Die Zeitung (Teil 1)

Foto: Pack-Shot

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Niklas überlegte, ob er einfach vorbeigehen sollte. Schaute sie ihn an? Beinahe hoffte er, dass es nicht so war. Er riskierte einen kurzen Blick. Laura lehnte mit dem Rücken an der Hauswand und beobachtete ihn, während sie sich mit Vanessa unterhielt. Er überlegte, ob er die Mädchen ansprechen sollte, nickte dann aber einfach nur, eher ein unmotiviertes Wippen als ein richtiger Gruß. Sie reagierten nicht darauf und würdigten ihn keines Blickes mehr. Er hoffte, dass er nicht rot wurde und ging ins Haus.

Hatte er wirklich geglaubt, es würde sich etwas ändern, nur weil Lauras Familie in das Haus gezogen war, in dem auch er mit seinen Eltern lebte? Er war in der Schule Luft für sie, also war er es auch hier. Es war doch ohnehin utopisch. Er und das schönste Mädchen der Klasse.

Er ging zu den Briefkästen. Die meisten waren längst geleert. Zumindest die Zeitungen waren alle weg. Alle! Auch die von Herrn Morsch. Sehr seltsam. Er stieg die Treppe hinauf und klingelte beim Nachbarn. Es dauerte wie üblich eine Weile, bis sich die Tür öffnete. „Guten Tag, Herr Morsch, haben Sie Ihre Zeitung schon?“
„Hallo Niklas.“ Er schüttelte den Kopf. „Hast du sie denn nicht mitgebracht?“
„Sie war nicht da.“
„Hm, bist du sicher?“ Herr Morsch wirkte richtig niedergeschlagen. „Das ist aber traurig.“
„Ich bin sicher, da ist nur irgendwas schiefgelaufen“, tröstete Niklas. „Morgen ist sie bestimmt wieder da.“

Aber so war es nicht. Niklas trommelte ärgerlich mit den Fingern auf die Tür des leeren Briefkastens. Als er morgens aus dem Haus gegangen war, hatte er extra nachgeschaut. Die Zeitung war gebracht worden. Jemand musste sie zwischendurch geklaut haben.
„Na, wartest du auf einen Liebesbrief?“
Niklas fuhr herum. Vor ihm stand Laura und grinste. Er starrte sie an.
„Muss dir nicht peinlich sein.“
„Was? Nein, ist es nicht. Ich meine, nein, ich warte nicht. Nicht auf einen Liebesbrief.“ Was sprach er da für wirres Zeug?
„Worauf dann?“ Laura grinste immer noch.
„Die Zeitung von Herrn Morsch.“
„Meinst du, die kommt noch oder wartest du hier bis morgen früh?“
„Sie ist weg.“
Lauras spöttischer Gesichtsausdruck zeigte einen Anflug von Neugier. „Wer?“
„Die Zeitung. Heute Morgen war sie noch da und jetzt ist sie weg.“ Hörte sich das irgendwie vernünftig an?
„Was geht dich das an?“
„Aber ich bringe sie ihm doch jeden Tag, dem Herrn Morsch. Er kann nicht mehr so gut Treppen steigen, deshalb. Und er hat doch nicht viel mehr als seine Zeitung.“ Niklas staunte selbst, wie es aus ihm heraussprudelte. Warum erzählte er ihr das alles? Sie würde sich am Ende nur über ihn lustig machen.
„Du meinst, jemand hat dem armen Herrn Morsch die Zeitung geklaut?“ Lauras Blick wurde ernst.
Niklas nickte. Er spürte ein Prickeln in der Magengegend. Da standen sie nun und er hatte keine Ahnung, was jetzt geschehen würde.
Laura fuhr sich mir der Hand durch die Mähne mit den blonden Strähnen, in der sich sein Blick im Unterricht so gern verfing. „Und was hast du jetzt vor?“
„Keine Ahnung.“ Er hob die Schultern. „Wahrscheinlich werde ich die Zeitung einfach schon morgens vor der Schule mitnehmen.“
„Aber dann weißt du ja nie, wer sie weggenommen hat!“ In Lauras Augen blitzte Abenteuerlust auf. Sie packte ihn am Arm. „Nein, wir müssen den Täter stellen!“
Ihre Erregung steckte ihn an. Oder war es ihre Hand an seinem Arm? „Wie willst du das anstellen?“
„Weiß ich auch noch nicht. Aber uns fällt schon etwas ein.“ Sie schaute auf die Uhr. „Ich muss jetzt erst mal zum Mittagessen. Kannst du nachher vorbeikommen? Du weißt doch, wir wohnen direkt über euch. So um vier, ja?“

Als Niklas bei Herrn Morsch klingelte, musste er sich arg zusammenreißen. Schließlich hatte er ihm die traurige Nachricht zu überbringen, dass es heute wieder keine Zeitung gab. Dass Laura ihm vom Treppenabsatz noch einmal zuwinkte, machte es ihm nicht leichter, seine Freude zu verbergen.

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Malthorns Sohn

Foto: 3drenderings

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Thelkar starrte seine Mutter an. Die Jahre harter Arbeit hatten Furchen in Isgaldas Antlitz getrieben. Wie oft hatte er bei diesem Anblick beschämt zu Boden geschaut und sich geschworen, seinen Tagträumereien ein Ende zu bereiten, um den Eltern mit all seinen Kräften zur Hand zu gehen. Doch dieses Mal empfand er nur den aufkommenden Ärger, als er ihre traurigen Augen sah. Er wollte etwas erwidern, doch er entschied sich anders.

Thelkar ging hinaus und stellte seinen Vater, der auf einem Schemel vor dem Haus saß und seine Axt schärfte. Als er seinen Sohn kommen sah, richtete Malthorn sich auf und blinzelte in die Abendsonne. „Sind die Tiere schon versorgt?“
„Nein, Vater“, antwortete Thelkar und gab sich keine Mühe, seine Wut zu unterdrücken. „Du hast im Krieg gekämpft?“
Malthorn blickte ihn überrascht an. Sein ganzer Körper, alt, aber immer noch stark, straffte sich. Dann ließ er die Schultern sinken. Alle Kraft schien mit einem Mal aus seinem Gliedern zu schwinden und er ließ sich zurück auf den Schemel fallen.
„Ist es so?“, hakte Thelkar nach. Sein Zorn kannte kein Mitleid mit der Schwäche des Vaters. „Stimmt es, was mir meine Schwester erzählt und Mutter bestätigt hat?“
Malthorn bedeutet ihm, sich vor ihm auf dem Boden niederzulassen. Widerwillig folgte Thelkar.
„Du bist nun ein junger Mann, mein Sohn. Der Tag musste kommen, an dem du die Wahrheit erfährst, wenn ich ihn auch lieber selbst bestimmt hätte.“
Er schwieg lange. Thelkar hielt nur der Respekt zurück, seinen Vater zum Weitersprechen anzutreiben.

„Der Krieg ist ein Scheusal“, fuhr Malthorn endlich fort. „Deine Geschwister haben erlebt, was es heißt, um den Vater zu bangen, zu fürchten, er könne ihnen im Kampf für immer verloren gehen. Schlimmer noch: Sie mussten erfahren, wie es selbst denjenigen ergeht, die nicht für Reich und König in die Schlacht ziehen. Denn der Krieg fordert auch von den Daheimgebliebenen seine Opfer.“ Malthorn seufzte.
Thelkar fragte sich, worauf der Vater hinauswollte. Konnte er nicht einfach die Frage beantworten?
„Ja, mein Sohn, ich habe im Krieg gekämpft. Viele Male. Doch ich bin immer ein Holzfäller geblieben. Ich kämpfte, weil ich dazu gezwungen war, nicht weil ich ein Held sein wollte. Denn Helden sterben auf dem Schlachtfeld und kehren niemals heim. Der Krieg nimmt sie ihren Familien für immer.“ Malthorn sah ihn eindringlich an.
Thelkar hielt dem Blick nicht stand und schaute auf seine Hände. Hände, die sein ganzes Leben lang nur die Werkzeuge eines Holzfällers und Bauern geführt hatten. Ja, er wünschte sich so sehr, ein Held zu sein. Für Reich und König wollte er kämpfen und die Feinde mit dem Schwert vor sich hertreiben. Seit er laufen konnte, war jedes Stück Holz für ihn eine Waffe, mit der er unsichtbaren Gegnern entgegentrat oder dem Vieh des Vaters das Fürchten lehrte. Und seit er denken konnte, hatten ihn seine Geschwister, allen voran Asura, dafür verspottet. Seine Geschwister, die so sehr nach den Eltern kamen und keinerlei Verständnis für seine Träumereien aufbrachten.

„Und dann kam der Tag, an dem ich zum Helden wurde“, erzählte Malthorn weiter. „Es geschah ohne jede Absicht, dass ich den Befehlshaber des feindlichen Heeres besiegte, als ich mich nur meiner Haut erwehren wollte. So wendete ich die Schlacht und sie sangen Lieder über mich.“
Erstaunt betrachtete Thelkar den Vater. Es fiel ihm schwer, sich den Mann in glänzender Rüstung vorzustellen, bejubelt von Kameraden und Heerführern.
„Mir wurde klar, als Held würde ich mein Haus und meine Familie verlieren, denn man erwartete mich von nun an allzeit in vorderster Front. Also verriet ich Reich und König und kehrte zu deiner Mutter und deinen Geschwistern zurück.“
Thelkar konnte einen entsetzten Ausruf nicht unterdrücken. „Du, ein Verräter? Hat man dich denn nicht verfolgt?“
„Doch. Der Mann, der mich verfolgte, ein Feldwebel, stand schon am Morgen nach meiner Rückkehr an dieser Tür.“ Malthorn zeigte auf die Eingangstür des Blockhauses, in dem Thelkar sein ganzes Leben verbracht hatte. „Aber er sah keinen Kriegshelden, sondern nur einen einfachen Holzfäller, der bei seiner Familie leben wollte, um sie zu beschützen. Er ist es, dem ich mein Leben verdanke und der auch in all den Jahren dafür gesorgt hat, dass weder ich noch meine Söhne in Kriege ziehen mussten, die nicht die unseren waren.“
Wieder schwieg Malthorn für einen Moment. Dann fuhr er fort: „Und auch du verdankst diesem Mann dein Leben, denn in der folgenden Nacht wurdest du gezeugt. Daher gaben wir dir seinen Namen.“

Nun war es Thelkar, der sich in nachdenkliches Schweigen hüllte. „Warum habt ihr mich belogen?“, fragte er schließlich.
„Schon, als du noch ein kleines Kind warst, konnten deine Mutter und ich in deinen Augen lesen, dass du anders bist als deine Geschwister. Wir ahnten, du würdest stets das Abenteuer suchen und der Krieg könnte dir keinen Schrecken einjagen. Um dich nicht zu verlieren, erzählten wir dir, dass der Fürst Menschen wie dich und mich nicht für den Dienst an der Waffe brauche. Wir wollten dich glauben machen, du würdest, selbst wenn du es wolltest, allenfalls für niedere Dienste abberufen. Doch glaube mir, mein Sohn, es kann keinen schlechteren Dienst als den an der Waffe geben. Also verzeihe uns die Lügen, denn wir sprachen sie aus Liebe und in Sorge um dich. Willst du mir versprechen, das Heldentum ein für alle Mal zu vergessen?“
Thelkar nickte langsam, schwieg aber und bat darum, sich zurückziehen zu dürfen.

Sein Ärger war verflogen. Nie hatte er sich ganz mit seinem vermeintlichen Schicksal abfinden können. Doch nun wusste er, dass er den Namen eines Kriegsmannes trug. „Thelkar!“ Er sprach ihn aus und empfand einen ganz neuen Klang dabei. Noch einmal sagte er ihn, lauter jetzt. Und schon im selben Moment fasste er einen Entschluss. Noch heute Nacht wollte er sich auf die Suche machen nach dem Mann, dessen Name er seit 16 Jahren trug. Seinen Eltern würde er nichts davon erzählen. Denn er, Thelkar, wollte Thelkar berichten, dass er bereit sei, endlich die Schuld des Vaters an Reich und König abzutragen.

Basierend auf der Geschichte „Lass sie nicht von dir singen“ von Klaus Mundt, erschienen in „Geschichten eines Krieges“, vph 2008.