Blogroman: 31 – Keine Spur

„Sie ist nicht bei ihnen.“
Tom begriff die Worte nicht. Er starrte auf den reglosen Körper in der Nähe des Eingangs. Im Dunkeln vorhin – wie viele Stunden war das jetzt her? – hatte er den Leichnam gar nicht gesehen. Er hatte sich überhaupt keinen Kopf mehr darum gemacht, was mit Piet geschehen sein mochte. „Haben Sie …?“
„Was? Nein, ich habe keine Ahnung, wo sie steckt.“
Tom konnte sich vorstellen, wie dämlich er aussehen musste. „Von wem reden Sie?“
„Ihre Ex. Sie ist nicht bei ihnen.“
Tom schüttelte den Kopf, als müsse er ihn vom Staub befreien. Wieder blickte er durch das Fenster, zwang sich, nicht nach dem Toten zu sehen. Boss saß mit dem Rücken zum Fenster am Tisch und sprach mit ihren beiden verbliebenen Handlangern. Keine Spur von Lisa. „Haben die sie doch noch umgebracht?“ Er sprach die Frage so leise aus, dass selbst Mona direkt neben ihm sie nicht verstanden haben konnte. Ihm wurde kalt.
Mona schwieg. Sie drehte sich vom Fenster weg und schien zu überlegen. Sie bedeutete Tom, er solle ihr folgen. Wollte sie zurück?

Der Hilferuf kam von einem Kind!

Was bisher geschah

Blogroman: 30 – Nicht da

Tilo sah ihre Augen und wusste, dieser Frau wollte er nicht einmal am hellichten Tag und in Begleitung seiner Eltern begegnen. Kein Wunder, dass die anderen beiden sie Boss nannten.

Der Mann, der noch einmal zum Auto gelaufen war, um eine neue Glühbirne zu besorgen, war groß gewachsen. Seine fast zur Glatze geschorenen Haare und der schmale Bart, der seinen Mund einfasste, gaben ihm ein brutales Aussehen. Neben Boss aber wirkte er beinahe sympathisch.

Die zweite Frau mit der Brille, schien überhaupt nicht zu den beiden zu passen. Sie sah Frau Blum, seiner Biologielehrerin, ein bisschen ähnlich. Sie kniete neben dem regungslosen Körper, der, wie Tilo jetzt sehen konnte, einem wahren Muskelprotz gehört hatte, und untersuchte ihn. Mit einem Tonfall, indem Frau Blum die Ergebnisse einer Klassenarbeit mitgeteilt hätte, sagte sie: „Mit Piet ist es vorbei. Er hatte nicht mal die Zeit, sich zu wehren. Hatte gleich ein Messer zwischen den Rippen.“

Tilo wurde übel. Nicht genug, dass es in dem morschen Schrank, in dem er sich versteckte, nach feuchtem Moder roch. Er bezwang den Brechreiz. Hatten die Frau und der Mann, die den Audi seines Vaters gestohlen hatten, Piet umgebracht? Was mussten die für Kräfte besitzen, wenn sie so einen Riesen besiegen konnten?

Er spähte wieder durch den Spalt zwischen den beiden Schranktüren, die schon ziemlich lose in den Angeln hingen. Boss hatte sich mitten im Raum an den Tisch gesetzt. Die anderen beiden blieben vor ihr stehen. Es gab keine Möglichkeit, an den dreien vorbei zum Ausgang und ins Freie zu gelangen. Tilo schaute auf die Uhr. Halb sieben. Jetzt standen seine Eltern auf. Gleich würde Mutti die Zimmertür öffnen und ihn zum Frühstück rufen. Aber er war nicht da.

Blogroman: 19 – Diskussionen

Die Frau verwirrte ihn. Nicht viel weniger als es Boss getan hatte. Konnte er ihr vertrauen? Und musste er es überhaupt? Durfte man einer Frau vertrauen, die sich gerade an einem fremden Auto zu schaffen machte?
„Also, wo wohnt ihre Ex?“ Sie hatte die Tür geöffnet. Wenige Sekunden waren verstrichen. Schon saß sie auf dem Fahrersitz und entriegelte auch die Beifahrertür.
Tom blieb bei der Fahrertür stehen, trat von einem Fuß auf den anderen und rieb sich die Handgelenke, in denen noch der Schmerz der Fesseln gespeichert war. Er beobachtete, wie sich seine Befreierin nach vorn beugte, eine Klappe unter dem Armaturenbrett öffnete und in den Drähten wühlte. „Warum wollen Sie das wissen?“
Ihre Stimme klang etwas gedämpft unter dem Sportlenkrad des Audis hervor: „Weil die Frau in großer Gefahr schwebt. Wenn wir ihr noch helfen wollen, sollten wir uns beeilen.“
Das klang nicht nur logisch, es entsprach auch dem, was er längst befürchtet hatte. Dennoch blieb er stehen. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Mona. Das muss reichen.“ Ihre Stimme war noch immer gedämpft. Dennoch hörte er deutlich den genervten Unterton. Der Motor sprang an und Monas roter Haarschopf tauchte wieder auf. Noch einmal deutete sie auf den freien Platz neben sich, ärgerlich, mit einem Funkeln in den grünen Augen.
„Haben Sie Piet getötet?“
„Sollte ich mit ihm ein Kaffekränzchen abhalten?“ Ihr Blick fing Toms unruhig wandernden Augen ein und hielt sie fest. Ganz langsam sagte sie: „Ich stehe nicht sonderlich auf langwierige Diskussionen!“
„Rote Gasse 5.“

Was bisher geschah

Blogroman: 17 – Stille

Tom lauschte angestrengt, doch das Einzige, was er mit ziemlicher Sicherheit wusste, war, dass Piet aufgesprungen sein musste, denn dabei war dessen Stuhl mit einem Poltern umgekippt. Die Stille, die nun folgte, füllte den Raum beinahe noch konsequenter aus als die Dunkelheit. Dann hörte er Piet fluchen. Ein Schuss. Ein dumpfer Schlag. Ein großer Körper fiel zu Boden. Wieder alles still.
Tom begann, soweit es seine Fesseln zuließen, auf dem Stuhl hin- und herzurutschen. Ein Schweißtropfen brannte ihm im Auge. Seine Nackenhaare richteten sich auf. „Ist da noch wer?“ Er flüsterte die Frage, war sich nicht sicher, was er sich wünschen sollte. Wäre da noch jemand, könnte das gut, aber auch ausgesprochen schlecht für ihn sein. Gleichzeitig packte ihn die Furcht, er könne allein hier zurückbleiben. Möglicherweise mit einer Leiche irgendwo im Raum. „Ist da noch wer?“ Jetzt schrie er es.
„Ja.“
Tom erstarrte. Die Stimme war direkt hinter ihm. Es war die Stimme einer Frau.
„Es ist vorbei.“
Er spürte kalten Stahl.

Was bisher geschah

Blogroman: 16 – Trübes Licht

Tom erdachte Gebete. Es erstaunte ihn selbst, war er doch gar kein gläubiger Mensch. Doch er fühlte sich so hilflos. Dazu kam das dringende Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Es war ihm einfach so rausgerutscht. Ihm war erst hinterher klar geworden, dass er Lisa vielleicht ans Messer, eher noch an den Schlagstock geliefert hatte. Schlimmer: Im ersten Moment war er einfach froh gewesen, die direkte Gefahr für sich und sein Leben abgewendet zu haben. Dabei konnte das allenfalls ein Aufschub sein, denn noch immer saß er hier in Fesseln, beaufsichtigt von Piet, der ihn – vor wie vielen Stunden auch immer – mit der Frau, die er Boss nannte, abgefangen hatte. Seit die mit den anderen losgezogen war, um Lisa einen Besuch abzustatten, hatte Tom nicht den Hauch einer Idee gehabt, wie er sich befreien könnte. Und alles nur wegen einer billigen Holzfigur, die obendrein ausgesprochen hässlich war.
Was würden sie mit Lisa anstellen? Und wie lange waren sie nun schon fort? Bei dem Gedanken daran, sie könnten bald zurück sein, spürte er seine Knie zittern. Er warf einen flehenden Blick nach oben, wo die trübe Glühbirne mit einem leisen Surren um ihre Lebensdauer kämpfte.
Ein letztes Flackern, dann wurde es vollends dunkel. Ein lautes Klirren ließ Tom zusammenzucken.

Was bisher geschah