Stromer (Teil 1)

Stromer

Als ich mich umdrehte, wurde das ungute Gefühl zur Gewissheit: Man verfolgte mich. Ich ging schneller, während mir klar wurde, wie aussichtslos meine Lage war. Den Weg zurück nach Bree versperrten meine Verfolger, die sich jetzt, da ich den Wald hinter mir gelassen hatte, gar nicht die Mühe gaben, nicht aufzufallen. Um mich herum erstreckte sich eine Ebene, auf der kein Entkommen möglich war. Genauso gut konnte ich weiter der Straße folgen, meinen Schritt beschleunigen und hoffen, dass die Männer hinter mir nur zufällig denselben Weg hatten wie ich.

Diese Hoffnung erschien mir beinahe töricht. Nicht umsonst war ich am Morgen in aller Frühe aufgebrochen, nachdem mir meine Dummheit am Vorabend bewusst geworden war. Noch immer ärgerte ich mich über mich selbst. All meine Vorsicht hatte ich abgelegt, ausgelöst durch zu viel Bier und Wein im Gasthaus in Bree. Auch dem eigenen Stolz und der Eitelkeit gab ich die Schuld. Eigenschaften, die mir bis dahin an mir selbst weitgehend unbekannt gewesen waren. Doch wenn ein Mann ins Ungewisse aufbricht, kann eine plötzliche Wende zum Guten, ein unvorhergesehenes Glück, all seine Prinzipien durchkreuzen.

Vor den Unruhen in meiner Heimat war ich geflohen, den Grünweg hinauf nach Norden. Ein armer Mann, der alles aufgegeben hatte, ohne zu wissen, ob er je zurückkehren oder anderswo heimisch werden könnte. Nach vielen einsamen Wegstunden fand ich bei den Hügelgräbern auf den Höhen westlich der Straße einen Zwerg in Not, der zum Dank für meine Hilfe den Schatz mit mir teilte, der ihn erst in die missliche Lage gebracht hatte. Ein versöhnliches Ende für ein Ereignis, das ich schleunigst vergessen wollte.

Umso mehr dürstete es mich nach Gesellschaft, Bier und Gesang, die ich noch am selben Abend im Gasthaus in Bree finden sollte. Zu viel von allem, denn statt zu vergessen, begann ich zu prahlen und ließ auch die Schätze nicht aus, die mein Lohn gewesen waren.

Wie konnte nur mein Misstrauen so bald hinter den Nebeln des Rausches verschwinden? Und das obwohl mir bei meiner Ankunft in der Wirtsstube gleich mehrere der Anwesenden nicht geheuer vorgekommen waren. Allen voran ein großer Mann, der in einer dunklen Ecke saß, die langen Beine in hohen Stiefeln ausgestreckt, das Gesicht fast vollständig im Schatten seiner Kapuze verborgen, die zu einem fleckigen Mantel aus dunkelgrünem Stoff gehörte.

Zwar konnte ich sie aufgrund der Entfernung nicht unterscheiden, doch ich war mir beinahe sicher, dass dieser dunkle Geselle meine Verfolger anführte. Herr Butterblume, der Wirt des Gasthauses, hatte mir auf meine Nachfrage sogar seinen Namen verraten. „Seinen richtigen Namen habe ich nie gehört. Wir hier nennen ihn Stromer. Er ist einer vom wandernden Volk – Waldläufer nennen wir sie. An Eurer Stelle würde ich mich von ihm fernhalten.“

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Der Feuerwald – Teil 2

Der Feuerwald

Teil 1 verpasst? Hier entlang!

Wie es sein eigener Plan vorsah, tat Sven aufs Heftigste erschrocken, was ihm bei diesem Anblick in keinster Weise schwerfiel.

„Welcher Narr wagt es, mich in meiner Ruhe zu stören?“, donnerte Dragen, derweil ihm der flammende Speichel von den monumentalen Eckzähnen tropfte.
„Oh, verzeiht, Herr Drache“, antwortete Sven und versuchte sich vorzustellen, er spräche mir seinem Nachbarn, Herrn Grimm, was ihm seltsamerweise erstaunlich gut gelang. „Ich wusste nicht, dass dies hier Eure Ruhestätte ist. Glaubt mir, es lag mir fern, Euch zu stören, bestenfalls wollte ich Euch warnen.“
„Mich warnen?“ Die Bestie lachte derartig, dass sie beinahe an den Lavaströmen aus ihren Nüstern erstickt wäre.
Das konnte Sven nur recht sein. Ein bisschen gute Laune konnte auch bei einem Drachen nicht schaden. Als Dragen den Hustenanfall überlebt hatte und Sven sicher war, dass sein Stimmchen wieder an die Ohren des Ungeheuers dringen konnte – sofern bei einem Drachen so etwas wie Ohren existieren – entgegnete er: „Natürlich, Ihr habt recht. Welche Gefahr könnte es schon geben, vor der ich Euch warnen müsste. So beachtet mich nicht weiter und lasst mich ziehen. Schließlich müsst Ihr Euch auf die wirklich großen Kämpfe vorbereiten.“ Damit wandte er sich zum Gehen.
„Halt, Bürschchen! Von welchen Kämpfen redest du?“ Dragen Fiur richtete sich weiter auf und seine Brust kam zum Vorschein, auf der eine Jugendmannschaft bequem ein Fußballspielchen hätte abhalten können, im ausgekühlten Zustand versteht sich.
„Oh, Ihr werdet leichtes Spiel mit ihnen haben, denn sie sind sicher einen Kopf kleiner als Ihr. Die meisten jedenfalls.“
Dragen Fiur schnaubte überrascht. „Die meisten? Wie viele sind es denn?“
„Ich bin klein, Herr Drache. Ich traute mich nicht, so lange in ihrer Nähe zu bleiben, dass ich sie zählen konnte. Aber ich denke, es werden kaum mehr als zehn sein. Und sie scheinen Euch sehr zu fürchten, denn sie kämpfen statt mit Euch mit den Pflanzen Eures Waldes. Sie haben schon einen guten Teil vernichtet.“ Sven bemerkte zu spät, dass er vielleicht zu weit gegangen war. Einerseits wollte er das Ungetüm von seinem Platz hinfort locken und fürchtete, ihm möglicherweise mit der Anzahl der Gegner Angst einzujagen, andererseits fiel ihm ein, dass der Drache mit seinem Wald eng verbunden war. Vermutlich würde er es spüren, wenn jemand eine derartige Verwüstung unter seinen Feuerpflanzen anrichten würde.

Tatsächlich blickte ihn Dragen misstrauisch an. Dann schüttelte er sich. „Ich fühle mich wirklich ein bisschen schwächer als sonst.“
Sven lächelte. Einbildung ist auch eine Bildung, sagte er sich. Doch das Lächeln verging ihm, als das Ungeheuer zu brüllen begann. „Dem muss sofort Einhalt geboten werden! Wo finde ich diese Wüstlinge?“ Das Ungetüm stemmte sich aus dem See und wuchs dabei zu einer Größe heran, die selbst der mächtige Schädel Dragens nicht hatte vermuten lassen.
„Nun, wenn Ihr mir versprecht, mich vor den Eindringlingen zu beschützen, werde ich Euch zu ihnen führen.“

Dragen Fiur war einverstanden und so ging Svens Plan auf und er selbst voraus, während der Feuerdrache ihm hinterherstampfte. Zufrieden mit sich selbst suchte Sven möglichst viel Zeit zu schinden und den Herrscher des Feuerwalds dabei so weit wie möglich vom See wegzuführen, damit Lesan und Hold gefahrlos aus den Heißen Wassern schöpfen konnten, um Zoupar weiterhin die Energie für den Schutz Wanaheils zu liefern.

Die Aufregung hatte ihn fast vergessen lassen, wo er sich befand, doch schon bald spürte er seine Umgebung wieder und die Hitze, verstärkt durch die Anwesenheit seines unangenehmen Begleiters, drängte alle anderen Gedanken und Wahrnehmungen zurück. Er war am Ende seiner Kräfte und getraute sich dennoch nicht, jetzt schon sein eigenes Leben zu retten. Doch mehr und mehr fürchtete er, sein Hinhalten könne in Dragen wieder das Misstrauen wecken.

Tatsächlich blieb dieser plötzlich stehen und fauchte, dass die Funken stoben. „Jetzt spüre ich es ganz deutlich! Jemand stiehlt mir meine Lebenssäfte!“
Da wusste Sven, dass Lesan und ihr Ritter das Reich des Drachen verlassen hatten. „Seht Ihr!“, rief er. „Die Räuber müssen ganz in der Nähe sein.“ Er mühte sich, am ganzen Körper möglichst auffällig zu schlottern, was ihm angesichts der Temperaturen höchst unpassend schien. „Ich bin kein Held und fürchte mich, ihnen näher zu kommen. Doch wenn ihr nur ein Stück weiter in diese Richtung geht, könnt ihr sie nicht verfehlen.“
In unübersehbarerer Erregung und ohne ein Dankeswort stürmte Dragen Fiur an ihm vorbei, eine Spur der Verbrennung in einem verbrannten Land hinter sich lassend. Sven dagegen beeilte sich, davonzukommen. Er hatte den Drachen nah an der Rand seines Machtbereichs geführt und brauchte nur noch wenige Meter hinter sich zu bringen, um aus dem Feuerwald zu treten. Dennoch hielt er nicht inne, bis er den Abstand um ein Vielfaches vergrößert und die Hitze deutlich nachgelassen hatte.

Nun fühlte er sich in Sicherheit, denn Dragen konnte außerhalb seines Waldes nicht überleben. Noch immer sah er die wütende Kreatur nahe des Waldrands toben, auf der Suche nach den erfundenen Gegnern.

Sven befand sich nun fast auf der gegenüberliegenden Seite des Feuerwalds und wusste noch einen weiten Weg vor sich, bis er den Treffpunkt erreichte. Dort aber sähe er Lesan wieder, hoffend, ihre Dankbarkeit für seine Taten würde endlich in größere Gefühle umschlagen.