Spuren

Spuren

Horst schlug die Wohnungstür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Er hoffte, sein stoßender Atem würde sich endlich beruhigen. Er legte die Hand auf die Brust, um zu fühlen, wie sich sein Herzschlag verlangsamte. Wartete darauf, dass sich nun die Befriedigung einstellte. Er hatte es getan! Es war vorbei. Nun konnte ein neues Leben beginnen. Doch die Bilder ließen ihn nicht in Ruhe.

Der Wald, der sich in der Nacht in sanftes Weiß gekleidet hatte, das schon das erste Morgenrot zum Schmelzen brachte. Zum Glück für ihn. Die Stille, die ihn beinah hatte hoffen lassen, Birgit würde nicht auftauchen. Aber sie war gekommen. Wie jeden Morgen. Eine Joggerin, die vergeblich gegen ihr Gewicht anlief. Er hatte sie davon befreit, wie er sich von ihr befreit hatte.

Der Schuss aus seinem Jagdgewehr, der endlos in seinen Ohren nachklang. Als es endlich wieder still geworden war, suchte er Erleichterung. Fand sie nicht und stürzte sich in die Notwendigkeit. Spuren verwischen. Viele waren es nicht. Er hatte sich gründlich vorbereitet. Erstaunlich, dass trotzdem die Unsicherheit blieb.

Er stieß sich von der Tür ab, ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und zog die Schachtel Zigaretten hervor. Ihm wurde heiß. Das Blut schoss ihm in den Kopf. Hektisch suchte er in der anderen Jackentasche. In der Innentasche. Er stand auf, tastete die Hosentaschen ab, wusste schon vorher, dass er es dort nicht finden würde. Er hatte sein Feuerzeug verloren!

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Auf dem Weg zum Örtchen

© Marafona

© Marafona

Blind, Herr Kommissar, Blanka Blind. Genau. So ist es richtig. Soll ich dann anfangen? Gut.

Also, ich war auf der Landstraße unterwegs, wollte nach Hamburg. Ich fahr ja meistens über Land, weil ich das sicherer finde als auf der Autobahn. Ich muss zugeben, ich bin ein wenig ängstlich. Immer so viel Verkehr, die vielen Fahrspuren und vor allem die ganzen Drängler, nee, das ist nichts für mich.

Aber es ist natürlich eine weite Strecke, nich. Und dann der Regen! Es hat ja gegossen, als hätte jemand einen Ozean über uns ausgeschüttet. Sehn Sie, ich bin eine Frau. Und es ist ja bekannt, dass wir Frauen … na ja, Sie wissen schon … wenn man muss, dann muss man!

Erst einmal war ich noch relativ entspannt. Ich kannte die Strecke zwar nicht, aber wir sind ja in Deutschland, nicht irgendwo in der Taiga. Es musste also in der nächsten Zeit irgendeine Möglichkeit geben, sich zu erleichtern.

Nun kann man ja bei solchen Wetterverhältnissen nicht so schnell fahren. Das muss ich einem Polizisten nicht erzählen. Aber Sie werden nicht glauben, wie viele Raser da ihr Leben aufs Spiel setzen. Wenn es denn nur ihr eigenes wäre … Wenn Sie die Zeit finden, sollten Sie da mal kontrollieren. Bei jeder noch so kleinen Gelegenheit haben die überholt. Das ist doch gefährlich. Gut, den Traktor fand ich jetzt nicht so schlimm. Der fährt ja auf ganz anderen Reifen, nich.

Wie auch immer, ich hab mich natürlich nicht aus der Ruhe bringen lassen von dem ganzen Gehupe. Ich hatte ja ganz andere Sorgen. Und die wurden immer drängender. Langsam zweifelte ich dann doch daran, dass ich noch in Deutschland war. Und ich konnte ja nicht einfach in der freien Natur, nich, vor allem bei dem Regen. Aber es kam einfach keine Tankstelle oder irgendwas in der Art.

Und jetzt, Herr Kommissar, muss ich zugeben, dass ich dann auch ein bisschen auf die Tube gedrückt hab, nich. Das war gar keine Absicht, kam von ganz alleine. Ich hoffe, Sie drücken da ausnahmsweise ein Auge zu. Ja? Das ist aber nett. Jedenfalls hatte ich plötzlich den Traktor wieder vor mir. Nun ist ja überholen nicht so meins, nich. Haben Sie sich schon gedacht? Na, und dann noch so ein Riesending! Mit Anhänger! Aber nach zwanzig Minuten hab ich es einfach nicht mehr ausgehalten.

Ich bin also auf die Gegenfahrbahn – natürlich erst bei freier und gerader Strecke – und hab die Geschwindigkeit noch ein bisschen erhöht. Mir ist fast das Herz stehengeblieben. Ich wollte abbrechen und in den nächsten Feldweg reinfahren, Regen hin oder her. Aber hinter mir waren noch drei Autos ausgeschert und hupten wie verrückt. Ich konnte nicht mehr zurück. Und was glauben Sie? Plötzlich tauchen Scheinwerfer am Horizont auf.

Augen zu und durch, hab ich gedacht. Nein, nein, ich hab die Augen natürlich offengelassen. Aber es wurde verdammt knapp. Ich hab mein Leben schon an mir vorbeiziehn sehn, nich. Was war ich froh, als ich endlich wieder einscheren konnte und nur die drei Autos hinter mir an mir vorbeigezogen sind. Kaum war auch das letzte vorbei, kam der Wagen von vorn angebraust. Ich wollte noch die Sekunden zählen, aber bei fünfzehn hab ich aufgehört, weil ich endlich die rettende Tankstelle gesehen habe. Beinahe hätte ich sie wegen dem ganzen Überholen verpasst.

Ich also auf die Bremse. Die Einfahrten von diesen Tankstellen sind ja immer so eng, da muss man zeitig bremsen. Inzwischen hatte mich der Traktor wieder überholt. Und zwei LKW. Die haben aber auch keine Geduld, nich. Ich konzentrierte mich ganz auf die Einfahrt.

Sie können sich nicht vorstellen, Herr Kommissar, wie ich in die Tankstelle gestürmt bin. Ich war ja fast am überlaufen, wenn Sie mir diese etwas saloppe Formulierung erlauben. Trotzdem war ich nach dem kurzen Weg vom Auto zum Tankstellenhäuschen ganz durchnässt. Ich hab mir nicht mal die Zeit genommen, meine Brille von den ganzen Regentropfen zu befreien. Ich konnte kaum etwas sehn.

Und dann das! Es war nur ein Kunde da, aber der schien mir zuvorgekommen zu sein. Als ich nämlich in meiner Eile nach dem WC fragte, antwortete mir der Bursche hinterm Tresen gar nicht. Schien etwas verlegen zu sein, der Kerl, nich.

Stattdessen sprach mich der Kunde an. Ich hab ihn erst gar nicht verstanden. Das war aber auch ein komischer Vogel. Gut, er trug eine Mütze, da sollte man denken, er war wettergerecht gekleidet. Aber wozu die Sonnenbrille? Na ja, geht mich ja nichts an. Aber ehrlich, bei dem Wetter eine Sonnenbrille, das ist schon etwas seltsam, finden Sie nicht? Ja, nich.

Jedenfalls hielt der mir irgendwas hin. Gehn Sie, sagte er. Er wurde richtig ungeduldig, als ich nicht gleich verstand, fuchtelte mit dem Ding rum und sagte noch einmal: Gehn Sie! Hätte ja auch ein wenig deutlicher werden können, der Mann. Er war wahrscheinlich nicht so der Mensch für die großen Worte, nich.

Endlich verstand ich. Der WC-Schlüssel! Es war vielleicht ein bisschen unhöflich von mir, aber ein Bedürfnis ist ein Bedürfnis. Ich bedankte mich, nahm ihm das Ding aus der Hand und wollte mich schon umdrehen, da stutzte ich. Das war doch kein Schlüssel! Sicher nur ein Missverständnis, aber in dem Moment war ich einfach ein bisschen aufgebracht. Ich musste doch so dringend! Ob er es lustig fände, einer hilflosen Dame so einen Streich zu spielen, fragte ich und wollte ihm, was auch immer es war, zurückgeben.

Ich bin wohl irgendwie blöd hängengeblieben, jedenfalls tat es plötzlich einen schrecklichen Knall, der Mann brüllte auf, fasste sich ans Bein und fiel zu Boden.

Dafür hatte ich jetzt keine Zeit mehr. Ich schrie – ja, es tut mir jetzt noch leid – den armen Burschen von der Tankstelle an, er solle mir endlich den verdammten Kloschlüssel geben. Der reagierte gar nicht. Da war mir dann alles egal. Ich war ja sowieso schon nass. Ich bin hinter die Tankstelle gelaufen und kam endlich dazu … Na, Sie wissen schon, nich. Was für eine Erleichterung!

Und den Rest wissen Sie ja. Als ich zurückkam, um nach dem bedauernswerten Mann zu sehn, dem ich da versehentlich ins Bein geschossen hatte, waren Sie schon da. Wie hoch, sagten Sie, war noch gleich die Belohnung?

Blogroman: 38 – Vertrauen und Versprechen

Tom hörte weitere Schüsse, gedämpft jetzt. Jemand packte ihn am Arm. Er wehrte sich, riss sich los.
„Wir müssen hier raus!“
Der Befehl war kurz und knapp. Tom erkannte die Stimme. „Was ist mit dem Jungen?“
„Wir können ihm nicht mehr helfen!“ Mona klang auf einmal ganz sanft, beinah traurig.
Tom gab den Widerstand auf. Zum ersten Mal glaubte er der Agentin, fasste Vertrauen zu ihr. Einmal noch schaute er in das Gesicht des Jungen, dessen Tod er nicht hatte verhindern können. Dessen Tod er sogar herbeigeführt hatte. „Ich werde es wieder gutmachen“, flüsterte er unter Tränen. Dann ließ er sich von Mona hinausziehen.

Was bisher geschah

Blogroman: 37 – Kein Blut

Tom schrie auf und stürzte zu dem Jungen hin. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten, kroch die letzten Meter. Das Kind lag vor ihm, noch war die Schusswunde im Rücken nur als sauberes Loch in der Jacke zu erkennen. Kein Blut, dachte Tom und drehte den Jungen um. Große Augen sahen ihn an, der Körper erschlaffte in Toms Armen. Erneut schrie er den Schrecken und die Wut aus sich heraus. Wie aus weiter Ferne hörte er Schritte auf sich zukommen. Doch zum ersten Mal war ihm sein eigenes Leben egal.

Was bisher geschah

Blogroman: 23 – Wassertropfen

Tom fluchte. Nicht nur wegen der Schmerzen – sein Knie tat höllisch weh -, vor allem auch, weil er sich seine Dämlichkeit eingestehen musste. Schlimmer noch: Spätestens jetzt wurde sie auch für Mona mehr als offensichtlich. Während er sich hochrappelte, genügte der kurze Moment, bevor er beschämt zu Boden sah, um die Mischung aus Belustigung und Ärger in ihrem Blick zu lesen.
„Hatte ich nicht gesagt, Sie sollen warten, bis ich rufe?“ In ihrer Stimme war keinerlei Belustigung zu hören.
„Ja, ja, ich hab’s verstanden. Bin ja auch schon zur genüge dafür bestraft worden.“ Er trat gegen die Schublade, die ihn zu Fall gebracht hatte.
„Möglicherweise wäre ein Schuss zwischen die Augen die gerechtere Strafe gewesen.“ Sie drehte sich um und überprüfte den Rest der Wohnung. Allerdings gab sie sich jetzt keine Mühe mehr, ihre Anwesenheit zu verbergen.
Ein bisschen Mitgefühl würde ihr auch nicht schlecht zu Gesicht stehen. Tom rieb sich das Knie. Er humpelte ins Bad und schaltete das Licht an. Er nahm sich einen Waschlappen, der auf dem Boden lag, hielt ihn unter den Wasserhahn und ließ ihn sich mit kaltem Wasser vollsaugen. Unbeholfen stakste er über den scherbenübersäten Fußboden, setzte sich auf den Badewannenrand und krempelte sein Hosenbein hoch. Wie konnte man wegen einer blöden Holzfigur so einen Aufriss veranstalten? Er legte den Lappen aufs Knie. Die Kühlung tat gut, brachte Entspannung und machte den Kopf frei. Die arme Lisa. Kurz nach der Trennung hatte sie sich diese Wohnung genommen. Ihre frühere gemeinsame hätte sich keiner von ihnen lange leisten können. Tom war noch nie hier gewesen. Hatte sie nur einmal bis zur Wohnungstür begleitet. Durchaus hoffnungsvoll. Doch schon im Treppenhaus hatten sie sich wieder gestritten. Sonst hätten sie vielleicht hier in diesem Bad mit dem Vorspiel begonnen. Oder sie hätten in Erinnerung an alte Zeiten zusammen ein Bad genommen. Er schaute sich um. „Scheiße!“ Er sprang auf, ließ den Lappen fallen. Der Schmerz fuhr mit doppelter Gewalt in sein Knie zurück.
In der Wanne glitzerten Wassertropfen. Wie gebannt starrte Tom auf den roten Fleck, der sich am Abfluss gebildet hatte.

Was bisher geschah