Die Brücke

© WitthayaP

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Vergeblich versuchte er den Schweiß, der ihm in die Augen rann, wegzublinzeln. Stehen bleiben konnte er nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zeit, nach den Moskitos zu schlagen.

Zur Brücke! Er musste die Brücke erreichen, wenn er seinen Verfolgern entkommen wollte. Dort wäre er vor ihnen in Sicherheit. Trotz seiner heillosen Flucht überkam ihn ein Schwindelgefühl, wenn er nur an das wackelige Ding dachte, das sich da über den reißenden Fluss tief unten im Tal spannte. Nur nicht fallen! Später nicht und jetzt erst recht nicht!

Obwohl ihm selbst Zweige und Äste ins Gesicht peitschten, vernahm er das Krachen im Unterholz hinter ihm. So nah schon! War er überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Doch! Vor ihm rauschte der Fluss! Er würde es schaffen!

Er blieb nicht stehen, verkniff sich nur den Blick nach unten, bis er in etwa die Mitte der Brücke erreicht hatte. Dann schaute er zurück, sah sie am Rande des Urwalds stehen.

Demjenigen, den er für den Anführer hielt, rief er zu: „Ja, okay, ich hab euch verärgert. Ziemlich sogar. Kein Grund, mich gleich umzubringen! Mann, war das knapp!“ Er atmete tief ein und wieder aus, spürte, wie er langsam wieder zu sich selbst fand. „Habt ihr auch nicht gedacht, dass euch der gute Tom noch einmal entkommt, was? Jetzt guckt ihr blöd!“

Er sprach nicht weiter, denn sein Gegenüber antwortete. Der graue Riese hob den Rüssel und trompetete, als zöge er in die Schlacht. Dann setzte er seinen Vorderfuß auf die Brücke. Vorsichtig zunächst, und doch mit Nachdruck. Tom glaubte das unglaubliche Gewicht bis zu seinem Standort zu spüren.

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Die Zeitung (Teil 2)

Foto: Pack-Shot

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Teil1

Niklas stand eine ganze Weile vor der Tür der Schönherrs herum. Langsam drehte er sich um und ging die Treppe wieder hinunter. Es konnte sich nur um einen bösen Scherz handeln. Je näher sich der Uhrzeiger der Vier genähert hatte, desto unwahrscheinlicher war es ihm erschienen, dass es anders sein könnte.

„Niklas?“
Er fuhr herum. Laura stand auf dem Treppenabsatz.
„Wolltest du nicht zu mir kommen?“
„Ich … ich hab was vergessen.“
„Was denn?“
„Ähm … mein … meine … meinen … nicht so wichtig.“
„Hast du vergessen, was du vergessen hast?“ Laura lachte.
„Ähm …“ Sie musste gar nichts dafür tun, dass er sich zum Trottel machte.
„Komm schon! Wenn es dir wieder einfällt, kannst du es ja noch holen. Ist ja nicht gerade eine Weltreise.“ Sie verschwand. Er hätte es ihr am liebsten gleichgetan. Dafür war es jetzt zu spät. Er konnte nicht mehr zurück.

Ihm war äußerst unwohl bei der Sache. Vorsichtig schob er sich durch den Türspalt in die Wohnung der Schönherrs. Sie war genauso geschnitten wie die seiner Eltern. Die Frage war, ob Lauras Zimmer auch am Ende des langen Flurs lag. Links war die erste Tür leicht geöffnet. Offenbar das Schlafzimmer. Wie bei seinen Eltern. Das große Zimmer dahinter musste das Wohnzimmer sein. Wohin aber war Laura verschwunden? Er ging vorsichtig ein paar Schritte voran. Klar, Bad und Küche auf der rechten Seite. Die Tür, die unten zu seinem Zimmer geführt hätte, war geschlossen.
„Herr Klein? Haben Sie einen Termin bei meiner Mutter?“ Laura stand in der Tür gegenüber des Schlafzimmers und grinste.

Niklas beeilte sich, ihr in ihr Zimmer zu folgen. „Du hast das zweitgrößte Zimmer der Wohnung?“ Er vergaß fast seine Aufregung, so sehr staunte er.
„Du nicht?“
Er schüttelte den Kopf. Unten arbeitete sein Vater in diesem Raum. Niklas musste sich mit dem kleinsten Zimmer begnügen. Er schaute sich um. Er hatte noch nie ein Mädchenzimmer gesehen, aber so hatte er es sich bestimmt nicht vorgestellt. Als erstes fiel ihm der Fernseher auf. Ein eigener Fernseher! Wie oft hatte er sich das gewünscht. Auf dem riesigen Flachbildschirm, der auf dem Schreibtisch am Fenster stand, lief ein Bildschirmschoner. „Emma Peel!“ Er zeigte auf den Bildschirm und dann auf die Poster.
„Hast du den Film gesehen?“
„Klar!“, antwortete er, verkniff sich aber, dass seiner Meinung nach Uma Thurman in der Rolle der Peel so ziemlich das einzig Sehenswerte in dem Streifen gewesen war. Stattdessen staunte er jetzt über die vielen Bücher. „Hast du die alle gelesen?“
„Fast. Die meisten sind Krimis und Thriller. Da steh ich total drauf. Und jetzt glotz hier nicht nur blöd rum!“ Sie deutet mit einem Kopfnicken an, dass er sich auf die Couch setzen sollte. „Wir haben selbst einen Fall zu lösen!“
Er folgte dem Befehl sofort. Als sie sich neben ihn setzte, war seine Unsicherheit wieder da.
„Rück mir nicht so auf die Pelle!“
Obwohl sie reichlich Platz zur anderen Seite hatte, zwängte sich Niklas ganz bis an den Rand der Couch. Laura goss Orangensaft in zwei bereitgestellte Gläser und hielt ihm eines davon hin. Er mochte keinen Orangensaft, aber das schien Laura nicht zu interessieren. Er wollte sie nicht verärgern, griff schnell zu und nippte an dem Glas. Auch noch mit Fruchtfleisch!
Nun hatte er doch alles falsch gemacht. Mit strengem Blick streckte sie ihm ihr Glas entgegen, bis er begriff, dass er mit ihr anstoßen sollte. „Auf meinen Plan!“, sagte sie feierlich, kurz bevor die Gläser sich mit einem leisen Pling berührten, und Niklas fragte sich, ob er noch eingeweiht werden würde.

Flüssige Redeweise

© Ichweißes

© Ichweißes

Dass das Badezimmer in meiner neuen Altbauwohnung mindestens eine Geschichte hatte, bemerkte ich spätestens, als ich in die Badewanne stieg, um mich zu duschen. Kaum hatte ich die Brause von der altertümlichen Gabel genommen und den nicht wesentlich moderneren Hebel betätigt, schoss mir ein Schwall derber Flüche über den Körper. Die von Rost durchsetzte Stimme machte prustend und speiend ihrem Ärger Luft, dass sie eben diesen angesetzt hatte. Der rotbraune Wasserstrahl zuckte wie ein von Krämpfen geschüttelter Greis und trieb mich aus der Wanne. Daraufhin wurde er ruhiger, spülte den letzten Rost hinfort und entschuldigte sich. Er bat mich zurück in das wortreiche Nass, wo er mir fortan die reinigenden Geschichten meiner Vorgänger erzählen wollte.

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Aus dem roten Nebel

© Ichweißes

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Theo schaute in die Röhre. Abgehängt!
„Los, weiter!“
„Nur einen Moment abhängen.“ Er rutschte gleich neben dem Loch, aus dem er soeben gekrochen war, den Rücken an die Höhlenwand gelehnt, auf seinen Allerwertesten.
Dora stieß ihn mit dem Fuß an. „Glaubst du, wir sind hier sicher?“
Ihr Tonfall signalisierte, dass es sie nicht interessierte, was er glaubte. Aber er konnte nicht mehr. „Ich habe gerade so durch den Gang gepasst. Kein erwachsener Mann kommt da durch!“
„Du bist fett!“
Ihre Antwort versetzte ihm einen Stich. Es war nichts Neues, dass Dora ihn derart beleidigte. Aber hier! In dieser Situation! Zu zweit in einem riesigen Höhlensystem. Und in Lebensgefahr! Dabei war es ihre Schuld! „Hörst du etwas? Nein. Sie können uns nicht folgen.“
„Ich gehe! Du kannst hier gern verschimmeln. Einen Klops wie dich brauche ich sowieso nicht!“ Dora drehte sich um und verschwand in dem seltsamen, rot leuchtenden Nebel, der die Höhle ausfüllte.
„Warte!“ Theo hechelte ihr hinterher. Nichts konnte schlimmer sein, als hier allein zu bleiben. Auch war der Stolz, sie begleiten zu dürfen, noch nicht ganz verklungen. Schließlich hatte er seit Jahren davon geträumt. Wenn er dabei auch nicht an einen dunklen Ort wie diesen gedacht hatte, der obendrein vollgestopft war mit finsteren Gestalten, die ihnen an den Kragen wollten.

Sie wartete nicht und er hatte alle Mühe, sie einzuholen. „Wo willst du denn hin?“
„Hauptsache raus hier.“
„Was glaubst du, was es mit diesem Nebel auf sich hat?“
„Woher soll ich das wissen?“
Theo schob die Mütze zurück und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Doch sein Pullover war längst durchnässt. Das Weiß hatte einen rosafarbenen Ton angenommen. Wenigstens war es kein Schweiß. Nicht nur, jedenfalls. „Ist doch echt merkwürdiges Zeug. Wird immer dichter und …“
Unvermittelt blieb Dora stehen, puffte ihm in die Seite und zeigte nach vorn. Die Höhle war schon zu Ende. Sie standen direkt vor einer massiven Wand.
„Eine Sackgasse!“ Mit einem Schlag fühlte sich Theo noch unwohler als zuvor. Der enge Röhrengang hatte sich nicht als die Rettung sondern als Falle entpuppt.

Dora ging ein paar Schritte zurück und schaute nach oben. „Sieh mal!“
Er tat es ihr gleich. Zuerst sah er nur den roten Nebel, doch die Schwaden zogen sich auseinander, als wollten sie, dass er freie Sicht hatte. Auf dem Massiv zeichneten sich die Konturen eines riesigen Körpers ab. Sie waren bis hierher schon einigen solcher Figuren begegnet. Aber diese war um ein Vielfaches größer. Beine wie Säulen ließen sich nur erahnen. Klauenbewehrte Pranken waren zu Fäusten geballt und schienen die gesamte Felswand unter Spannung zu setzen. Der muskulöse Oberkörper ragte ein Stück aus dem Stein heraus, als wolle sich das Monstrum aus dem ewigen Gefängnis befreien. Von den breiten Schultern blickte ein Schädel herab, der an einen übergroßen Menschenaffen erinnerte. Doch das breite Maul war mit Raubtierzähnen bestückt und zwei meterlange Hörner schienen dem Wesen aus dem Nacken zu wachsen.

„Sieht aus, als hätten sie das Ding mitten in der Bewegung eingefroren.“
„Meinst du, das war mal lebendig?“ Theos Stimme überschlug sich.
Dora lachte. „Idiot!“ Sie schaute sich um. „Es muss doch einen zweiten Ausgang geben. Los, komm mit!“

Sie wandten sich nach rechts und begannen die Seitenwand abzusuchen. Der Nebel hatte seine Position verändert. Er schien sich dorthin verzogen zu haben, wo sie aus dem Gang gekommen waren, genau gegenüber von dem Affenwesen. Doch die bessere Sicht half ihnen nicht, ihre Suche blieb erfolglos.

„Uns bleibt nur der Weg zurück!“, bestimmte Dora.
„Und diese Typen?“
„Wir müssen eben hoffen, dass sie aufgeben. Vielleicht sind sie ja schon weg.“ Zielstrebig ging sie auf die wabernde rote Masse zu, die sich dort auftürmte, wo der Gang sein musste.

Ein Donnerschlag!
Theo schrie auf. Er drehte sich um, starrte das Steinungetüm an. Hatte sich die Figur bewegt?
„Sie sprengen den Gang!“, hörte er Dora aus weiter Entfernung rufen. Gleich darauf brannte seine Wange von einer Ohrfeige. „Du guckst in die falsche Richtung, du Trottel!“
Langsam verstand er. Er entspannte sich ein bisschen, stieß die angehaltene Atemluft aus, schielte zu Dora und rieb sich das schmerzende Gesicht. Mann, war das peinlich. Er versuchte seine Verlegenheit mit einem Lächeln zu überspielen.
„Was grinst du denn so blöd? Ist dir klar, was das bedeutet?“
Jetzt begriff er vollständig. Der Nebel vor dem Eingang mischte sich mit schwarzem Staub von der Sprengung. Er hatte den Geruch von Silvesterknallern in der Nase. „Was sollen wir denn bloß tun?“
Doras Blick tastete noch einmal die gesamte Höhle ab. Schließlich blieb er an Theo hängen. Sie zuckte mit den Schultern.
„Aber …“ Wie konnte sie so ruhig bleiben? „Wir …“
Eine zweite Explosion unterbrach ihn. Bildete er sich das ein oder klang das schon viel näher?
„Komm!“

Dieses Mal brauchte er keine weitere Aufforderung. Vielleicht wusste sie doch eine Lösung. Aber Dora lief nur zur gegenüberliegenden Wand und blieb dort stehen.
„Das war alles?“, schrie er sie an.
„Wie bekloppt bist du eigentlich? Es ist vorbei! Wir können nur abwarten.“
„Bekloppt? Mehr fällt dir dazu nicht ein? Weißt du, ich wollte gar nicht mit auf diese blöde Klassenfahrt. Das macht nämlich wenig Spaß als Klassenclown. Aber ich dachte, das kann ich ertragen, weil es schön ist, in deiner Nähe zu sein. Und das dachte ich auch, als du die idiotische Idee hattest, heimlich in die verbotenen Höhlen zu gehen. Deshalb war ich der Einzige, der den Mut hatte, dich zu begleiten. Ich hab gehofft, du würdest mich endlich mit anderen Augen sehen. Und wo hast du uns jetzt hingeführt?“
„Konnte ich wissen, dass hier irgendwelche miesen Typen irgendwas noch Mieseres aushecken? Außerdem hättest du ja nicht mitkommen müssen. Das war ja wohl ganz allein deine Entscheidung.“
Sie hatte recht. Daran gab es nichts zu rütteln. Aber er war sauer. Richtig sauer! Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. „Du …“
Sie unterbrach ihn, indem sie drohend den Finger erhob. Dann drehte sie sich weg und tippte sich mit demselben Finger an die Stirn. „Mit anderen Augen sehen. Was bildet der sich eigentlich ein?“

Ein Zittern durchfuhr die Höhle. Theo starrte sofort wieder zu dem Affenkopf. Der hatte das Maul aufgerissen. In den Wänden dröhnte es und das mächtige Steinwesen begann, rot zu leuchten.

Theo bemerkte erst, dass er sich rückwärts bewegt hatte, als er mit dem Rücken gegen die Eingangswand stieß. Dora war neben ihm. Er griff nach ihrer Hand. Für einen Moment fürchtete er, sie würde ihm dafür eine scheuern, dann beobachtete er, wie sich der Teufels-King-Kong aus dem Stein löste. Das ging so schnell, dass Theo im Nachhinein übel wurde, als er daran dachte, wie sie vor nur wenigen Minuten zu Füßen dieses Ungeheuers herumgewandert waren.

Jetzt schien es sie erst einmal nicht weiter zu beachten. Es streckte sich, schüttelte erst das linke, dann das rechte Bein und absolvierte ein paar ungelenke Kniebeugen.

„Wir sollten uns vielleicht verstecken“, flüsterte er, bewegte sich aber kein Stück.
„Wo denn, du Witzbold?“
„Vielleicht im Gang.“
Eine dritte Sprengung ertönte. Man hörte das Geröll poltern.
„Zu spät“, sagte Dora.
Der Affenriese schaute zu ihnen herüber. Seinen Sport hatte er offenbar beendet und kam jetzt auf sie zu. Er sah furchterregend aus. Warum brüllt er nicht? Theo konnte nicht länger über diese Frage nachdenken, denn für sein Gegenüber entsprach die Entfernung zwischen ihnen nur etwa drei Schrittlängen.

Jetzt war es auch egal. Er trat vor. „Lass sie in Ruhe! Ich dulde nicht, dass du ihr etwas tust!“
Der Affe stutzte und schaute ihn verwundert an. Theos Nacken begann zu schmerzen. Aber er blieb stehen, wo er war. Der Affe beugte sich vor und sog die Luft in die riesigen Nasenlöcher. Theo kam sich vor wie in einem Sturm. Er verlor beinahe den Boden unter den Füßen, während sich seine Mütze in Richtung der Affennüstern verabschiedete. Er mochte sie sowieso nicht. Der Affe atmete wieder aus und Theo landete unsanft auf dem Hintern. Seine Mütze fiel ihm vor die Füße. Grund genug, seine Strategie zu überdenken. „Friss mich! An ihr ist doch nichts dran.“
Wieder beugte sich das Riesenvieh vor. Diesmal allerdings streckte es seine Pranke aus und hob sie in die luftigen Regionen seiner Schnauze. Mit dem Finger deutete er an, Theo solle die Klappe halten, zeigte auf den Gang, aus dem man jetzt die Geräusche von Schaufeln und Hacken hörte, und machte schließlich eine Bewegung, die Theo als „Kusch, kusch!“ interpretierte.

Theo hielt dem durchdringenden Blick von Dora nicht stand. „Okay, okay, ich hab mich lächerlich verhalten.“
„Allerdings!“ Dora lachte. „Eine große Hilfe wärst du mir wohl nicht gewesen, du Held.“ Sie machte eine Pause. „Aber keine Sorge, ich war trotzdem ziemlich beeindruckt.“
Theo schaute auf.
Sie lächelte. Dann drehte sie sich zu dem Affen, der vor dem Gang saß und auf die Eindringlinge wartete. „Tja, dann lassen wir Ape mal seinen Job erledigen. Solange kommen wir hier eh nicht raus.“
„Und was machen wir in der Zeit?“
„Abhängen.“

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Die Zeitung (Teil 1)

Foto: Pack-Shot

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Niklas überlegte, ob er einfach vorbeigehen sollte. Schaute sie ihn an? Beinahe hoffte er, dass es nicht so war. Er riskierte einen kurzen Blick. Laura lehnte mit dem Rücken an der Hauswand und beobachtete ihn, während sie sich mit Vanessa unterhielt. Er überlegte, ob er die Mädchen ansprechen sollte, nickte dann aber einfach nur, eher ein unmotiviertes Wippen als ein richtiger Gruß. Sie reagierten nicht darauf und würdigten ihn keines Blickes mehr. Er hoffte, dass er nicht rot wurde und ging ins Haus.

Hatte er wirklich geglaubt, es würde sich etwas ändern, nur weil Lauras Familie in das Haus gezogen war, in dem auch er mit seinen Eltern lebte? Er war in der Schule Luft für sie, also war er es auch hier. Es war doch ohnehin utopisch. Er und das schönste Mädchen der Klasse.

Er ging zu den Briefkästen. Die meisten waren längst geleert. Zumindest die Zeitungen waren alle weg. Alle! Auch die von Herrn Morsch. Sehr seltsam. Er stieg die Treppe hinauf und klingelte beim Nachbarn. Es dauerte wie üblich eine Weile, bis sich die Tür öffnete. „Guten Tag, Herr Morsch, haben Sie Ihre Zeitung schon?“
„Hallo Niklas.“ Er schüttelte den Kopf. „Hast du sie denn nicht mitgebracht?“
„Sie war nicht da.“
„Hm, bist du sicher?“ Herr Morsch wirkte richtig niedergeschlagen. „Das ist aber traurig.“
„Ich bin sicher, da ist nur irgendwas schiefgelaufen“, tröstete Niklas. „Morgen ist sie bestimmt wieder da.“

Aber so war es nicht. Niklas trommelte ärgerlich mit den Fingern auf die Tür des leeren Briefkastens. Als er morgens aus dem Haus gegangen war, hatte er extra nachgeschaut. Die Zeitung war gebracht worden. Jemand musste sie zwischendurch geklaut haben.
„Na, wartest du auf einen Liebesbrief?“
Niklas fuhr herum. Vor ihm stand Laura und grinste. Er starrte sie an.
„Muss dir nicht peinlich sein.“
„Was? Nein, ist es nicht. Ich meine, nein, ich warte nicht. Nicht auf einen Liebesbrief.“ Was sprach er da für wirres Zeug?
„Worauf dann?“ Laura grinste immer noch.
„Die Zeitung von Herrn Morsch.“
„Meinst du, die kommt noch oder wartest du hier bis morgen früh?“
„Sie ist weg.“
Lauras spöttischer Gesichtsausdruck zeigte einen Anflug von Neugier. „Wer?“
„Die Zeitung. Heute Morgen war sie noch da und jetzt ist sie weg.“ Hörte sich das irgendwie vernünftig an?
„Was geht dich das an?“
„Aber ich bringe sie ihm doch jeden Tag, dem Herrn Morsch. Er kann nicht mehr so gut Treppen steigen, deshalb. Und er hat doch nicht viel mehr als seine Zeitung.“ Niklas staunte selbst, wie es aus ihm heraussprudelte. Warum erzählte er ihr das alles? Sie würde sich am Ende nur über ihn lustig machen.
„Du meinst, jemand hat dem armen Herrn Morsch die Zeitung geklaut?“ Lauras Blick wurde ernst.
Niklas nickte. Er spürte ein Prickeln in der Magengegend. Da standen sie nun und er hatte keine Ahnung, was jetzt geschehen würde.
Laura fuhr sich mir der Hand durch die Mähne mit den blonden Strähnen, in der sich sein Blick im Unterricht so gern verfing. „Und was hast du jetzt vor?“
„Keine Ahnung.“ Er hob die Schultern. „Wahrscheinlich werde ich die Zeitung einfach schon morgens vor der Schule mitnehmen.“
„Aber dann weißt du ja nie, wer sie weggenommen hat!“ In Lauras Augen blitzte Abenteuerlust auf. Sie packte ihn am Arm. „Nein, wir müssen den Täter stellen!“
Ihre Erregung steckte ihn an. Oder war es ihre Hand an seinem Arm? „Wie willst du das anstellen?“
„Weiß ich auch noch nicht. Aber uns fällt schon etwas ein.“ Sie schaute auf die Uhr. „Ich muss jetzt erst mal zum Mittagessen. Kannst du nachher vorbeikommen? Du weißt doch, wir wohnen direkt über euch. So um vier, ja?“

Als Niklas bei Herrn Morsch klingelte, musste er sich arg zusammenreißen. Schließlich hatte er ihm die traurige Nachricht zu überbringen, dass es heute wieder keine Zeitung gab. Dass Laura ihm vom Treppenabsatz noch einmal zuwinkte, machte es ihm nicht leichter, seine Freude zu verbergen.