Ausgiebiges Frühstück

Ein nicht wirklich ausgeschlafener Morgen im Nachtzug nach Wien. Der Schaffner bringt meinem schon in anderer Weise auffällig gewordenen und augenscheinlich hungrigen Sitznachbarn auf einem kleinen Tablett das bestellte Frühstück: Kaffee, zwei Tütchen Zucker, ein Döschen Milch, zwei Brötchen, ein Päckchen Butter, ein Döschen Erdbeermarmelade.

Mein Abteilkamerad zahlt, bedankt sich mehrmals höflich bis überschwänglich, stellt das Tablett auf dem gegenüberliegenden Sitzplatz ab und beginnt mit den Vorbereitungen. Er öffnet eine der Zuckertüten und gießt deren Inhalt in den Kaffeebecher, um die gleiche Prozedur auch auf Zuckertütchen Nummer zwei anzuwenden. Die Milch beachtet er nicht.

Eine Weile rührt er andächtig mit dem mitgelieferten Plastiklöffel, während sein Fuß ungeduldig auf und ab wippt. Dann widmet er sich der Butter, deren Verpackung er derart öffnet, dass sie dem nun frei liegenden, schätzungsweise zwanzig Gramm schweren weißen Fettquader als Unterlage dient. Er legt ihn zurück auf das Tablett.

Nun öffnet er das Marmeladendöschen. Anschließend nimmt er das ebenfalls beiliegende Plastikmesser zur Hand, um, wie ich vermute, eines der Brötchen aufzuschneiden. Er aber beachtet keines der beiden Bäckereiprodukte, nimmt stattdessen wieder die Butter zur Hand und versucht, ihr mit dem Messer in einem von etlichen Pannen begleiteten Kampf eine Scheibe abzuringen.

Auch als ihm das endlich gelungen ist, lässt er die Brötchen links liegen, balanciert das fettige Stück vom Messer auf den ja bereits erwähnten Löffel und taucht diesen in die Marmelade. Ich würde, wenn mich die Faszination nicht daran hinderte, meinen Blick abwenden, als er das etwas andere Rot-Weiß zum Munde führt.

Später, mein Sitznachbar wechselt auf der Zugtoilette gerade sein verschmutztes Hemd, fragt mich der Schaffner, ob er das Tablett wohl schon abräumen kann. Sein Blick drückt angesichts der noch immer jungfräulichen Brötchen eine gewisse Verwunderung aus.

Ich nicke. Zum Draufschmieren ist eh nix mehr da.

Im Alltag zu Hause

Viele Menschen fühlen sich im Alltag gefangen. Sie beklagen seine immer gleichen grauen Wände und die Gitterstäbe vor den Fenstern, durch die sie nur einen Blick auf das wahre Leben erhaschen können. So oft wie möglich versuchen sie daher, dem Alltag zu entfliehen.

Seltsam. Für mich ist der Alltag mein Zuhause. Hier wohne ich. Hier fühle ich mich sicher. Es tut gut, einmal hinauszugehen, sich die Beine zu vertreten und das Draußen zu genießen. Doch dann ziehe ich mich auch gern wieder in den Alltag zurück.

Der Geisterorden: 64 – Eindringlinge

Sie hatten sie eingekreist. Nohs beobachtete die Eindringlinge genau, während er sich gemeinsam mit den anderen Jägern näherte. In seinem ganzen Leben hatte er keine so seltsamen Lebewesen gesehen. Dabei waren sie den Jägern durchaus ähnlich. Und doch – das spürte er – fremdartiger als alle Völker – Mensch oder Tier -, die auf Redna lebten.

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Der Geisterorden: 60 – Spürbar

Nohs spürte es jetzt auch. Je weiter sie liefen, desto deutlicher wusste er, dass sich etwas geändert hatte. Mutter Redna spannte all ihre Sinne an. Wehrte sich gegen die Eindringlinge. In ihm stieg ein seltsames Gefühl auf. Eine Mischung aus Sorge um die Mutter und dem Stolz, zu denen zu gehören, die sie ein für allemal erretten würden.

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Der Traumwandler

Im Wolkenbett

Lev Leo gähnte. Er hatte etwas seltsames geträumt. Aber er konnte sich nicht mehr erinnern, was es gewesen war. Er öffnete die Augen und erhob sich langsam. Als er sich umschaute, wunderte er sich. Er befand sich nicht mehr auf dem kleinen Hügel, auf dem er eingeschlafen war. Stattdessen saß er nun neben einem großen Akazienbaum. Von seinem Rudel war nichts zu sehen. Er reckte sich, um so weit wie möglich schauen zu können – kein Löwe weit und breit. Außer ihm selbst natürlich.

Waren sie weitergezogen und hatten ihn vergessen? Aber warum sollten sie? Es war Regenzeit, das Gras in der Savanne leuchtete in kräftigem Grün und Tausende von Gnus und Zebras fanden reichlich zu fressen. Auch das Löwenrudel musste sich um die nächste Mahlzeit keine Sorgen machen. Es gab also keinen Grund, diesen Ort zu verlassen.

Vielleicht waren sie nur zum großen Fluss gezogen, um zu trinken. Lev wollte gleich nachschauen. Nur, wo war der Fluss? Von seinem Schlafhügel aus hätte Lev ihn leicht gefunden. Aber den Platz, an dem er aufgewacht war, kannte er nicht. Er würde sich durchfragen müssen.

Da sah er nicht weit entfernt Loxo Rüssel. Lev war ganz sicher, dass er es war, denn er hatte sich schon oft mit dem alten Elefanten unterhalten. Schnell lief er zu dem Dickhäuter hin. Der staunte nicht schlecht, als er Lev sah. „Was machst du denn hier auf der anderen Seite des großen Flusses?“
Jetzt war es an Lev, zu staunen. „Ich bin auf der anderen Seite des Flusses?“
Loxo wiegte bedächtig den Kopf und drehte seine großen Ohren nach vorn. „Ja, das bist du. Ich habe noch nie gehört, dass ein Löwe den Fluss überquert hat.“
„Aber das habe ich nicht“, antwortete Lev verwundert. „Als ich eingeschlafen bin, war ich noch auf der richtigen Seite.“
Loxo hob den Rüssel und schmunzelte. „Aha, du hast geschlafen. Hast du auch geträumt?“
„Ich glaube schon.“
Der alte Elefant wiegte den Kopf jetzt noch bedächtiger. „In Träumen kann man manchmal übers Wasser gehen. Dann träum dich mal zurück.“

Nachdenklich legte sich Lev wieder unter die Akazie. Wenn er sich wirklich hierher geträumt hatte, musste er jetzt nur wieder einschlafen. Aber das war kein Problem für ihn. Wie alle Löwen war er zu jeder Tages- und Nachtzeit für ein Nickerchen zu haben. Nur wollte er dieses Mal genau aufpassen, was er träumte.

Ein weißes Wolkenbett brachte ihn zu seinem Schlafhügel zurück. Noch bevor Lev die Augen öffnete, spürte er die raue Zunge von Mama Lea. „Genug geträumt!“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Wir wollen zum Fluss.“