Der Traumwandler

Im Wolkenbett

Lev Leo gähnte. Er hatte etwas seltsames geträumt. Aber er konnte sich nicht mehr erinnern, was es gewesen war. Er öffnete die Augen und erhob sich langsam. Als er sich umschaute, wunderte er sich. Er befand sich nicht mehr auf dem kleinen Hügel, auf dem er eingeschlafen war. Stattdessen saß er nun neben einem großen Akazienbaum. Von seinem Rudel war nichts zu sehen. Er reckte sich, um so weit wie möglich schauen zu können – kein Löwe weit und breit. Außer ihm selbst natürlich.

Waren sie weitergezogen und hatten ihn vergessen? Aber warum sollten sie? Es war Regenzeit, das Gras in der Savanne leuchtete in kräftigem Grün und Tausende von Gnus und Zebras fanden reichlich zu fressen. Auch das Löwenrudel musste sich um die nächste Mahlzeit keine Sorgen machen. Es gab also keinen Grund, diesen Ort zu verlassen.

Vielleicht waren sie nur zum großen Fluss gezogen, um zu trinken. Lev wollte gleich nachschauen. Nur, wo war der Fluss? Von seinem Schlafhügel aus hätte Lev ihn leicht gefunden. Aber den Platz, an dem er aufgewacht war, kannte er nicht. Er würde sich durchfragen müssen.

Da sah er nicht weit entfernt Loxo Rüssel. Lev war ganz sicher, dass er es war, denn er hatte sich schon oft mit dem alten Elefanten unterhalten. Schnell lief er zu dem Dickhäuter hin. Der staunte nicht schlecht, als er Lev sah. „Was machst du denn hier auf der anderen Seite des großen Flusses?“
Jetzt war es an Lev, zu staunen. „Ich bin auf der anderen Seite des Flusses?“
Loxo wiegte bedächtig den Kopf und drehte seine großen Ohren nach vorn. „Ja, das bist du. Ich habe noch nie gehört, dass ein Löwe den Fluss überquert hat.“
„Aber das habe ich nicht“, antwortete Lev verwundert. „Als ich eingeschlafen bin, war ich noch auf der richtigen Seite.“
Loxo hob den Rüssel und schmunzelte. „Aha, du hast geschlafen. Hast du auch geträumt?“
„Ich glaube schon.“
Der alte Elefant wiegte den Kopf jetzt noch bedächtiger. „In Träumen kann man manchmal übers Wasser gehen. Dann träum dich mal zurück.“

Nachdenklich legte sich Lev wieder unter die Akazie. Wenn er sich wirklich hierher geträumt hatte, musste er jetzt nur wieder einschlafen. Aber das war kein Problem für ihn. Wie alle Löwen war er zu jeder Tages- und Nachtzeit für ein Nickerchen zu haben. Nur wollte er dieses Mal genau aufpassen, was er träumte.

Ein weißes Wolkenbett brachte ihn zu seinem Schlafhügel zurück. Noch bevor Lev die Augen öffnete, spürte er die raue Zunge von Mama Lea. „Genug geträumt!“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Wir wollen zum Fluss.“

Blogroman: 32 – Tränen in den Ohren

Als Tilo seine eigene Stimme hörte, wurde ihm bewusst, welche Dummheit er gerade begangen hatte. Als er die Frau am Fenster erblickt hatte, seine Agentin, seine Amazone, da waren mit ihm die Pferde durchgegangen. Er wollte hier raus, wollte nach Hause zu seinen Eltern, und sie konnte ihm helfen, da war er sich sicher gewesen. Nun aber wussten auch die Bösen, dass er hier war.

Er drückte sich, so gut es ging, in die hinterste Ecke des Schranks und hoffte auf ein Wunder. Es war, als hätten seine Tränen seine Ohren verstopft, denn in der absoluten Stille konnte er nur die Donnerschläge seines Herzens vernehmen.

Dass er weder die Stimme der teuflischen Frau noch die ihrer Gefährten hörte, war ein schlechtes Zeichen. Aber es passierte nichts. Tilo schien es, als würden Stunden verstreichen. Sollte doch alles gut werden? Waren die drei verschwunden? Vielleicht hatte sein Hilferuf sie so erschreckt, dass …

Die Schranktür wurde aufgerissen!

Was bisher geschah