ich dachte erst, das wär … na dieser Schauspieler. Hat in Ocean’s Eleven mitgespielt. Den meine Schwester so mag. Frauen mögen den sowieso, ne.  Brad … Damm … Brad Damon, glaub ich. Nee, noch anders. Ist ja auch egal, der war das ja eh nicht.

Wer ich bin, wollte er von Bianca wissen. Aber er hat sie gar nicht antworten lassen. Ob ich ihr Neuer wär. Das geht dich gar nichts an!, hat Bianca gesagt. Und dass er sie in Ruhe lassen soll. Hätt ich ja sofort gemacht, wenn sie mir das gesagt hätte. Er aber nicht. Im Gegenteil! Er hat sie gepackt und … Matt! Matt Damon hieß der. Also der Schauspieler, ne. Och, meine Schwester mag den so. Die hat sogar ein Poster von dem.

Der, der so aussah wie der, hat jedenfalls darauf bestanden, dass Bianca ihm sagt, ob ich ihr neuer Freund bin. Hätte mich ja auch interessiert, ne. Und wenn es so wäre, sagt Bianca, geht dich das immer noch nichts an! Das hat den echt geärgert. Der hat Bianca richtig geschüttelt und gebrüllt, sie würde sich jetzt wohl schon mit dem letzten Bauerntrampel abgeben. Dass er mich damit meinte, wurde schnell klar. Er schrie mich nämlich an, ich soll mich … Ich weiß gar nicht, ob man das so öffentlich sagen darf. Na, ihr wisst schon, ne.

Ich hab Bianca angeguckt und die hat sich frei gemacht und sich zu mir gestellt und gesagt, wir würden jetzt abhauen. Achso, nicht, was ihr jetzt denkt. Sie hat sich von ihm frei gemacht, nicht sich ausgezogen. Wir waren doch mitten auf der Straße!

Ihr glaubt das nicht: Der Typ hat sie festgehalten! Richtig grob. Bianca hat sich gewehrt und fast geschrien vor Schmerzen. Ich hab gesagt, er soll sie loslassen. Aber er hat sie nur noch fester gehalten und gefragt, was ich dagegen tun will. Das wusste ich dann auch nicht. Aber Bianca wusste es. Die hat ihm voll zwischen die Beine getreten! Der hat sich vielleicht gekrümmt! In dem Moment tat er mir richtig leid, ne.

Aber Bianca hat mich zum Auto gezerrt und gesagt, wir würden woanders einkaufen fahren. Gerade,  als sie einsteigen wollte, war er wieder da und riss sie vom Auto weg. Jetzt war aber genug! Ich hab ihn weggedrängt und mich dazwischen gestellt. Da hat er zugeschlagen! Richtig mit der Faust. Wie im Film, ne! Es war nur ein Reflex. Ich wollte das gar nicht. Ich hab ihn geschubst.

Mutti hat schon immer gesagt, ich hätte zu viel Kraft. Der Typ ist nach hinten übergefallen und mit dem Hinterkopf auf den Asphalt geknallt. Das hat richtig gerumst! Ich wollte noch gucken, ob alles in Ordnung ist, aber Bianca hat applaudiert und gesagt, dass ich das gut gemacht hab. Und dann sind wir einfach losgefahren und haben ihn liegen lassen.

Bianca war danach sehr schweigsam. Manchmal hat sie ein bisschen gelächelt, aber zu dem Typen hat sie nichts mehr gesagt. Erst als wir zu Hause waren, hat sie gefragt, ob sie mich auf ein Bier einladen kann. Wir sind in die kleine Kneipe gegangen und da hat sie dann gesagt, dass das ihr Exfreund war, wegen dem sie überhaupt aus Tessin weg und nach Prangendorf Ausbau gezogen ist.

Ich hab gesagt, dass ich dann ihrem Exfreund dafür sehr dankbar bin. Da hat sie zum ersten Mal wieder gelacht. Und dann gleich noch mal, als ich gesagt hab, dass er aussieht wie Brad Damon. Sie hat gesagt, dass er wirklich Brad heißt, weil seine Mutter total auf Brad Pitt steht. Aber irgendwie ist er dann doch ein Matt geworden.

Danach hat sie mit mir angestoßen und wir haben über andere Sachen geredet, weil sie gesagt hat, sie würde Brad am liebsten vergessen. Aber ich musste immer wieder an ihn denken. Irgendwie kann ich ihn verstehen. Es ist schon blöd, Bianca so nahe zu sein, ohne zu wissen, was wird. Wie schrecklich muss es erst sein, sie zu verlieren.

Bis dann,

Euer Mc Pom Fritz

Der Feuerwald – Teil 2

Der Feuerwald

Teil 1 verpasst? Hier entlang!

Wie es sein eigener Plan vorsah, tat Sven aufs Heftigste erschrocken, was ihm bei diesem Anblick in keinster Weise schwerfiel.

„Welcher Narr wagt es, mich in meiner Ruhe zu stören?“, donnerte Dragen, derweil ihm der flammende Speichel von den monumentalen Eckzähnen tropfte.
„Oh, verzeiht, Herr Drache“, antwortete Sven und versuchte sich vorzustellen, er spräche mir seinem Nachbarn, Herrn Grimm, was ihm seltsamerweise erstaunlich gut gelang. „Ich wusste nicht, dass dies hier Eure Ruhestätte ist. Glaubt mir, es lag mir fern, Euch zu stören, bestenfalls wollte ich Euch warnen.“
„Mich warnen?“ Die Bestie lachte derartig, dass sie beinahe an den Lavaströmen aus ihren Nüstern erstickt wäre.
Das konnte Sven nur recht sein. Ein bisschen gute Laune konnte auch bei einem Drachen nicht schaden. Als Dragen den Hustenanfall überlebt hatte und Sven sicher war, dass sein Stimmchen wieder an die Ohren des Ungeheuers dringen konnte – sofern bei einem Drachen so etwas wie Ohren existieren – entgegnete er: „Natürlich, Ihr habt recht. Welche Gefahr könnte es schon geben, vor der ich Euch warnen müsste. So beachtet mich nicht weiter und lasst mich ziehen. Schließlich müsst Ihr Euch auf die wirklich großen Kämpfe vorbereiten.“ Damit wandte er sich zum Gehen.
„Halt, Bürschchen! Von welchen Kämpfen redest du?“ Dragen Fiur richtete sich weiter auf und seine Brust kam zum Vorschein, auf der eine Jugendmannschaft bequem ein Fußballspielchen hätte abhalten können, im ausgekühlten Zustand versteht sich.
„Oh, Ihr werdet leichtes Spiel mit ihnen haben, denn sie sind sicher einen Kopf kleiner als Ihr. Die meisten jedenfalls.“
Dragen Fiur schnaubte überrascht. „Die meisten? Wie viele sind es denn?“
„Ich bin klein, Herr Drache. Ich traute mich nicht, so lange in ihrer Nähe zu bleiben, dass ich sie zählen konnte. Aber ich denke, es werden kaum mehr als zehn sein. Und sie scheinen Euch sehr zu fürchten, denn sie kämpfen statt mit Euch mit den Pflanzen Eures Waldes. Sie haben schon einen guten Teil vernichtet.“ Sven bemerkte zu spät, dass er vielleicht zu weit gegangen war. Einerseits wollte er das Ungetüm von seinem Platz hinfort locken und fürchtete, ihm möglicherweise mit der Anzahl der Gegner Angst einzujagen, andererseits fiel ihm ein, dass der Drache mit seinem Wald eng verbunden war. Vermutlich würde er es spüren, wenn jemand eine derartige Verwüstung unter seinen Feuerpflanzen anrichten würde.

Tatsächlich blickte ihn Dragen misstrauisch an. Dann schüttelte er sich. „Ich fühle mich wirklich ein bisschen schwächer als sonst.“
Sven lächelte. Einbildung ist auch eine Bildung, sagte er sich. Doch das Lächeln verging ihm, als das Ungeheuer zu brüllen begann. „Dem muss sofort Einhalt geboten werden! Wo finde ich diese Wüstlinge?“ Das Ungetüm stemmte sich aus dem See und wuchs dabei zu einer Größe heran, die selbst der mächtige Schädel Dragens nicht hatte vermuten lassen.
„Nun, wenn Ihr mir versprecht, mich vor den Eindringlingen zu beschützen, werde ich Euch zu ihnen führen.“

Dragen Fiur war einverstanden und so ging Svens Plan auf und er selbst voraus, während der Feuerdrache ihm hinterherstampfte. Zufrieden mit sich selbst suchte Sven möglichst viel Zeit zu schinden und den Herrscher des Feuerwalds dabei so weit wie möglich vom See wegzuführen, damit Lesan und Hold gefahrlos aus den Heißen Wassern schöpfen konnten, um Zoupar weiterhin die Energie für den Schutz Wanaheils zu liefern.

Die Aufregung hatte ihn fast vergessen lassen, wo er sich befand, doch schon bald spürte er seine Umgebung wieder und die Hitze, verstärkt durch die Anwesenheit seines unangenehmen Begleiters, drängte alle anderen Gedanken und Wahrnehmungen zurück. Er war am Ende seiner Kräfte und getraute sich dennoch nicht, jetzt schon sein eigenes Leben zu retten. Doch mehr und mehr fürchtete er, sein Hinhalten könne in Dragen wieder das Misstrauen wecken.

Tatsächlich blieb dieser plötzlich stehen und fauchte, dass die Funken stoben. „Jetzt spüre ich es ganz deutlich! Jemand stiehlt mir meine Lebenssäfte!“
Da wusste Sven, dass Lesan und ihr Ritter das Reich des Drachen verlassen hatten. „Seht Ihr!“, rief er. „Die Räuber müssen ganz in der Nähe sein.“ Er mühte sich, am ganzen Körper möglichst auffällig zu schlottern, was ihm angesichts der Temperaturen höchst unpassend schien. „Ich bin kein Held und fürchte mich, ihnen näher zu kommen. Doch wenn ihr nur ein Stück weiter in diese Richtung geht, könnt ihr sie nicht verfehlen.“
In unübersehbarerer Erregung und ohne ein Dankeswort stürmte Dragen Fiur an ihm vorbei, eine Spur der Verbrennung in einem verbrannten Land hinter sich lassend. Sven dagegen beeilte sich, davonzukommen. Er hatte den Drachen nah an der Rand seines Machtbereichs geführt und brauchte nur noch wenige Meter hinter sich zu bringen, um aus dem Feuerwald zu treten. Dennoch hielt er nicht inne, bis er den Abstand um ein Vielfaches vergrößert und die Hitze deutlich nachgelassen hatte.

Nun fühlte er sich in Sicherheit, denn Dragen konnte außerhalb seines Waldes nicht überleben. Noch immer sah er die wütende Kreatur nahe des Waldrands toben, auf der Suche nach den erfundenen Gegnern.

Sven befand sich nun fast auf der gegenüberliegenden Seite des Feuerwalds und wusste noch einen weiten Weg vor sich, bis er den Treffpunkt erreichte. Dort aber sähe er Lesan wieder, hoffend, ihre Dankbarkeit für seine Taten würde endlich in größere Gefühle umschlagen.