Die Brücke

© WitthayaP

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Vergeblich versuchte er den Schweiß, der ihm in die Augen rann, wegzublinzeln. Stehen bleiben konnte er nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zeit, nach den Moskitos zu schlagen.

Zur Brücke! Er musste die Brücke erreichen, wenn er seinen Verfolgern entkommen wollte. Dort wäre er vor ihnen in Sicherheit. Trotz seiner heillosen Flucht überkam ihn ein Schwindelgefühl, wenn er nur an das wackelige Ding dachte, das sich da über den reißenden Fluss tief unten im Tal spannte. Nur nicht fallen! Später nicht und jetzt erst recht nicht!

Obwohl ihm selbst Zweige und Äste ins Gesicht peitschten, vernahm er das Krachen im Unterholz hinter ihm. So nah schon! War er überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Doch! Vor ihm rauschte der Fluss! Er würde es schaffen!

Er blieb nicht stehen, verkniff sich nur den Blick nach unten, bis er in etwa die Mitte der Brücke erreicht hatte. Dann schaute er zurück, sah sie am Rande des Urwalds stehen.

Demjenigen, den er für den Anführer hielt, rief er zu: „Ja, okay, ich hab euch verärgert. Ziemlich sogar. Kein Grund, mich gleich umzubringen! Mann, war das knapp!“ Er atmete tief ein und wieder aus, spürte, wie er langsam wieder zu sich selbst fand. „Habt ihr auch nicht gedacht, dass euch der gute Tom noch einmal entkommt, was? Jetzt guckt ihr blöd!“

Er sprach nicht weiter, denn sein Gegenüber antwortete. Der graue Riese hob den Rüssel und trompetete, als zöge er in die Schlacht. Dann setzte er seinen Vorderfuß auf die Brücke. Vorsichtig zunächst, und doch mit Nachdruck. Tom glaubte das unglaubliche Gewicht bis zu seinem Standort zu spüren.

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Noch nicht zu spät

Noch nicht zu spät

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Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Hand übertrug ihr Zittern über das Handy an sein Ohr.
Claudia versuchte ihn zu beruhigen. „Noch mal langsam. Was ist passiert?“
„Der Wagen hat eine Panne. Den Zug hab ich auch nicht geschafft. Mit dem nächsten komme ich zu spät. Bormann wird toben. Alles futsch!“ Er gab sich keine Mühe, seine Verzweiflung zu verbergen. „Die Beförderung kann ich vergessen.“
„Bist du noch am Bahnhof? Ich komme und fahr dich.“
Ihm rutschte das Handy aus der Hand. Im letzten Moment konnte er es auffangen. „Aber dein … deine …“
„Ich rufe Frau Brink gleich an, um zu verschieben. Ich weiß doch, wie wichtig der Termin für dich ist.“
Er atmete auf. „Für uns, Schatz, für uns.“ Er betonte es so sehr, dass ihm die anschließenden Sekunden wie ein schweigendes Jahrhundert vorkamen.
„Für deine Karriere.“

Der Motor lief, als er zu ihr in den Wagen stieg.
„Wie lange werden wir brauchen?“
„Das kommt darauf an, wo du hinmöchtest.“
Diesmal war es an Claudia, Überraschung zu zeigen. „Wie bitte?“
„Gönnen wir uns einen schönen Tag zu zweit.“

Das Messer

Foto: TheUmf

Foto: TheUmf

Plötzlich war da das Messer. Von einem Moment zum anderen hatte sie es in der Hand. Ein Kochmesser mit einer breiten Klinge, etwa 20 Zentimeter lang, schätzte er.

Warum tat sie das? Sie zerstörte alles! Wollte sie ihn töten?

Er sah das Schimmern auf dem Stahl. Schmeckte einen metallischen Geschmack. Hatte er sich gerade auf die Zunge gebissen?

Er trat einen Schritt zurück, löste seinen Blick von der Klinge. Ihre Augen fuchtelten wilder umher als das Messer, in dem nur ein leichtes Zittern gewesen war. Sie fuhr sich mit der freien Hand durch die Haare, die längst keine Frisur mehr zeigten.

Lächelte sie? Oder löste sich nur ein Krampf von ihren Lippen? Sie folgte seiner Rückwärtsbewegung.

Er versuchte, zu beschwichtigen. Es sei doch alles nicht so schlimm und bis eben so schön gewesen. Er wollte ihr den Schweiß von der Stirn wischen, dann war sie über ihm.

Endlich begriff er, dass es mit ihm zu Ende gehen würde. Jedes Mal, wenn sie zustach, betäubte der neue Schmerz den vorigen. Er versuchte sich vorzustellen, wie er jetzt aussah. Er hatte nie besonders gut ausgesehen.

Bedauerlich, dass es so weit hatte kommen müssen. Ein Spiel mit bösem Ende. Sie hätten Spaß haben können in ihrer Küche. Vielleicht hätte er sie auch ins Schlafzimmer geführt. Aber sie hatte sich gewehrt. Mehr als alle vor ihr. Nun war sie die Letzte. Und war es doch nicht. Mit ihm ging es zu Ende.

 

Der Feuerwald – Teil 1

Der Feuerwald

Sven starrte in das Feuer. Allein bei dem Anblick trat ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf die Stirn. Was mache ich hier? Ich muss bescheuert sein. Er schaute zu Lesan. Ihr Blick aus den dunklen Augen ruhte auf ihm, als wolle sie ihn prüfen. Sie hob die Schultern. „Es tut mir leid, Haltar. Ich habe alles versucht, um dich nicht rufen zu müssen.“
„Ich weiß“, antwortete Sven und wusste wieder, warum er hier war. „Ich bin froh, dass du an mich gedacht hast. Und ich halte mein Wort: Wann immer du mich brauchst, will ich dir zur Seite stehen.“
„Dann los!“, sagte Hold und schritt voran.
Sven betrachtete den Recken und schmunzelte. Es war noch immer ein seltsames Gefühl, dass Königin Lesan Thiarna, die Auserwählte, auf die Hilfe eines Sonderlings aus der anderen Welt angewiesen war, wo ihr doch ein 1. Ritter treu ergeben war, dem Hollywood kein heldenhafteres Aussehen hätte verpassen können.

Er tat es Lesan gleich und verabschiedete sich von den Pferden. Dorthin, wo sie jetzt hingingen, konnten die Tiere sie nicht begleiten. Lesans Lächeln verlieh ihm Kraft und gemeinsam folgten sie Hold, der ohne jedes Zögern direkt auf den Feuerwald zumarschierte.

Die Nacht war taghell, mit jedem Schritt wurde es heißer und es fühlte sich an, als liefen sie direkt auf die Sonne zu. Einen Wald wie diesen hatte Sven noch nie gesehen. Die Bäume, wenn es denn welche waren, wirkten eher wie riesige Gräser. Sie standen so dicht, dass man den Eindruck hatte, man steuere auf eine geschlossene Wand zu. Eine Wand aus Feuer. Bestehend aus unzähligen spitzzüngigen Flammen, die sich dem Nachthimmel entgegenreckten und ihn in Brand setzten.

Sie erreichten Hold direkt vor der Waldgrenze. Er hatte die leeren Drachenlederschläuche von Zoupar abgelegt und sich seines Wamses aus demselben Material entledigt.
„Bist du verrückt?“, fuhr ihn Lesan an. „Hast du denn alles vergessen? Wenn du ungeschützt in den Wald gehst, wird es dir die Haut abschälen, bis du vollständig verbrennst!“
Hold sah sie ratlos an. „Und was soll ich nun tun, Herrin?“
„Zieh das Wams wieder an! Und vergiss den Gesichtsschutz nicht!“
Sven musste ein Kichern unterdrücken. Die Wan waren ein so schönes Volk, doch abgesehen von ihrer jungen Königin waren sie erbärmliche Trottel. So liebenswert sie das machte, manchmal konnte es einen an den Rand der Verzweiflung bringen. Für Sven allerdings bot das letztlich einen großen Vorteil, das war ihm durchaus bewusst. Endlich einmal fühlte nicht er sich als Trottel! Das stärkte das Selbstbewusstsein. Denn in Wanaheil wurde er bewundert, obwohl alle um ihn herum viel besser aussahen als er. Doch hier zählte seine Intelligenz und sein strategisches Geschick.

Viel sympathischer machte das den Feuerwald nicht. Und obgleich das Drachenleder an ihrem Körper das Schlimmste verhindern sollte, half es kaum gegen die Hitze. Schon nach wenigen Metern hätte Sven einen Saunagang mit seiner Familie, dieses wöchentliche Ritual, dem er sich seit Jahren vergeblich zu entziehen suchte, als willkommene Abkühlung empfunden.

Je weiter sie kamen, desto beschwerlicher wurde es. Der Schweiß sammelte sich unter dem Leder, statt zu verdampfen, und bildete einen Film aus kochender Flüssigkeit. Die Haut darunter brannte, als habe Sven es sich in einem Pizzaofen bequem gemacht. Das Blut pulsierte siedend heiß, in der Kehle kratzte die Trockenheit, der Kopf wollte zerspringen. Sein ganzer Körper bestand aus feurigem Schmerz. Der Geruch von schwitzendem Leder und verbrannter Haut stieg ihm in die Nase. In seinen Ohren summte es wie ein Schwarm Hornissen.

Dabei musste Sven immer wieder die Augen schließen, weil er das Gefühl hatte, er hielte sein Gesicht direkt in ein blendendes Lagerfeuer und müsse dabei unweigerlich erblinden. Die gleißende Helligkeit um ihn herum ließ ihn nur wenig erkennen. Nur einmal fiel ihm auf, dass selbst die Feuerpflanzen dicke, rötlich glitzernde Tropfen ausschieden.

Bei jedem Schritt kämpfte sein Geist mit dem verführerischen Gedanken umzukehren. Wenigstens den schweren Rucksack hätte er gern abgelegt, doch genau den würde er noch brauchen. Mit dem Ziel dieser Tour durch die Hölle wollte er sich allerdings gar nicht erst befassen.

Quälend war es auch, mit anzusehen, wie selbst das schöne Gesicht Lesans unter der Hitze litt. Anfangs hatte sie noch versucht, ihr Leiden zu verbergen, doch inzwischen hätte sie das zu viel Kraft gekostet. Wie ein verhungerndes Rehkitz schleppte sie sich vorwärts und Sven schien es, als hingen selbst die stolzen Spitzen ihrer Ohren ein wenig herab.

Auch Hold keuchte. Dabei schienen ihm die Strapazen noch am wenigsten auszumachen. Sven vermutete, dass der Ritter mit stoischer Ruhe in den Tod laufen würde, sollte Lesan das von ihm verlangen.

Doch plötzlich blieb der Recke stehen und überlegte. Langsam drehte er sich um und krächzte, als habe er seit der Entwöhnung von der Muttermilch nichts mehr zu trinken bekommen: „Ich glaube, wir sind am Ziel, Herrin.“
Lesan hob den Kopf. „Ja, hier sind wir. Im Zentrum des Feuerwalds an den Heißen Wassern. Hier lebt Dragen Fiur, der die Quelle des Waldes bewacht.“
Als Sven zu sprechen begann, fürchtete er, ihm würde die Stimme noch während der ersten Worte verloren gehen, um niemals wiederzukehren. „Wollt ihr noch etwas ausruhen, bevor wir den Plan in die Tat umsetzen?“
Lesan schüttelte kaum merklich den Kopf. „Je schneller wir diesen Ort verlassen können, desto besser.“
Sven bemühte sich, seine Strategie noch einmal ausführlich zu erklären, wobei er vor allem Hold fixierte. Glücklicherweise sah sein Plan vor, dass der 1. Ritter bei Lesan bleiben würde, die ihm zur Not noch einmal die genauen Anweisungen geben könnte.

Er wartete, bis sich die beiden außer Sichtweite befanden. Es kam ihm so vor, als wären Stunden vergangen, bis es endlich so weit war. Dann kroch er näher an den See heran, und setzte sich ans Ufer, als sei er ein Tourist an der Müritz. Doch gleich darauf sprang er wieder auf. Er hätte sich denken können, dass der Boden ihm den Hintern verbrennen würde.

Er schaute sich um. Lesan hatte recht gehabt. Weit und breit war nicht ein einziger Stein zu sehen. Sven öffnete seinen Rucksack und griff hinein. Selbst die Kaltsteine, die ihm Lesans Magier Zoupar mitgegeben hatte, waren so heiß, dass er sie trotz der Handschuhe kaum berühren konnte. Jeder andere Stein wäre längst geschmolzen.

Er nahm sich keine Zeit zum Zielen. Er hätte ohnehin nicht gewusst, welche Stelle in dem rot glühenden See die beste für sein Vorhaben war. Mit einem lauten Platschen und zischenden Dämpfen verschwand der Stein in den Lavafluten. Sven warf gleich noch einen zweiten hinterher, nach einer kleinen Pause einen dritten.

Als er sich erneut bückte, um den vierten Stein aufzunehmen, hörte er ein deutliches Brodeln, das die üblichen Geräusche der Heißen Wasser noch übertönte. Weit schneller, als er es sich bei diesen Temperaturen zugetraut hätte, fuhr er herum. Riesige Blasen entstanden um einen noch größeren Strudel in der Mitte des Sees. Dann hob sich ein Kopf aus dem dampfenden Rot, der die Dimensionen eines Kleinbusses hatte und aussah wie bei einer Kreuzung aus Krokodil, Nashorn und Flammenwerfer.

Weiter zu Teil 2.

Küchenspiele

Küchenspiele

Lisa und Moni umarmten sich.
„Ist der Neue schon da?“, fragte Lisa.
„Ja, er war mehr als überpünktlich. Wahrscheinlich noch ein bisschen nervös.“ Moni lachte. „Ich hab ihm schon mal gezeigt, wo alles steht. Du kannst gleich anfangen, ihn einzuarbeiten.“
Lisa nickte und ging am Tresen vorbei.
Moni hielt sie am Arm fest. „Ich bin fast ein bisschen neidisch auf dich. Er ist ja ein ganz schnuckeliger.“

Lisa gab nicht viel auf die Einschätzung ihrer Chefin. In den zwei Jahren, die sie jetzt bei ihr arbeitete, hatte sie nahezu jeden Kerl schnuckelig gefunden, wenn er denn nur jünger war als sie.

Als sie die Küche betrat, schluckte sie. Diesmal hatte Moni recht. Nun ja, nicht ganz. „schnuckelig“ war nicht wirklich der passende Ausdruck, für das, was sie jetzt zu sehen bekam. Der Mann war zu groß dafür, aber das fand Lisa alles andere als schlecht. Er wirkte männlich, sportlich und nicht übertrieben muskulös. Seine Augen, dunkel wie die Haare, versprachen Intelligenz und … Zärtlichkeit.

Lisa schaute schnell nach unten, während sich ihr Gegenüber aufrichtete und seine Hände, die eben noch eine Tomate geschnitten hatten, an der blauen Schürze abwischte. Diese Hände! Kaum waren sie in ihr Blickfeld gerückt, schon wünschte sie sie sich auf ihrer Haut. Sie spürte die sanften Fingerkuppen, wie sie unter ihrem Shirt um ihren Bauchnabel kreisten. Sie konnte fühlen, wie sich jedes einzelne Haar an ihrem Körper aufrichtete, roch sein Deo, das den Geruch nach Küche und Schweiß zu überdecken suchte.

„Hi, ich bin Frank.“ Er streckte ihr die Hand entgegen und Lisa starrte sie an. Es kam ihr vor, als seien Stunden vergangen, bevor ihr bewusst wurde, dass sie diese Hand jetzt tatsächlich berühren sollte, wenn auch weit zurückhaltender, als sie es sich eben noch vorgestellt hatte. Sie musste sich räuspern, bevor sie ein leises „Lisa“ herausbekam und zaghaft seine Hand ergriff.

Wieder verharrte sie, wollte den Moment nicht verstreichen lassen. Endlich riss sie sich zusammen und zog die Hand zurück. Den Blick zu Boden gerichtet, wollte sie sich abwenden, doch dann spürte sie erneut seine Hand, die die ihre umschloss.

„Jetzt, da ich dich kennengelernt habe, bin ich froh, dass ich die Chance bekommen habe, hier mit dir zu arbeiten.“ Mehr sagte er nicht, hielt nur weiter ihre Hand.

Für eine Sekunde kam ihr der Gedanke, er sei dreist. Dann erwiderte sie seinen Blick und las in seinen Augen, dass ihre Träume wahr werden würden. Hier in dieser Küche und darüber hinaus.