Blogroman: 19 – Diskussionen

Die Frau verwirrte ihn. Nicht viel weniger als es Boss getan hatte. Konnte er ihr vertrauen? Und musste er es überhaupt? Durfte man einer Frau vertrauen, die sich gerade an einem fremden Auto zu schaffen machte?
„Also, wo wohnt ihre Ex?“ Sie hatte die Tür geöffnet. Wenige Sekunden waren verstrichen. Schon saß sie auf dem Fahrersitz und entriegelte auch die Beifahrertür.
Tom blieb bei der Fahrertür stehen, trat von einem Fuß auf den anderen und rieb sich die Handgelenke, in denen noch der Schmerz der Fesseln gespeichert war. Er beobachtete, wie sich seine Befreierin nach vorn beugte, eine Klappe unter dem Armaturenbrett öffnete und in den Drähten wühlte. „Warum wollen Sie das wissen?“
Ihre Stimme klang etwas gedämpft unter dem Sportlenkrad des Audis hervor: „Weil die Frau in großer Gefahr schwebt. Wenn wir ihr noch helfen wollen, sollten wir uns beeilen.“
Das klang nicht nur logisch, es entsprach auch dem, was er längst befürchtet hatte. Dennoch blieb er stehen. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Mona. Das muss reichen.“ Ihre Stimme war noch immer gedämpft. Dennoch hörte er deutlich den genervten Unterton. Der Motor sprang an und Monas roter Haarschopf tauchte wieder auf. Noch einmal deutete sie auf den freien Platz neben sich, ärgerlich, mit einem Funkeln in den grünen Augen.
„Haben Sie Piet getötet?“
„Sollte ich mit ihm ein Kaffekränzchen abhalten?“ Ihr Blick fing Toms unruhig wandernden Augen ein und hielt sie fest. Ganz langsam sagte sie: „Ich stehe nicht sonderlich auf langwierige Diskussionen!“
„Rote Gasse 5.“

Was bisher geschah

Blogroman: 9 – Kein cooles Date

Tom sog die Luft ein.
„Jasmin“, sagte sie.
„Angenehm, Tom“, sagte er zynisch.
„Das Parfüm“, sagte sie.
„Ah so.“ Es ging ihm eigentlich am Arsch vorbei, welcher Duft das war. Es war in jedem Fall derselbe, den er schon in der Wohnung gerochen hatte.
Er schaute aus dem Autofenster in die vorbeifliegende Nacht. Er biss sich auf die Lippen, wollte den Ausbruch verhindern. Er, der er immer versuchte, den äußeren Schein zu wahren. Sogar als Lisa ihn verlassen hatte, war er scheinbar die Coolness in Person gewesen.
Doch diese Situation überforderte selbst ihn. Der Schlüssel, der Einbruch, das Chaos im Arbeitszimmer, der Niederschlag und jetzt das: Er saß auf der Rückbank eines BMW und eine ihm fremde Frau richtete vom Beifahrersitz aus eine Waffe auf ihn.
„Verdammt! Was wollen Sie von mir?“
„Zunächt einmal, dass du nicht zu den Bullen rennst.“
„Sie müssen mich verwechseln. Ich bin nur ein stinknormaler Gebäudereiniger. Was könnte ich Ihnen schon nutzen?“
„Das lass mal unsere Sorge sein.“
Tom schaute die Frau an. Unter anderen Umständen hätte er versucht, sie aufzureißen. „Wo bringen Sie mich hin?“
Die Frau grinste. „Es wird dir dort nicht gefallen.“

Was bisher geschah

Wollen Sie nicht gewinnen?

Foto: Silvia Bogdanski
Foto: Silvia Bogdanski

„Guten Tag, Herr Mann.“
Die unbekannte weibliche Stimme am Telefon klingt freundlich. Ich versuche, ihr ebenso freundlich zu antworten. Woher sollte sie auch ahnen, dass ich an einem Dienstagvormittag viel zu tun haben könnte?
„Sie haben doch vor einiger Zeit mal an der Nordsüddeutschen Klassenlotterie Ostwest teilgenommen, richtig?“
„Richtig.“ Sollten die Leute etwa zur Erkenntnis gelangt sein, dass sie mir einen Hauptgewinn unterschlagen haben? Trotz meiner angeborenen Skepsis spüre ich, wie mein Herz ein wenig die Brust hinaufklettert. Vermutlich will es kein Wort verpassen.
„Sehen Sie, Herr Mann, wir von der Nordsüddeutschen Klassenlotterie Ostwest finden es schade, dass langjährige Kunden wie Sie bei uns noch nicht gewonnen haben. Daher haben wir uns zu einer besonderen Aktion entschieden, bei der nur solche Kunden teilnehmen können, die in der Vergangenheit noch nicht …“

Ich sollte auflegen! Es ist nicht nur eine leichte Enttäuschung, die mein Herz wieder in sein Stammgefäß zurückrutschen lässt, auch schrillt eine Klingel in meinem Kopf: Pass auf! Sonst wirst du die nicht mehr los. Dennoch verspüre ich, möglicherweise aus puren Rachegelüsten heraus, einen gewissen Ehrgeiz in mir aufsteigen.

„Entschuldigen Sie“, sage ich, mein Hörergegenüber unterbrechend, das ungeachtet meiner unausgesprochenen Gedanken und meiner fehlenden Aufmerksamkeit in seinen Ausführungen fortgefahren ist. „Ich fürchte, ich kann mir das nicht leisten.“
„Was?“
„Noch einmal monatlich Geld für ein Los auszugeben.“
„Aber Sie bekommen doch fünf Lose auf einmal.“

Ich sollte wirklich auflegen, aber diese Logik reizt mich nur noch mehr. „Das kann ich mir erst recht nicht leisten.“
„Herr Mann, hören Sie mir doch erst mal zu. Es kostet Sie ja praktisch nichts. Und die Gewinnchancen …“
„Also schenken Sie mir die Lose?“
„Herr Mann, unterbrechen Sie mich doch nicht dauernd, sehen Sie, mit 97,99-prozentiger Sicherheit gehören Sie schon jetzt …“
„Ja, aber ich kann mir ja schon die Lose nicht leisten.“

Ich halte das eigentlich für ein Totschlagargument. Tatsächlich scheint die Frau zu stutzen.
„Aber, wenn sie doch so sicher gewinnen, haben Sie das Geld bald wieder drin. Also …“ Sie klingt jetzt weniger freundlich, fast verärgert.
Ich passe mich ihrem Ton an. „Gute Frau, dann sagen Sie mir doch endlich, was die Lose kosten!“
„Also, wir haben fünf Achtellose für Sie bereitgestellt. Mit jedem haben Sie die Chance auf einen Gewinn in Höhe von bis zu einer Millionen Euro. Sie haben garantierte Gewinnchancen von …“
„Was muss ich zahlen?“
„… selbst mit dem kleinsten Gewinn …“
„Der Preis!“
„Es kostet Sie nur sagenhafte 54 Euro, die sie nahezu garantiert …“
„Sehen Sie!“ Aus mir heraus schreit der Triumph. „Das kann ich mir nicht leisten!“
„Aber, Herr Mann. Das ist doch kein hoher Betrag, wenn Sie bedenken, dass Sie den Einsatz am Ende mit ziemlicher Sicherheit vielfach zurückbekommen!“

Ich bin von der Begriffsstutzigkeit der Dame enttäuscht. Ich beschließe, Sie endgültig mundtot zu machen. „Hören Sie. Ich habe das Geld nicht …“
„Aber wenn Sie doch gewinnen.“
„Dazu müsste ich es ja erst einmal haben. Wenn Sie wollen, können Sie mir natürlich den Betrag vorlegen. Wenn ich gewinne, zahle ich es Ihnen auch garantiert zurück.“
Sie kichert unsicher. „Nein, das geht natürlich nicht. Sie bekommen wirklich keine 54 Euro zusammen, Herr Mann?“
„Sie müssten den Gewinn an einen Verhungerten auszahlen.“
„Aber wollen Sie denn nicht gewinnen? Sie bräuchten jetzt nur zuzusagen, Herr Mann.“

Ich würde mir mit beiden Händen an den Kopf fassen, wenn ich nicht den Hörer halten müsste. „Gut“, sage ich. „Ich sage zu und garantiere Ihnen mit sogar 100-prozentiger Sicherheit, dass ich Ihnen die Rechnung für die Lose schuldig bleiben werde.“
„Na, zahlen müssen Sie natürlich schon.“
„Kann ich doch aber nicht.“
„Wollen Sie sich diese Chance wirklich entgehen lassen?“

Ich gebe auf. „Also, was brauchen Sie?“
„Ihr Vorname war …?“
„Hermann.“