Blogroman: 38 – Vertrauen und Versprechen

Tom hörte weitere Schüsse, gedämpft jetzt. Jemand packte ihn am Arm. Er wehrte sich, riss sich los.
„Wir müssen hier raus!“
Der Befehl war kurz und knapp. Tom erkannte die Stimme. „Was ist mit dem Jungen?“
„Wir können ihm nicht mehr helfen!“ Mona klang auf einmal ganz sanft, beinah traurig.
Tom gab den Widerstand auf. Zum ersten Mal glaubte er der Agentin, fasste Vertrauen zu ihr. Einmal noch schaute er in das Gesicht des Jungen, dessen Tod er nicht hatte verhindern können. Dessen Tod er sogar herbeigeführt hatte. „Ich werde es wieder gutmachen“, flüsterte er unter Tränen. Dann ließ er sich von Mona hinausziehen.

Was bisher geschah

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Blutweg

Blutweg

Jacky schaute ihn herausfordernd an. „Na, immer noch die große Klappe?“
Martin blickte sich um. „Ist doch schön hier.“
„Warte, gleich geht die Sonne unter.“ Sie setzte sich auf einen großen Baumstumpf.

Martin blickte sich um. Schon jetzt war er sich nicht mehr ganz sicher, ob an den Gruselgeschichten, die Jacky ihm erzählt hatte, nicht doch etwas dran war. Der Monsterwald! Er hatte Jacky ausgelacht, als sie behauptete, das sei nicht nur so ein Name. Gab es hier vielleicht wirklich unheimliche Wesen? So ein Quatsch! Immerhin wies ein Weg darauf hin, dass sehr wohl Menschen unter den Bäumen spazierten. Und er sah aus wie jeder andere Weg auch. Der Blutweg! Von wegen.
Er bemerkte das Lächeln Jackys, mit dem sie ihn beobachtete. Mit einem Schulterzucken setzte er sich neben sie. „Ich kann nichts Besonderes entdecken.“ Er gab seiner Stimme einen betont gelangweilten Ausdruck. Dabei sorgte allein die Tatsache, dass er hier neben Jacky saß, für ein Kribbeln in der Bauchgegend.
„Schau!“, sagte sie nur und zeigte nach oben.
Es war ein großartiges Schauspiel. Wie in Zeitlupe entflammte der Himmel und die Wolken sogen sich mit roter Farbe voll.
„Schau!“, sagte Jacky wieder, doch dieses Mal zeigte sie direkt vor sich. „Der Blutweg!“
Jetzt verstand Martin. Von einem Moment zum anderen hatte sich alles verwandelt. Die Bäume hüllten sich in eine Dunkelheit, als sei die Sonne bereits vollständig untergegangen. In den Kronen rauschte ein Wind, der hier unten nicht zu spüren war. Der Weg aber schimmerte in einem dunklen Rot. Und als wolle er den Wanderer über sein Ziel verunsichern, verschwand er nach nur wenigen Metern zwischen den Bäumen. Keine zehn Pferde würden Martin dazu bringen, diesem Weg zu folgen.

„Habe ich es doch gewusst. Du bist ein Schisser wie alle anderen.“ Jacky musste seine Gedanken gelesen haben.
„Nein, bin ich nicht.“ Es überzeugte ihn selbst nicht. Gab es keine Möglichkeit, aus dieser Situation heil rauszukommen? Er war so froh gewesen, als Jacky endlich ein bisschen Interesse für ihn gezeigt hatte. Endlich bekam der Umzug in dieses Kaff einen Sinn. Doch jetzt stellte sie ihn auf eine harte Probe. Er war sich sicher, würde er jetzt kneifen, hätte er alle Chancen bei ihr verspielt. „Lass uns gehen!“

Mit jedem Schritt bereute er seine Entscheidung mehr. Und mit jedem Schritt stieg seine Bewunderung für Jacky. Wenn sie von derselben Angst heimgesucht wurde wie er, ließ sie es sich nicht anmerken. Trotzdem. Mit diesem Wald stimmte irgendetwas nicht. Unter den Bäumen war es kühl. Und obwohl die Sonne längst untergegangen war, warfen die Bäume lange Schatten. Dass es nicht völlig dunkel war, lag einzig an dem merkwürdigen Weg, der auch jetzt noch rot schimmerte, als habe die verschwundene Sonne seinen Akku für die gesamte Nacht aufgeladen. Und je weiter sie kamen, desto sicherer war Martin, dass er sich den Geruch von Blut nicht nur einbildete.
Wenn er sich wenigstens durch ein Gespräch mit seiner hübschen Begleiterin ablenken könnte. Doch er wusste nicht, was er sagen sollte, und fürchtete, seine Stimme nicht kontrollieren zu können. Sein Mund war trocken, seine Kehle rau. Um sich die Lippen zu befeuchten, musste er seine Zunge vom Gaumen losreißen. Es war sowieso nur ein Reflex, denn die Zunge war selbst nicht wirklich feucht.
Jacky wirkte dagegen wie Alice im Wunderland. Mit ihren großen Augen sog sie die verzerrten Bilder auf, die die Lichtkegel der Taschenlampen erzeugten, als ginge sie durch einen Freizeitpark. Martin hätte die ewig gleichen Eindrücke wahrscheinlich als gähnend langweilig empfunden, wäre da nicht dieser eine, der alles dominierte: Der Wald wurde immer feindseliger, die Nacht immer dunkler und die Stille immer drückender.

Nach etwa einer Stunde hielt er es nicht mehr aus. „Hattest du nicht gesagt, der Wald sei klein?“ Es war nur ein Flüstern, aber er hatte plötzlich das Gefühl, er habe den Monsterwald jetzt erst richtig auf sich aufmerksam gemacht.
„Ist er ja auch. Vielleicht noch eine viertel Stunde, dann hast du es hinter dir, du Schisser.“
„Ich bin kein …“ Ein Knacken brachte ihn zum Schweigen.
Auch Jacky blieb stehen. Mit der Taschenlampe suchte sie ein dichtes Gebüsch ab, während das Licht aus Martins Stablampe zwischen den Stämmen hin und her zitterte.
„Was war das?“, keuchte er.
„Psssst!“
Es raschelte genau dort, wo Jacky hinleuchtete. Mit einem kräftigen Klopfer, setzte Martins Herzschlag aus. Wieder krachte es im Unterholz, dann brach sich etwas einen Weg durch die Zweige.

Martin rannte! Sein Herz schien die Sekunden, die es sich frei genommen hatte, doppelt und dreifach nachholen zu wollen. Und es verstopfte ihm die Kehle. Doch er rannte immer weiter. Das Monster war direkt hinter ihm. Er konnte seinen keuchenden Atem hören.

Martin schaute nicht zurück, sah kaum den schimmernden Weg vor sich. Er bemerkte nicht einmal, wie er die Bäume hinter sich ließ, und es dauerte noch mal eine Weile, bis ihm klar wurde, dass ihn niemand mehr verfolgte. Er blieb stehen, stützte die Hände auf die Knie und versuchte, seine Atmung in den Griff zu bekommen. Dabei lauschte er angestrengt auf etwaige Geräusche.

Der Mond tauchte die Felder in fahles Licht und den Weg in ein silbriges Blau. Langsam drehte Martin sich um. Noch immer wirkte der Wald bedrohlich. Martin richtete sich kerzengerade auf, als er eine Bewegung wahrnahm. Täuschte er sich? Nein, da kam eine Gestalt den Weg herauf. Martin spannte die Muskeln an. Ein Licht flammte auf. Das Licht einer Taschenlampe. Es war Jacky, die ihm zuwinkte.

Als sie bei ihm war, gab sie ihm seine Stablampe. „Hier, die hast du fallenlassen.“
„Danke“, flüsterte er.
„Schisser!“
„Ich bin …“
„Läuft vor einem Vogel davon!“ Sie schüttelte den Kopf.
„Ein Vogel?“
„Aber schnell und ausdauernd bist du, das muss man dir lassen. Ich bin die Schnellste in der Klasse. Aber am Waldrand hab ich aufgegeben.“
„Du?“
Sie nickte.
„Meinetwegen, bin ich eben ein Schisser. Mir egal, wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Aber ich geh nicht wieder durch diesen Wald. Wenn du auf demselben Weg zurückgehen möchtest, dann ohne mich!“
Jacky lachte. „Komm, da drüben ist gleich die Straße. Meine Güte, mit dir erlebt man Abenteuer.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter.

Martin ärgerte sich über sich selbst. Ein Vogel! Konnte das wahr sein? Er betrachtete Jacky verstohlen von der Seite, als sie das Dorf erreichten. Und im Licht einer Straßenlaterne sah er die Tränen, die ihr über die schönen Wangen liefen.

Blogroman: 32 – Tränen in den Ohren

Als Tilo seine eigene Stimme hörte, wurde ihm bewusst, welche Dummheit er gerade begangen hatte. Als er die Frau am Fenster erblickt hatte, seine Agentin, seine Amazone, da waren mit ihm die Pferde durchgegangen. Er wollte hier raus, wollte nach Hause zu seinen Eltern, und sie konnte ihm helfen, da war er sich sicher gewesen. Nun aber wussten auch die Bösen, dass er hier war.

Er drückte sich, so gut es ging, in die hinterste Ecke des Schranks und hoffte auf ein Wunder. Es war, als hätten seine Tränen seine Ohren verstopft, denn in der absoluten Stille konnte er nur die Donnerschläge seines Herzens vernehmen.

Dass er weder die Stimme der teuflischen Frau noch die ihrer Gefährten hörte, war ein schlechtes Zeichen. Aber es passierte nichts. Tilo schien es, als würden Stunden verstreichen. Sollte doch alles gut werden? Waren die drei verschwunden? Vielleicht hatte sein Hilferuf sie so erschreckt, dass …

Die Schranktür wurde aufgerissen!

Was bisher geschah

Wasel und Waseline (Teil 2)

Wusel 3

Illustration: Kristina Ruprecht

Er richtet sich auf und lauscht genauer. Die Stimme kennt er doch. Und sie kommt genau auf ihn zu. Er muss nur warten.

Nach allerhöchstens zehn Weselsekunden kommt Wusel durch das hohe Gras gerannt. Er ist ganz außer Atem und als er Wasel erreicht, bleibt er stehen, stützt die Hände auf die Knie und schnappt erst einmal eine Weile nach Luft.

„Was ist denn los?“, fragt Wasel.
„Wasel… Wasel… Wasel…“, stottert Wusel und zeigt mit zitternden Fingern hinter sich.
„Ja, so heiße ich“, sagt Wasel verwundert. „Aber was ist denn nun?“
„Wasel… Wasel… Waseline! Am … am … am See!“
„Ach, Waseline meinst du“, sagt Wasel. „Aber nun beruhige dich doch erst einmal.“
Wusel atmet dreimal tief ein und aus. Es hört sich an wie ein kleiner Wind. Besser gesagt, wie drei kleine Winde. „Waseline ist in Gefahr! Am See. Der Frosch!“
Jetzt versteht Wasel. Ohne zu zögern macht er sich auf den Weg und läuft zum See. Wusel kann ihm kaum folgen, weil er schon so aus der Puste ist. Und weil Wasel wirklich schnell rennt. Wie ein kleiner Sturmwind fegt er durch die Wiese, vorbei am Haus der Frau Maus, am Bach entlang, quer durch das Dorf der kleinen Feen.

Als Wasel am See ankommt, ist von Wusel nichts mehr zu sehen. Dafür sieht er Wiesel, der in seiner Weselbadehose hinter einem Gebüsch steht und zittert. Und dann ist da noch Herr Frosch.

Herr Frosch hüpft aufgeregt vor dem Schilfgras hin und her, bleibt einen Moment sitzen, quakt laut und böse und hüpft wieder hin und her. Nur Waseline kann Wasel nicht entdecken. Hat sie Herr Frosch etwa gefressen?

Aber dann hört Wasel Waseline schimpfen. Noch lauter als der Frosch quakt. Wasel sucht und sucht, bis er sie endlich entdeckt. Waseline sitzt ganz oben auf einem Schilfhalm und schimpft auf den Frosch. Waseline ist leicht wie eine Feder, zumindest denkt sich Wasel das. Dennoch biegt sich der Schilfhalm unter ihrem Gewicht gefährlich dem Boden entgegen. Es ist eben nur ein dünner Schilfhalm.

Jetzt bleibt Herr Frosch wieder sitzen, direkt unter Waselines Halm. Er quakt und seine Zunge fährt heraus, so schnell, dass Wasel sie kaum sehen kann. Sie ist lang, die Zunge, doch nicht lang genug. Waseline schimpft noch immer auf ihrem Halm und Herr Frosch springt wieder hin und her.

Keuchend kommt Wusel angelaufen. Er ist noch immer ganz außer Atem. Oder schon wieder.
„Was ist passiert?“, fragt ihn Wasel, als Wusel sich ein wenig beruhigt hat.
„Waseline und Wiesel haben Ball gespielt“, erklärt Wusel. „Herr Frosch kam ans Ufer, um sich zu sonnen. Da hat Waseline ihn mit dem Ball mit voller Wucht am Rücken getroffen. Genau auf seinen Mückenstich.“

Jetzt erkennt Wasel, dass Herr Frosch nicht nur aus Wut hin und her springt. Sein Rücken, der eigentlich grün sein müsste, ist rot und blau angelaufen. Seine großen Froschaugen sind feucht und eine dicke Träne kullert ihm über die grüne Wange. Herr Frosch hat große Schmerzen.

Auch Waseline kann ihre Tränen nicht mehr unterdrücken. Sie hat doch ein bisschen Angst vor dem ärgerlichen Frosch und will endlich von dem Schilfhalm herunter. Wiesel zittert immer noch hinter dem Gebüsch.

Doch Wasel hat eine Idee. „Herr Frosch!“, ruft er laut. „Kann ich Sie kurz sprechen?“
Herr Frosch hört auf zu hüpfen und dreht sich um. „Noch so ein Knirps“, murrt er und ärgert sich immer noch.
„Wollen Sie nicht Ihre Schmerzen loswerden?“, fragt Wasel schnell.
„Natürlich“, quakt Herr Frosch.
„Wenn Waseline sich bei Ihnen entschuldigt und ich Ihnen Ihre Schmerzen nehme, lassen Sie Waseline dann in Ruhe?“, fragt Wasel weiter.
„Wie soll das gehen?“, fragt Herr Frosch. Er ist schon ein bisschen weniger ärgerlich.
Wasel kramt in der Tasche seiner Weselhose und holt die Weselsalbe hervor, die ihm seine Mutti immer mitgibt. „Meine Wundersalbe wird Ihnen helfen“, sagt Wasel und hofft, dass er Recht behält.
Langsam kommt Herr Frosch näher und schaut auf die Salbe in Wasels Hand.
„Drehen Sie sich um“, sagt Wasel mit fester Stimme. Dann nimmt er ein bisschen von der Salbe und streicht es vorsichtig auf den Rücken des Herrn Frosch.
„Mhhhhhmmmmm“, macht Herr Frosch. „Das kühlt aber schön.“

Langsam klettert Waseline von ihrem Schilfhalm.
Wasel hört auf, die Salbe zu verreiben. „Sind Sie einverstanden, Herr Frosch?“
„Ja, ja“, sagt Herr Frosch. „Aber hör nicht auf.“
Wasel macht weiter und auch Wusel kommt dazu. Schließlich gesellt sich auch Waseline zu ihnen und sie reiben zu dritt die Salbe auf den wunden Rücken des Herrn Frosch.

Als sie fertig sind, quakt Herr Frosch zufrieden. Waseline entschuldigt sich bei ihm und bedankt sich bei Wasel. „Mein Retter!“, sagt sie zu ihm.

Dann verabschieden sich die drei von Herrn Frosch und gehen gemeinsam zurück nach Weseln. Nur Wiesel steht noch immer hinter dem Gebüsch. Ob er noch zittert? Nun, darauf haben unsere drei Wesel jetzt gar nicht mehr geachtet.

Hier geht es zu Teil 1

Wusel 4

Illustration: Kristina Ruprecht

Der eilige Abend

Foto: Hannamariah

Foto: Hannamariah

Sina packte die Geschenke in Rekordzeit aus. Nach jedem einzelnen ließ sie gerade so viel Bewunderung und Dankbarkeit fließen, dass sie nicht als unhöflich galt. Ein warmer Pullover, eine Mütze, Handschuhe, Süßigkeiten, mehrere Bücher, CDs, ein MP3-Player, … Das Geschenk war noch nicht dabeigewesen. Allerdings wurde der kleine Berg, den ihre Eltern ihr unter dem Weihnachtsbaum aufgeschichtet hatten, immer flacher.

Sina gönnte sich einen Seitenblick zu ihrem Bruder. Ronni war noch mit dem zweiten Geschenk beschäftigt, einem Fotoapparat. Er probierte ihn von vorn bis hinten aus. Was Sina jedoch mehr interessierte, waren die Päckchen, die er noch nicht ausgepackt hatte. Vielleicht war den Eltern ein Fehler unterlaufen und sie hatten ihr Wunschgeschenk in Ronnis Stapel gepackt. Aber wenn er in diesem Tempo weiter auspackte, würde es noch die restlichen Feiertage brauchen, bis er endlich fertig war.

Ruhig bleiben! Noch gab es fünf Möglichkeiten. Nein, wieder ein Buch. „Die Elfenkönigin“.
Sie stand auf, lief zu Oma hin und drückte sie. „Dankeschön, du weißt eben, was ich gerne lese.“ Sie meinte es wirklich so. Sie freute sich schon darauf, das Buch aufzuklappen, aber jetzt lagen ihre Prioritäten woanders.

Schon riss sie das rot-grüne Papier vom nächsten Geschenk. Es war eigentlich viel zu groß. Überhaupt dachte sie nun, während sie Opa zuwinkte und sich für den neuen Laptop bedankte, zum ersten Mal darüber nach, wie Mama und Papa ihr Wunschgeschenk überhaupt eingepackt hatten. Ein Gutschein vielleicht? In der Karte, die sie sich gleich zu Beginn angesehen hatte, stand nur etwas von „Frohe Weihnachten und frohes Schaffen!“ Einen weiteren Briefumschlag konnte sie nicht entdecken. Er musste also in einem der verbliebenen drei Päckchen versteckt sein.

Sie griff zu einem blauen, das wiederum ein dickeres Buch sein konnte. Tatsächlich: ein Duden.
„Die neueste Auflage“, erklärte Tante Moni.
„Aha“, antwortete Sina. Sie gab sich nur noch wenig Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Wozu brauchte sie jetzt noch einen Duden? Sie war doch schon fertig.
Mit wenig Hoffnung griff sie zum nächsten Geschenk. Es war ein ganz kleines, auf dem stand: „Von Ronni, für Sina.“ Ein Notizbüchlein. „Danke, Brüderchen.“ Mehr fiel ihr dazu nicht ein.

Ihr blieb noch ein letztes Päckchen. Ein Paket. Auf einem kleinen Kärtchen stand: „Von Mama und Papa.“ Ein Gutschein war das nicht. Sie riss das rote Papier ab. Ein Drucker. Sie hob den Karton an, suchte im Geschenkpapier, ob sie vielleicht etwas übersehen hatte … Nichts!
„Gefällt er dir nicht?“, fragte Mama. „Wir dachten, den kannst du bestimmt gut brauchen. Mit dem neuen Laptop von Opa bist du doch jetzt bestens ausgerüstet.“
„Schon“, antwortete Sina. „Es ist nur …“ Sie wischte sich eine Träne von der Wange.
„Du glaubst, wir haben dein Wunschgeschenk vergessen“, sagte Papa und in Sina keimte neue Hoffnung.
„Also, so tolle Geschenke“, sagte Opa und schüttelte den Kopf.
„Wir wissen, dass dein größter Wunsch ist, Schriftstellerin zu werden“, sagte Mama schnell. „Und wir haben uns riesig gefreut, als du uns erzählt hast, dass ein Verlag deinen ersten Roman veröffentlichen will. Er ist ja auch ganz großartig.“
Sina schniefte, während sie auf das „aber“ wartete.
„Und wir finden es nicht nur toll, dass du dir mit dem Schreiben so viel Mühe gegeben hast“, ergänzte Papa, „sondern auch, wie du dich darum gekümmert hast, nach Verlagen zu suchen und all das.“
Gleich musste es kommen, das „aber“.
„Aber wir haben schon ganz schön geschluckt, als wir gehört haben, was das kosten soll“, fuhr Papa fort.
Sina hatte auch ein „aber“ parat. „Aber mein Roman ist klasse! Das haben die vom Verlag auch gesagt. Und wenn er sich gut verkauft, haben wir das Geld sogar bald wieder drin. Ich würde es mir also eigentlich nur leihen.“
„Ja, wenn“, antwortete Papa.
„Es ist wirklich sehr viel Geld“, stimmte ihm Mama zu. „Wir sollten uns in Ruhe umschauen, ob es nicht günstigere Möglichkeiten gibt.“ Mama lächelte dabei.
Das machte Sina erst richtig wütend. „Und wenn gerade das meine große Chance war? Die nehmen ja schließlich nicht jeden.“
„Wenn du dich weiter so bemühst, wirst du sicher noch weitere gute Chancen bekommen“, sagte Papa und seine Stimme verriet, dass er die Diskussion beenden wollte.
„Ach was! Jetzt war alles umsonst!“ Sina sprang auf und rannte in ihr Zimmer. Bevor sie sich aufs Bett warf, knallte sie kräftig mit der Tür.

Für sie war das ganze Weihnachtsfest versaut. Es passierte zum ersten Mal, dass ihr ein Wunschgeschenk versagt blieb. Papa und Mama verdienten beide gut genug und hatten sich bisher nie so angestellt. Ausgerechnet jetzt, wo es um ihren allergrößten Wunsch ging.

Sie hatte sich schon im Buchladen stehen sehen, den Blick auf das große Regal mit den Neuerscheinungen, in dem auch ihr Buch gestanden hätte. Wie schon so oft sah sie das Buch genau vor sich: Vorne auf dem Cover galloppierte ein weißes Einhorn mit einem goldenen Horn zwischen den Bäumen eines silbernen Waldes. Hinter einem der Stämme schaute ein kleiner behaarter Kerl hervor. „Sina Stiller – Hannah und die Sindlinge“, stand in verschnörkelten goldenen Buchstaben über dem Titelbild. Sie hatte sogar schon davon geträumt.

Nun begossen ihre Tränen den verflossenen Traum. Auf den Tag genau vor zwei Jahren hatte sie mit dem Schreiben begonnen. Und wenn ihre Eltern sie nur ein bisschen unterstützen würden, könnte es noch vor ihrem fünfzehnten Geburtstag einen Roman von ihr zu lesen geben.

Sie verkroch sich unter der Bettdecke, als es an der Tür klopfte.
„Kann ich reinkommen?“
Sina antwortete ihrer Mutter nicht.
„Da ist jemand für dich am Telefon“, sagte Mama, nachdem sie die Tür einen Spalt geöffnet hatte.
„Wer ruft denn jetzt für mich an?“ Sina hatte keine Lust zu telefonieren. Egal wer es war.
„Vielleicht ist es eine Überraschung.“
Sina brauchte eine Weile, bis sie die Bedeutung der Worte verstand. Sie warf die Decke beiseite und sprang auf. „Vom Verlag?“, schrie sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Besser“, sagte Mama nur und tat sehr geheimnisvoll.
Was sollte schon besser sein. Sina überlegte kurz, ob sie sich nicht einfach wieder aufs Bett schmeißen sollte. Aber Mama schaute so vergnügt, dass sie ihr nicht wehtun wollte. Obwohl es nur gerecht gewesen wäre.

Betont langsam ging sie zum Telefon im Flur. „Hallo?“
„Hallo, bist du Sina?“ Die Stimme einer Frau. Sie klang ruhig und sehr angenehm.
„Ja.“
„Ich heiße Heike. Heike Hansen. Ich bin Lektorin.“
Sina horchte auf. Sie wusste genau, was eine Lektorin war. Schließlich hatte sie sich im Internet schon ein bisschen mit der Entstehung von Büchern befasst. Lektoren arbeiteten für Verlage und wählten die Bücher aus. Oder sie halfen Autoren, ihre Bücher für den Druck vorzubereiten.
„Deine Eltern haben mir erzählt, du hättest einen Roman geschrieben.“
Sina schluckte. Dann nickte sie. Als ihr auffiel, dass Frau Hansen das am Telefon gar nicht bemerken konnte, sagte sie leise: „Ja.“
„Und sie haben mir auch von dem Verlag erzählt, der dir angeboten hat, das Buch zu veröffentlichen.“
„Ja.“ Sina begann im Flur auf und ab zu laufen.
„Weißt du, was eine Lektorin ist?“
„Ja.“
„Dann weißt du auch, dass sich eine Lektorin gut mit solchen Dingen auskennt.“
„Ja.“ Sina steckte die freie Hand in die Hosentasche. Gleich darauf zog sie sie heraus. Da sie aber nicht wusste, wohin mit ihr, steckte sie sie wieder in die Hosentasche.
„Du musst wissen, liebe Sina, dass ein Verlag, der von seinen Autoren Geld verlangt, damit sie ihre Bücher dort veröffentlichen können, gar kein richtiger Verlag ist. Ein richtiger Verlag verdient erst dann an deinem Buch, wenn er es verkauft.“ Frau Hansen machte eine Pause.
Sina wusste nicht, worauf das Ganze hinauslaufen sollte, deshalb blieb sie still und wartete darauf, dass die Lektorin weitersprach.
„Deine Eltern haben mir deinen Roman geschickt und ich habe ihn gelesen. Er gefällt mir. Er hat es auf jeden Fall verdient, dass du ihn nicht an so einen Pseudoverlag verschleuderst. Ich will dir aber auch nichts vormachen. Damit aus deiner Geschichte ein richtig gutes Buch wird, das eine Chance bei einem richtigen Verlag bekommen kann, müsste man noch ein bisschen daran arbeiten. Daher habe ich mit deinen Eltern vereinbart, dass ich dich heute anrufe und dir anbiete, gemeinsam mit dir an „Hannah und die Sindlinge“ zu feilen. Und wenn wir beide damit zufrieden sind, helfe ich dir, einen Verlag zu finden, einen richtigen, der auch wirklich dafür sorgt, dass dein Buch zu den Lesern kommt. Ich kann dir nichts versprechen, aber es ist in jedem Fall der bessere Weg, als der, den du beschreiten wolltest.“
Sina schwieg noch immer. So richtig wollte sie es nicht wahrhaben. Hatte Frau Hansen gesagt, man müsse an dem Roman noch arbeiten? An einem Roman, den der andere Verlag so veröffentlicht hätte.
„Wir waren von Ihrer Geschichte und Ihrem Schreibstil sehr begeistert“, hatte in dem Anschreiben gestanden. „Wir sind sicher, Ihr Buch wird viele Leser finden.“
Sina war richtig stolz gewesen. Welcher Autor hätte das nicht gerne von einem Verlag gehört. Doch nach dem, was die Lektorin gesagt hatte, erinnerte sie sich an eine Diskussion im Internet, in der sie Ähnliches über Verlage gelesen hatte, die einen sogenannten Druckkostenzuschuss verlangten. Sie schmeichelten den Autoren, um das Geld einzustreichen, und wenn sie das erst einmal hatten, brauchten sie keines mehr durch den Verkauf der Bücher zu verdienen. Sie hatte gar nicht mehr an diese Diskussion gedacht.

„Ich kann verstehen, wenn du jetzt enttäuscht bist“, meldete sich die Lektorin wieder zu Wort. „Vielleicht willst du erst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Und wenn du dich dafür entscheidest, würde ich gern mit dir an deinem Buch arbeiten.“

Als sie aufgelegt hatte, setzte sich Sina auf den kleinen Hocker im Flur. Frau Hansen hatte recht. Sie war wirklich enttäuscht. Aber schon viel weniger als vor dem Telefonat. Tief im Innern glaubte sie den Worten der Lektorin.

Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass Mama und Papa in der Tür zum Wohnzimmer standen und sie beobachteten. Sina wischte sich noch einmal über die Augen und lächelte sie an. Sie stand auf und sagte: „Ich glaube, ich muss mir meine Geschenke mal in aller Ruhe ansehen.“ Sie drückte erst Mama, dann Papa und flüsterte beiden ein „Danke“ ins Ohr.