Blogroman: 23 – Wassertropfen

Tom fluchte. Nicht nur wegen der Schmerzen – sein Knie tat höllisch weh -, vor allem auch, weil er sich seine Dämlichkeit eingestehen musste. Schlimmer noch: Spätestens jetzt wurde sie auch für Mona mehr als offensichtlich. Während er sich hochrappelte, genügte der kurze Moment, bevor er beschämt zu Boden sah, um die Mischung aus Belustigung und Ärger in ihrem Blick zu lesen.
„Hatte ich nicht gesagt, Sie sollen warten, bis ich rufe?“ In ihrer Stimme war keinerlei Belustigung zu hören.
„Ja, ja, ich hab’s verstanden. Bin ja auch schon zur genüge dafür bestraft worden.“ Er trat gegen die Schublade, die ihn zu Fall gebracht hatte.
„Möglicherweise wäre ein Schuss zwischen die Augen die gerechtere Strafe gewesen.“ Sie drehte sich um und überprüfte den Rest der Wohnung. Allerdings gab sie sich jetzt keine Mühe mehr, ihre Anwesenheit zu verbergen.
Ein bisschen Mitgefühl würde ihr auch nicht schlecht zu Gesicht stehen. Tom rieb sich das Knie. Er humpelte ins Bad und schaltete das Licht an. Er nahm sich einen Waschlappen, der auf dem Boden lag, hielt ihn unter den Wasserhahn und ließ ihn sich mit kaltem Wasser vollsaugen. Unbeholfen stakste er über den scherbenübersäten Fußboden, setzte sich auf den Badewannenrand und krempelte sein Hosenbein hoch. Wie konnte man wegen einer blöden Holzfigur so einen Aufriss veranstalten? Er legte den Lappen aufs Knie. Die Kühlung tat gut, brachte Entspannung und machte den Kopf frei. Die arme Lisa. Kurz nach der Trennung hatte sie sich diese Wohnung genommen. Ihre frühere gemeinsame hätte sich keiner von ihnen lange leisten können. Tom war noch nie hier gewesen. Hatte sie nur einmal bis zur Wohnungstür begleitet. Durchaus hoffnungsvoll. Doch schon im Treppenhaus hatten sie sich wieder gestritten. Sonst hätten sie vielleicht hier in diesem Bad mit dem Vorspiel begonnen. Oder sie hätten in Erinnerung an alte Zeiten zusammen ein Bad genommen. Er schaute sich um. „Scheiße!“ Er sprang auf, ließ den Lappen fallen. Der Schmerz fuhr mit doppelter Gewalt in sein Knie zurück.
In der Wanne glitzerten Wassertropfen. Wie gebannt starrte Tom auf den roten Fleck, der sich am Abfluss gebildet hatte.

Was bisher geschah

Blogroman: 16 – Trübes Licht

Tom erdachte Gebete. Es erstaunte ihn selbst, war er doch gar kein gläubiger Mensch. Doch er fühlte sich so hilflos. Dazu kam das dringende Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Es war ihm einfach so rausgerutscht. Ihm war erst hinterher klar geworden, dass er Lisa vielleicht ans Messer, eher noch an den Schlagstock geliefert hatte. Schlimmer: Im ersten Moment war er einfach froh gewesen, die direkte Gefahr für sich und sein Leben abgewendet zu haben. Dabei konnte das allenfalls ein Aufschub sein, denn noch immer saß er hier in Fesseln, beaufsichtigt von Piet, der ihn – vor wie vielen Stunden auch immer – mit der Frau, die er Boss nannte, abgefangen hatte. Seit die mit den anderen losgezogen war, um Lisa einen Besuch abzustatten, hatte Tom nicht den Hauch einer Idee gehabt, wie er sich befreien könnte. Und alles nur wegen einer billigen Holzfigur, die obendrein ausgesprochen hässlich war.
Was würden sie mit Lisa anstellen? Und wie lange waren sie nun schon fort? Bei dem Gedanken daran, sie könnten bald zurück sein, spürte er seine Knie zittern. Er warf einen flehenden Blick nach oben, wo die trübe Glühbirne mit einem leisen Surren um ihre Lebensdauer kämpfte.
Ein letztes Flackern, dann wurde es vollends dunkel. Ein lautes Klirren ließ Tom zusammenzucken.

Was bisher geschah