Zooland: Betreten schweigen?

© PBPfoto

Ja sicher, ich sehe aus, wie ein Stein. Klar, ich weiß, Tarnung ist alles. Aber soll ich denn das Maul halten, wenn wieder jemand auf mich drauflatscht?

 

 

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Zooland: Großkotz

Großkotz

So, damit das mal klar ist: Jetzt bin ich der Größte! Also, her mit dem Fisch!

Aus dem roten Nebel

© Ichweißes

© Ichweißes

Theo schaute in die Röhre. Abgehängt!
„Los, weiter!“
„Nur einen Moment abhängen.“ Er rutschte gleich neben dem Loch, aus dem er soeben gekrochen war, den Rücken an die Höhlenwand gelehnt, auf seinen Allerwertesten.
Dora stieß ihn mit dem Fuß an. „Glaubst du, wir sind hier sicher?“
Ihr Tonfall signalisierte, dass es sie nicht interessierte, was er glaubte. Aber er konnte nicht mehr. „Ich habe gerade so durch den Gang gepasst. Kein erwachsener Mann kommt da durch!“
„Du bist fett!“
Ihre Antwort versetzte ihm einen Stich. Es war nichts Neues, dass Dora ihn derart beleidigte. Aber hier! In dieser Situation! Zu zweit in einem riesigen Höhlensystem. Und in Lebensgefahr! Dabei war es ihre Schuld! „Hörst du etwas? Nein. Sie können uns nicht folgen.“
„Ich gehe! Du kannst hier gern verschimmeln. Einen Klops wie dich brauche ich sowieso nicht!“ Dora drehte sich um und verschwand in dem seltsamen, rot leuchtenden Nebel, der die Höhle ausfüllte.
„Warte!“ Theo hechelte ihr hinterher. Nichts konnte schlimmer sein, als hier allein zu bleiben. Auch war der Stolz, sie begleiten zu dürfen, noch nicht ganz verklungen. Schließlich hatte er seit Jahren davon geträumt. Wenn er dabei auch nicht an einen dunklen Ort wie diesen gedacht hatte, der obendrein vollgestopft war mit finsteren Gestalten, die ihnen an den Kragen wollten.

Sie wartete nicht und er hatte alle Mühe, sie einzuholen. „Wo willst du denn hin?“
„Hauptsache raus hier.“
„Was glaubst du, was es mit diesem Nebel auf sich hat?“
„Woher soll ich das wissen?“
Theo schob die Mütze zurück und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Doch sein Pullover war längst durchnässt. Das Weiß hatte einen rosafarbenen Ton angenommen. Wenigstens war es kein Schweiß. Nicht nur, jedenfalls. „Ist doch echt merkwürdiges Zeug. Wird immer dichter und …“
Unvermittelt blieb Dora stehen, puffte ihm in die Seite und zeigte nach vorn. Die Höhle war schon zu Ende. Sie standen direkt vor einer massiven Wand.
„Eine Sackgasse!“ Mit einem Schlag fühlte sich Theo noch unwohler als zuvor. Der enge Röhrengang hatte sich nicht als die Rettung sondern als Falle entpuppt.

Dora ging ein paar Schritte zurück und schaute nach oben. „Sieh mal!“
Er tat es ihr gleich. Zuerst sah er nur den roten Nebel, doch die Schwaden zogen sich auseinander, als wollten sie, dass er freie Sicht hatte. Auf dem Massiv zeichneten sich die Konturen eines riesigen Körpers ab. Sie waren bis hierher schon einigen solcher Figuren begegnet. Aber diese war um ein Vielfaches größer. Beine wie Säulen ließen sich nur erahnen. Klauenbewehrte Pranken waren zu Fäusten geballt und schienen die gesamte Felswand unter Spannung zu setzen. Der muskulöse Oberkörper ragte ein Stück aus dem Stein heraus, als wolle sich das Monstrum aus dem ewigen Gefängnis befreien. Von den breiten Schultern blickte ein Schädel herab, der an einen übergroßen Menschenaffen erinnerte. Doch das breite Maul war mit Raubtierzähnen bestückt und zwei meterlange Hörner schienen dem Wesen aus dem Nacken zu wachsen.

„Sieht aus, als hätten sie das Ding mitten in der Bewegung eingefroren.“
„Meinst du, das war mal lebendig?“ Theos Stimme überschlug sich.
Dora lachte. „Idiot!“ Sie schaute sich um. „Es muss doch einen zweiten Ausgang geben. Los, komm mit!“

Sie wandten sich nach rechts und begannen die Seitenwand abzusuchen. Der Nebel hatte seine Position verändert. Er schien sich dorthin verzogen zu haben, wo sie aus dem Gang gekommen waren, genau gegenüber von dem Affenwesen. Doch die bessere Sicht half ihnen nicht, ihre Suche blieb erfolglos.

„Uns bleibt nur der Weg zurück!“, bestimmte Dora.
„Und diese Typen?“
„Wir müssen eben hoffen, dass sie aufgeben. Vielleicht sind sie ja schon weg.“ Zielstrebig ging sie auf die wabernde rote Masse zu, die sich dort auftürmte, wo der Gang sein musste.

Ein Donnerschlag!
Theo schrie auf. Er drehte sich um, starrte das Steinungetüm an. Hatte sich die Figur bewegt?
„Sie sprengen den Gang!“, hörte er Dora aus weiter Entfernung rufen. Gleich darauf brannte seine Wange von einer Ohrfeige. „Du guckst in die falsche Richtung, du Trottel!“
Langsam verstand er. Er entspannte sich ein bisschen, stieß die angehaltene Atemluft aus, schielte zu Dora und rieb sich das schmerzende Gesicht. Mann, war das peinlich. Er versuchte seine Verlegenheit mit einem Lächeln zu überspielen.
„Was grinst du denn so blöd? Ist dir klar, was das bedeutet?“
Jetzt begriff er vollständig. Der Nebel vor dem Eingang mischte sich mit schwarzem Staub von der Sprengung. Er hatte den Geruch von Silvesterknallern in der Nase. „Was sollen wir denn bloß tun?“
Doras Blick tastete noch einmal die gesamte Höhle ab. Schließlich blieb er an Theo hängen. Sie zuckte mit den Schultern.
„Aber …“ Wie konnte sie so ruhig bleiben? „Wir …“
Eine zweite Explosion unterbrach ihn. Bildete er sich das ein oder klang das schon viel näher?
„Komm!“

Dieses Mal brauchte er keine weitere Aufforderung. Vielleicht wusste sie doch eine Lösung. Aber Dora lief nur zur gegenüberliegenden Wand und blieb dort stehen.
„Das war alles?“, schrie er sie an.
„Wie bekloppt bist du eigentlich? Es ist vorbei! Wir können nur abwarten.“
„Bekloppt? Mehr fällt dir dazu nicht ein? Weißt du, ich wollte gar nicht mit auf diese blöde Klassenfahrt. Das macht nämlich wenig Spaß als Klassenclown. Aber ich dachte, das kann ich ertragen, weil es schön ist, in deiner Nähe zu sein. Und das dachte ich auch, als du die idiotische Idee hattest, heimlich in die verbotenen Höhlen zu gehen. Deshalb war ich der Einzige, der den Mut hatte, dich zu begleiten. Ich hab gehofft, du würdest mich endlich mit anderen Augen sehen. Und wo hast du uns jetzt hingeführt?“
„Konnte ich wissen, dass hier irgendwelche miesen Typen irgendwas noch Mieseres aushecken? Außerdem hättest du ja nicht mitkommen müssen. Das war ja wohl ganz allein deine Entscheidung.“
Sie hatte recht. Daran gab es nichts zu rütteln. Aber er war sauer. Richtig sauer! Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. „Du …“
Sie unterbrach ihn, indem sie drohend den Finger erhob. Dann drehte sie sich weg und tippte sich mit demselben Finger an die Stirn. „Mit anderen Augen sehen. Was bildet der sich eigentlich ein?“

Ein Zittern durchfuhr die Höhle. Theo starrte sofort wieder zu dem Affenkopf. Der hatte das Maul aufgerissen. In den Wänden dröhnte es und das mächtige Steinwesen begann, rot zu leuchten.

Theo bemerkte erst, dass er sich rückwärts bewegt hatte, als er mit dem Rücken gegen die Eingangswand stieß. Dora war neben ihm. Er griff nach ihrer Hand. Für einen Moment fürchtete er, sie würde ihm dafür eine scheuern, dann beobachtete er, wie sich der Teufels-King-Kong aus dem Stein löste. Das ging so schnell, dass Theo im Nachhinein übel wurde, als er daran dachte, wie sie vor nur wenigen Minuten zu Füßen dieses Ungeheuers herumgewandert waren.

Jetzt schien es sie erst einmal nicht weiter zu beachten. Es streckte sich, schüttelte erst das linke, dann das rechte Bein und absolvierte ein paar ungelenke Kniebeugen.

„Wir sollten uns vielleicht verstecken“, flüsterte er, bewegte sich aber kein Stück.
„Wo denn, du Witzbold?“
„Vielleicht im Gang.“
Eine dritte Sprengung ertönte. Man hörte das Geröll poltern.
„Zu spät“, sagte Dora.
Der Affenriese schaute zu ihnen herüber. Seinen Sport hatte er offenbar beendet und kam jetzt auf sie zu. Er sah furchterregend aus. Warum brüllt er nicht? Theo konnte nicht länger über diese Frage nachdenken, denn für sein Gegenüber entsprach die Entfernung zwischen ihnen nur etwa drei Schrittlängen.

Jetzt war es auch egal. Er trat vor. „Lass sie in Ruhe! Ich dulde nicht, dass du ihr etwas tust!“
Der Affe stutzte und schaute ihn verwundert an. Theos Nacken begann zu schmerzen. Aber er blieb stehen, wo er war. Der Affe beugte sich vor und sog die Luft in die riesigen Nasenlöcher. Theo kam sich vor wie in einem Sturm. Er verlor beinahe den Boden unter den Füßen, während sich seine Mütze in Richtung der Affennüstern verabschiedete. Er mochte sie sowieso nicht. Der Affe atmete wieder aus und Theo landete unsanft auf dem Hintern. Seine Mütze fiel ihm vor die Füße. Grund genug, seine Strategie zu überdenken. „Friss mich! An ihr ist doch nichts dran.“
Wieder beugte sich das Riesenvieh vor. Diesmal allerdings streckte es seine Pranke aus und hob sie in die luftigen Regionen seiner Schnauze. Mit dem Finger deutete er an, Theo solle die Klappe halten, zeigte auf den Gang, aus dem man jetzt die Geräusche von Schaufeln und Hacken hörte, und machte schließlich eine Bewegung, die Theo als „Kusch, kusch!“ interpretierte.

Theo hielt dem durchdringenden Blick von Dora nicht stand. „Okay, okay, ich hab mich lächerlich verhalten.“
„Allerdings!“ Dora lachte. „Eine große Hilfe wärst du mir wohl nicht gewesen, du Held.“ Sie machte eine Pause. „Aber keine Sorge, ich war trotzdem ziemlich beeindruckt.“
Theo schaute auf.
Sie lächelte. Dann drehte sie sich zu dem Affen, der vor dem Gang saß und auf die Eindringlinge wartete. „Tja, dann lassen wir Ape mal seinen Job erledigen. Solange kommen wir hier eh nicht raus.“
„Und was machen wir in der Zeit?“
„Abhängen.“

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Vielen Dank für die Bildvorlage von erinnye. Schickt mir auch eure Bilder.

Leben

Leben

Er lebte noch! Hatte den unmöglichen Weg hinaus gefunden, vorbei an den Sicherheitsschützen, menschlichen wie computergesteuerten. Hinaus ins Unmögliche. In die Todeszone, die ihm letztlich das Leben nehmen musste.

Denn nichts Lebendiges konnte hier existieren, außerhalb der Stadtmauern. Das hatte man ihn von Kindesbeinen an gelehrt.

Doch längst hatte ihn alles Leben verlassen, noch in der großen Stadt. Ein letzter Wunsch war sein einziger Antrieb gewesen: Die Grenze zu überschreiten und selbst zu prüfen, ob es wahr war, was man ihm beigebracht hatte, selbst wenn er damit auch seinem Körper den Tod brachte.

Weiter und weiter ging er, erwartete jeden Moment zu sterben und hoffte, vorher noch etwas zu sehen, das mehr war als toter Stein.

Und dann sah er es: Ein Gebilde, wie er noch nie zuvor eines gesehen hatte. Zart war es und klein. Auf einem grünen Stiel ragte es aus den Steinen hervor, denn selbst war es kein Stein und angefüllt mit Farbe. Hell leuchtete ein roter Kopf, der aus unzähligen kleinen Kügelchen zu bestehen schien und in dem Federn steckten, weißblau und weitaus gleichmäßiger als die der Grauvögel.

Sie fingen seine Tränen auf, als er erkannte, dass er das Leben in der Todeszone entdeckt hatte.

 

Leben
Er lebte noch! Hatte den unmöglichen Weg hinaus gefunden, vorbei an den Sicherheitsschützen, menschlichen wie computergesteuerten. Hinaus ins Unmögliche. In die Todeszone, die ihm letztlich das Leben nehmen musste.
Denn nichts Lebendiges konnte hier existieren, außerhalb der Stadtmauern. Das hatte man ihn von Kindesbeinen an gelehrt.
Doch längst hatte ihn alles Leben verlassen, noch in der großen Stadt. Ein letzter Wunsch war sein einziger Antrieb gewesen: Die Grenze zu überschreiten und selbst zu überprüfen, ob es wahr war, was man ihm beigebracht hatte, selbst wenn er damit auch seinem Körper den Tod brachte.
Weiter und weiter ging er, erwartete jeden Moment zu sterben und hoffte, vorher noch etwas zu sehen, das mehr war als toter Stein.
Und dann sah er es: Ein Gebilde, wie er noch nie zuvor eines gesehen hatte. Zart war es und klein. Auf einem grünen Stiel ragte es aus den Steinen hervor, denn selbst war es kein Stein und angefüllt mit Farbe. Hell leuchtete ein roter Kopf, der aus unzähligen kleinen Kügelchen zu bestehen schien und in dem Federn steckten, weißblau und weitaus gleichmäßiger als die der Grauvögel.
Sie fingen seine Tränen auf, als er erkannte, dass er das Leben in der Todeszone entdeckt hatte.Er lebte noch! Hatte den unmöglichen Weg hinaus gefunden, vorbei an den Sicherheitsschützen, menschlichen wie computergesteuerten. Hinaus ins Unmögliche. In die Todeszone, die ihm letztlich das Leben nehmen musste.Denn nichts Lebendiges konnte hier existieren, außerhalb der Stadtmauern. Das hatte man ihn von Kindesbeinen an gelehrt.

Doch längst hatte ihn alles Leben verlassen, noch in der großen Stadt. Ein letzter Wunsch war sein einziger Antrieb gewesen: Die Grenze zu überschreiten und selbst zu überprüfen, ob es wahr war, was man ihm beigebracht hatte, selbst wenn er damit auch seinem Körper den Tod brachte.

Weiter und weiter ging er, erwartete jeden Moment zu sterben und hoffte, vorher noch etwas zu sehen, das mehr war als toter Stein.

Und dann sah er es: Ein Gebilde, wie er noch nie zuvor eines gesehen hatte. Zart war es und klein. Auf einem grünen Stiel ragte es aus den Steinen hervor, denn selbst war es kein Stein und angefüllt mit Farbe. Hell leuchtete ein roter Kopf, der aus unzähligen kleinen Kügelchen zu bestehen schien und in dem Federn steckten, weißblau und weitaus gleichmäßiger als die der Grauvögel.

Sie fingen seine Tränen auf, als er erkannte, dass er das Leben in der Todeszone entdeckt hatte.

Der Feuerwald – Teil 1

Der Feuerwald

Sven starrte in das Feuer. Allein bei dem Anblick trat ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf die Stirn. Was mache ich hier? Ich muss bescheuert sein. Er schaute zu Lesan. Ihr Blick aus den dunklen Augen ruhte auf ihm, als wolle sie ihn prüfen. Sie hob die Schultern. „Es tut mir leid, Haltar. Ich habe alles versucht, um dich nicht rufen zu müssen.“
„Ich weiß“, antwortete Sven und wusste wieder, warum er hier war. „Ich bin froh, dass du an mich gedacht hast. Und ich halte mein Wort: Wann immer du mich brauchst, will ich dir zur Seite stehen.“
„Dann los!“, sagte Hold und schritt voran.
Sven betrachtete den Recken und schmunzelte. Es war noch immer ein seltsames Gefühl, dass Königin Lesan Thiarna, die Auserwählte, auf die Hilfe eines Sonderlings aus der anderen Welt angewiesen war, wo ihr doch ein 1. Ritter treu ergeben war, dem Hollywood kein heldenhafteres Aussehen hätte verpassen können.

Er tat es Lesan gleich und verabschiedete sich von den Pferden. Dorthin, wo sie jetzt hingingen, konnten die Tiere sie nicht begleiten. Lesans Lächeln verlieh ihm Kraft und gemeinsam folgten sie Hold, der ohne jedes Zögern direkt auf den Feuerwald zumarschierte.

Die Nacht war taghell, mit jedem Schritt wurde es heißer und es fühlte sich an, als liefen sie direkt auf die Sonne zu. Einen Wald wie diesen hatte Sven noch nie gesehen. Die Bäume, wenn es denn welche waren, wirkten eher wie riesige Gräser. Sie standen so dicht, dass man den Eindruck hatte, man steuere auf eine geschlossene Wand zu. Eine Wand aus Feuer. Bestehend aus unzähligen spitzzüngigen Flammen, die sich dem Nachthimmel entgegenreckten und ihn in Brand setzten.

Sie erreichten Hold direkt vor der Waldgrenze. Er hatte die leeren Drachenlederschläuche von Zoupar abgelegt und sich seines Wamses aus demselben Material entledigt.
„Bist du verrückt?“, fuhr ihn Lesan an. „Hast du denn alles vergessen? Wenn du ungeschützt in den Wald gehst, wird es dir die Haut abschälen, bis du vollständig verbrennst!“
Hold sah sie ratlos an. „Und was soll ich nun tun, Herrin?“
„Zieh das Wams wieder an! Und vergiss den Gesichtsschutz nicht!“
Sven musste ein Kichern unterdrücken. Die Wan waren ein so schönes Volk, doch abgesehen von ihrer jungen Königin waren sie erbärmliche Trottel. So liebenswert sie das machte, manchmal konnte es einen an den Rand der Verzweiflung bringen. Für Sven allerdings bot das letztlich einen großen Vorteil, das war ihm durchaus bewusst. Endlich einmal fühlte nicht er sich als Trottel! Das stärkte das Selbstbewusstsein. Denn in Wanaheil wurde er bewundert, obwohl alle um ihn herum viel besser aussahen als er. Doch hier zählte seine Intelligenz und sein strategisches Geschick.

Viel sympathischer machte das den Feuerwald nicht. Und obgleich das Drachenleder an ihrem Körper das Schlimmste verhindern sollte, half es kaum gegen die Hitze. Schon nach wenigen Metern hätte Sven einen Saunagang mit seiner Familie, dieses wöchentliche Ritual, dem er sich seit Jahren vergeblich zu entziehen suchte, als willkommene Abkühlung empfunden.

Je weiter sie kamen, desto beschwerlicher wurde es. Der Schweiß sammelte sich unter dem Leder, statt zu verdampfen, und bildete einen Film aus kochender Flüssigkeit. Die Haut darunter brannte, als habe Sven es sich in einem Pizzaofen bequem gemacht. Das Blut pulsierte siedend heiß, in der Kehle kratzte die Trockenheit, der Kopf wollte zerspringen. Sein ganzer Körper bestand aus feurigem Schmerz. Der Geruch von schwitzendem Leder und verbrannter Haut stieg ihm in die Nase. In seinen Ohren summte es wie ein Schwarm Hornissen.

Dabei musste Sven immer wieder die Augen schließen, weil er das Gefühl hatte, er hielte sein Gesicht direkt in ein blendendes Lagerfeuer und müsse dabei unweigerlich erblinden. Die gleißende Helligkeit um ihn herum ließ ihn nur wenig erkennen. Nur einmal fiel ihm auf, dass selbst die Feuerpflanzen dicke, rötlich glitzernde Tropfen ausschieden.

Bei jedem Schritt kämpfte sein Geist mit dem verführerischen Gedanken umzukehren. Wenigstens den schweren Rucksack hätte er gern abgelegt, doch genau den würde er noch brauchen. Mit dem Ziel dieser Tour durch die Hölle wollte er sich allerdings gar nicht erst befassen.

Quälend war es auch, mit anzusehen, wie selbst das schöne Gesicht Lesans unter der Hitze litt. Anfangs hatte sie noch versucht, ihr Leiden zu verbergen, doch inzwischen hätte sie das zu viel Kraft gekostet. Wie ein verhungerndes Rehkitz schleppte sie sich vorwärts und Sven schien es, als hingen selbst die stolzen Spitzen ihrer Ohren ein wenig herab.

Auch Hold keuchte. Dabei schienen ihm die Strapazen noch am wenigsten auszumachen. Sven vermutete, dass der Ritter mit stoischer Ruhe in den Tod laufen würde, sollte Lesan das von ihm verlangen.

Doch plötzlich blieb der Recke stehen und überlegte. Langsam drehte er sich um und krächzte, als habe er seit der Entwöhnung von der Muttermilch nichts mehr zu trinken bekommen: „Ich glaube, wir sind am Ziel, Herrin.“
Lesan hob den Kopf. „Ja, hier sind wir. Im Zentrum des Feuerwalds an den Heißen Wassern. Hier lebt Dragen Fiur, der die Quelle des Waldes bewacht.“
Als Sven zu sprechen begann, fürchtete er, ihm würde die Stimme noch während der ersten Worte verloren gehen, um niemals wiederzukehren. „Wollt ihr noch etwas ausruhen, bevor wir den Plan in die Tat umsetzen?“
Lesan schüttelte kaum merklich den Kopf. „Je schneller wir diesen Ort verlassen können, desto besser.“
Sven bemühte sich, seine Strategie noch einmal ausführlich zu erklären, wobei er vor allem Hold fixierte. Glücklicherweise sah sein Plan vor, dass der 1. Ritter bei Lesan bleiben würde, die ihm zur Not noch einmal die genauen Anweisungen geben könnte.

Er wartete, bis sich die beiden außer Sichtweite befanden. Es kam ihm so vor, als wären Stunden vergangen, bis es endlich so weit war. Dann kroch er näher an den See heran, und setzte sich ans Ufer, als sei er ein Tourist an der Müritz. Doch gleich darauf sprang er wieder auf. Er hätte sich denken können, dass der Boden ihm den Hintern verbrennen würde.

Er schaute sich um. Lesan hatte recht gehabt. Weit und breit war nicht ein einziger Stein zu sehen. Sven öffnete seinen Rucksack und griff hinein. Selbst die Kaltsteine, die ihm Lesans Magier Zoupar mitgegeben hatte, waren so heiß, dass er sie trotz der Handschuhe kaum berühren konnte. Jeder andere Stein wäre längst geschmolzen.

Er nahm sich keine Zeit zum Zielen. Er hätte ohnehin nicht gewusst, welche Stelle in dem rot glühenden See die beste für sein Vorhaben war. Mit einem lauten Platschen und zischenden Dämpfen verschwand der Stein in den Lavafluten. Sven warf gleich noch einen zweiten hinterher, nach einer kleinen Pause einen dritten.

Als er sich erneut bückte, um den vierten Stein aufzunehmen, hörte er ein deutliches Brodeln, das die üblichen Geräusche der Heißen Wasser noch übertönte. Weit schneller, als er es sich bei diesen Temperaturen zugetraut hätte, fuhr er herum. Riesige Blasen entstanden um einen noch größeren Strudel in der Mitte des Sees. Dann hob sich ein Kopf aus dem dampfenden Rot, der die Dimensionen eines Kleinbusses hatte und aussah wie bei einer Kreuzung aus Krokodil, Nashorn und Flammenwerfer.

Weiter zu Teil 2.