Aus dem roten Nebel

© Ichweißes

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Theo schaute in die Röhre. Abgehängt!
„Los, weiter!“
„Nur einen Moment abhängen.“ Er rutschte gleich neben dem Loch, aus dem er soeben gekrochen war, den Rücken an die Höhlenwand gelehnt, auf seinen Allerwertesten.
Dora stieß ihn mit dem Fuß an. „Glaubst du, wir sind hier sicher?“
Ihr Tonfall signalisierte, dass es sie nicht interessierte, was er glaubte. Aber er konnte nicht mehr. „Ich habe gerade so durch den Gang gepasst. Kein erwachsener Mann kommt da durch!“
„Du bist fett!“
Ihre Antwort versetzte ihm einen Stich. Es war nichts Neues, dass Dora ihn derart beleidigte. Aber hier! In dieser Situation! Zu zweit in einem riesigen Höhlensystem. Und in Lebensgefahr! Dabei war es ihre Schuld! „Hörst du etwas? Nein. Sie können uns nicht folgen.“
„Ich gehe! Du kannst hier gern verschimmeln. Einen Klops wie dich brauche ich sowieso nicht!“ Dora drehte sich um und verschwand in dem seltsamen, rot leuchtenden Nebel, der die Höhle ausfüllte.
„Warte!“ Theo hechelte ihr hinterher. Nichts konnte schlimmer sein, als hier allein zu bleiben. Auch war der Stolz, sie begleiten zu dürfen, noch nicht ganz verklungen. Schließlich hatte er seit Jahren davon geträumt. Wenn er dabei auch nicht an einen dunklen Ort wie diesen gedacht hatte, der obendrein vollgestopft war mit finsteren Gestalten, die ihnen an den Kragen wollten.

Sie wartete nicht und er hatte alle Mühe, sie einzuholen. „Wo willst du denn hin?“
„Hauptsache raus hier.“
„Was glaubst du, was es mit diesem Nebel auf sich hat?“
„Woher soll ich das wissen?“
Theo schob die Mütze zurück und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Doch sein Pullover war längst durchnässt. Das Weiß hatte einen rosafarbenen Ton angenommen. Wenigstens war es kein Schweiß. Nicht nur, jedenfalls. „Ist doch echt merkwürdiges Zeug. Wird immer dichter und …“
Unvermittelt blieb Dora stehen, puffte ihm in die Seite und zeigte nach vorn. Die Höhle war schon zu Ende. Sie standen direkt vor einer massiven Wand.
„Eine Sackgasse!“ Mit einem Schlag fühlte sich Theo noch unwohler als zuvor. Der enge Röhrengang hatte sich nicht als die Rettung sondern als Falle entpuppt.

Dora ging ein paar Schritte zurück und schaute nach oben. „Sieh mal!“
Er tat es ihr gleich. Zuerst sah er nur den roten Nebel, doch die Schwaden zogen sich auseinander, als wollten sie, dass er freie Sicht hatte. Auf dem Massiv zeichneten sich die Konturen eines riesigen Körpers ab. Sie waren bis hierher schon einigen solcher Figuren begegnet. Aber diese war um ein Vielfaches größer. Beine wie Säulen ließen sich nur erahnen. Klauenbewehrte Pranken waren zu Fäusten geballt und schienen die gesamte Felswand unter Spannung zu setzen. Der muskulöse Oberkörper ragte ein Stück aus dem Stein heraus, als wolle sich das Monstrum aus dem ewigen Gefängnis befreien. Von den breiten Schultern blickte ein Schädel herab, der an einen übergroßen Menschenaffen erinnerte. Doch das breite Maul war mit Raubtierzähnen bestückt und zwei meterlange Hörner schienen dem Wesen aus dem Nacken zu wachsen.

„Sieht aus, als hätten sie das Ding mitten in der Bewegung eingefroren.“
„Meinst du, das war mal lebendig?“ Theos Stimme überschlug sich.
Dora lachte. „Idiot!“ Sie schaute sich um. „Es muss doch einen zweiten Ausgang geben. Los, komm mit!“

Sie wandten sich nach rechts und begannen die Seitenwand abzusuchen. Der Nebel hatte seine Position verändert. Er schien sich dorthin verzogen zu haben, wo sie aus dem Gang gekommen waren, genau gegenüber von dem Affenwesen. Doch die bessere Sicht half ihnen nicht, ihre Suche blieb erfolglos.

„Uns bleibt nur der Weg zurück!“, bestimmte Dora.
„Und diese Typen?“
„Wir müssen eben hoffen, dass sie aufgeben. Vielleicht sind sie ja schon weg.“ Zielstrebig ging sie auf die wabernde rote Masse zu, die sich dort auftürmte, wo der Gang sein musste.

Ein Donnerschlag!
Theo schrie auf. Er drehte sich um, starrte das Steinungetüm an. Hatte sich die Figur bewegt?
„Sie sprengen den Gang!“, hörte er Dora aus weiter Entfernung rufen. Gleich darauf brannte seine Wange von einer Ohrfeige. „Du guckst in die falsche Richtung, du Trottel!“
Langsam verstand er. Er entspannte sich ein bisschen, stieß die angehaltene Atemluft aus, schielte zu Dora und rieb sich das schmerzende Gesicht. Mann, war das peinlich. Er versuchte seine Verlegenheit mit einem Lächeln zu überspielen.
„Was grinst du denn so blöd? Ist dir klar, was das bedeutet?“
Jetzt begriff er vollständig. Der Nebel vor dem Eingang mischte sich mit schwarzem Staub von der Sprengung. Er hatte den Geruch von Silvesterknallern in der Nase. „Was sollen wir denn bloß tun?“
Doras Blick tastete noch einmal die gesamte Höhle ab. Schließlich blieb er an Theo hängen. Sie zuckte mit den Schultern.
„Aber …“ Wie konnte sie so ruhig bleiben? „Wir …“
Eine zweite Explosion unterbrach ihn. Bildete er sich das ein oder klang das schon viel näher?
„Komm!“

Dieses Mal brauchte er keine weitere Aufforderung. Vielleicht wusste sie doch eine Lösung. Aber Dora lief nur zur gegenüberliegenden Wand und blieb dort stehen.
„Das war alles?“, schrie er sie an.
„Wie bekloppt bist du eigentlich? Es ist vorbei! Wir können nur abwarten.“
„Bekloppt? Mehr fällt dir dazu nicht ein? Weißt du, ich wollte gar nicht mit auf diese blöde Klassenfahrt. Das macht nämlich wenig Spaß als Klassenclown. Aber ich dachte, das kann ich ertragen, weil es schön ist, in deiner Nähe zu sein. Und das dachte ich auch, als du die idiotische Idee hattest, heimlich in die verbotenen Höhlen zu gehen. Deshalb war ich der Einzige, der den Mut hatte, dich zu begleiten. Ich hab gehofft, du würdest mich endlich mit anderen Augen sehen. Und wo hast du uns jetzt hingeführt?“
„Konnte ich wissen, dass hier irgendwelche miesen Typen irgendwas noch Mieseres aushecken? Außerdem hättest du ja nicht mitkommen müssen. Das war ja wohl ganz allein deine Entscheidung.“
Sie hatte recht. Daran gab es nichts zu rütteln. Aber er war sauer. Richtig sauer! Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. „Du …“
Sie unterbrach ihn, indem sie drohend den Finger erhob. Dann drehte sie sich weg und tippte sich mit demselben Finger an die Stirn. „Mit anderen Augen sehen. Was bildet der sich eigentlich ein?“

Ein Zittern durchfuhr die Höhle. Theo starrte sofort wieder zu dem Affenkopf. Der hatte das Maul aufgerissen. In den Wänden dröhnte es und das mächtige Steinwesen begann, rot zu leuchten.

Theo bemerkte erst, dass er sich rückwärts bewegt hatte, als er mit dem Rücken gegen die Eingangswand stieß. Dora war neben ihm. Er griff nach ihrer Hand. Für einen Moment fürchtete er, sie würde ihm dafür eine scheuern, dann beobachtete er, wie sich der Teufels-King-Kong aus dem Stein löste. Das ging so schnell, dass Theo im Nachhinein übel wurde, als er daran dachte, wie sie vor nur wenigen Minuten zu Füßen dieses Ungeheuers herumgewandert waren.

Jetzt schien es sie erst einmal nicht weiter zu beachten. Es streckte sich, schüttelte erst das linke, dann das rechte Bein und absolvierte ein paar ungelenke Kniebeugen.

„Wir sollten uns vielleicht verstecken“, flüsterte er, bewegte sich aber kein Stück.
„Wo denn, du Witzbold?“
„Vielleicht im Gang.“
Eine dritte Sprengung ertönte. Man hörte das Geröll poltern.
„Zu spät“, sagte Dora.
Der Affenriese schaute zu ihnen herüber. Seinen Sport hatte er offenbar beendet und kam jetzt auf sie zu. Er sah furchterregend aus. Warum brüllt er nicht? Theo konnte nicht länger über diese Frage nachdenken, denn für sein Gegenüber entsprach die Entfernung zwischen ihnen nur etwa drei Schrittlängen.

Jetzt war es auch egal. Er trat vor. „Lass sie in Ruhe! Ich dulde nicht, dass du ihr etwas tust!“
Der Affe stutzte und schaute ihn verwundert an. Theos Nacken begann zu schmerzen. Aber er blieb stehen, wo er war. Der Affe beugte sich vor und sog die Luft in die riesigen Nasenlöcher. Theo kam sich vor wie in einem Sturm. Er verlor beinahe den Boden unter den Füßen, während sich seine Mütze in Richtung der Affennüstern verabschiedete. Er mochte sie sowieso nicht. Der Affe atmete wieder aus und Theo landete unsanft auf dem Hintern. Seine Mütze fiel ihm vor die Füße. Grund genug, seine Strategie zu überdenken. „Friss mich! An ihr ist doch nichts dran.“
Wieder beugte sich das Riesenvieh vor. Diesmal allerdings streckte es seine Pranke aus und hob sie in die luftigen Regionen seiner Schnauze. Mit dem Finger deutete er an, Theo solle die Klappe halten, zeigte auf den Gang, aus dem man jetzt die Geräusche von Schaufeln und Hacken hörte, und machte schließlich eine Bewegung, die Theo als „Kusch, kusch!“ interpretierte.

Theo hielt dem durchdringenden Blick von Dora nicht stand. „Okay, okay, ich hab mich lächerlich verhalten.“
„Allerdings!“ Dora lachte. „Eine große Hilfe wärst du mir wohl nicht gewesen, du Held.“ Sie machte eine Pause. „Aber keine Sorge, ich war trotzdem ziemlich beeindruckt.“
Theo schaute auf.
Sie lächelte. Dann drehte sie sich zu dem Affen, der vor dem Gang saß und auf die Eindringlinge wartete. „Tja, dann lassen wir Ape mal seinen Job erledigen. Solange kommen wir hier eh nicht raus.“
„Und was machen wir in der Zeit?“
„Abhängen.“

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Vielen Dank für die Bildvorlage von erinnye. Schickt mir auch eure Bilder.

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Der Feuerwald – Teil 2

Der Feuerwald

Teil 1 verpasst? Hier entlang!

Wie es sein eigener Plan vorsah, tat Sven aufs Heftigste erschrocken, was ihm bei diesem Anblick in keinster Weise schwerfiel.

„Welcher Narr wagt es, mich in meiner Ruhe zu stören?“, donnerte Dragen, derweil ihm der flammende Speichel von den monumentalen Eckzähnen tropfte.
„Oh, verzeiht, Herr Drache“, antwortete Sven und versuchte sich vorzustellen, er spräche mir seinem Nachbarn, Herrn Grimm, was ihm seltsamerweise erstaunlich gut gelang. „Ich wusste nicht, dass dies hier Eure Ruhestätte ist. Glaubt mir, es lag mir fern, Euch zu stören, bestenfalls wollte ich Euch warnen.“
„Mich warnen?“ Die Bestie lachte derartig, dass sie beinahe an den Lavaströmen aus ihren Nüstern erstickt wäre.
Das konnte Sven nur recht sein. Ein bisschen gute Laune konnte auch bei einem Drachen nicht schaden. Als Dragen den Hustenanfall überlebt hatte und Sven sicher war, dass sein Stimmchen wieder an die Ohren des Ungeheuers dringen konnte – sofern bei einem Drachen so etwas wie Ohren existieren – entgegnete er: „Natürlich, Ihr habt recht. Welche Gefahr könnte es schon geben, vor der ich Euch warnen müsste. So beachtet mich nicht weiter und lasst mich ziehen. Schließlich müsst Ihr Euch auf die wirklich großen Kämpfe vorbereiten.“ Damit wandte er sich zum Gehen.
„Halt, Bürschchen! Von welchen Kämpfen redest du?“ Dragen Fiur richtete sich weiter auf und seine Brust kam zum Vorschein, auf der eine Jugendmannschaft bequem ein Fußballspielchen hätte abhalten können, im ausgekühlten Zustand versteht sich.
„Oh, Ihr werdet leichtes Spiel mit ihnen haben, denn sie sind sicher einen Kopf kleiner als Ihr. Die meisten jedenfalls.“
Dragen Fiur schnaubte überrascht. „Die meisten? Wie viele sind es denn?“
„Ich bin klein, Herr Drache. Ich traute mich nicht, so lange in ihrer Nähe zu bleiben, dass ich sie zählen konnte. Aber ich denke, es werden kaum mehr als zehn sein. Und sie scheinen Euch sehr zu fürchten, denn sie kämpfen statt mit Euch mit den Pflanzen Eures Waldes. Sie haben schon einen guten Teil vernichtet.“ Sven bemerkte zu spät, dass er vielleicht zu weit gegangen war. Einerseits wollte er das Ungetüm von seinem Platz hinfort locken und fürchtete, ihm möglicherweise mit der Anzahl der Gegner Angst einzujagen, andererseits fiel ihm ein, dass der Drache mit seinem Wald eng verbunden war. Vermutlich würde er es spüren, wenn jemand eine derartige Verwüstung unter seinen Feuerpflanzen anrichten würde.

Tatsächlich blickte ihn Dragen misstrauisch an. Dann schüttelte er sich. „Ich fühle mich wirklich ein bisschen schwächer als sonst.“
Sven lächelte. Einbildung ist auch eine Bildung, sagte er sich. Doch das Lächeln verging ihm, als das Ungeheuer zu brüllen begann. „Dem muss sofort Einhalt geboten werden! Wo finde ich diese Wüstlinge?“ Das Ungetüm stemmte sich aus dem See und wuchs dabei zu einer Größe heran, die selbst der mächtige Schädel Dragens nicht hatte vermuten lassen.
„Nun, wenn Ihr mir versprecht, mich vor den Eindringlingen zu beschützen, werde ich Euch zu ihnen führen.“

Dragen Fiur war einverstanden und so ging Svens Plan auf und er selbst voraus, während der Feuerdrache ihm hinterherstampfte. Zufrieden mit sich selbst suchte Sven möglichst viel Zeit zu schinden und den Herrscher des Feuerwalds dabei so weit wie möglich vom See wegzuführen, damit Lesan und Hold gefahrlos aus den Heißen Wassern schöpfen konnten, um Zoupar weiterhin die Energie für den Schutz Wanaheils zu liefern.

Die Aufregung hatte ihn fast vergessen lassen, wo er sich befand, doch schon bald spürte er seine Umgebung wieder und die Hitze, verstärkt durch die Anwesenheit seines unangenehmen Begleiters, drängte alle anderen Gedanken und Wahrnehmungen zurück. Er war am Ende seiner Kräfte und getraute sich dennoch nicht, jetzt schon sein eigenes Leben zu retten. Doch mehr und mehr fürchtete er, sein Hinhalten könne in Dragen wieder das Misstrauen wecken.

Tatsächlich blieb dieser plötzlich stehen und fauchte, dass die Funken stoben. „Jetzt spüre ich es ganz deutlich! Jemand stiehlt mir meine Lebenssäfte!“
Da wusste Sven, dass Lesan und ihr Ritter das Reich des Drachen verlassen hatten. „Seht Ihr!“, rief er. „Die Räuber müssen ganz in der Nähe sein.“ Er mühte sich, am ganzen Körper möglichst auffällig zu schlottern, was ihm angesichts der Temperaturen höchst unpassend schien. „Ich bin kein Held und fürchte mich, ihnen näher zu kommen. Doch wenn ihr nur ein Stück weiter in diese Richtung geht, könnt ihr sie nicht verfehlen.“
In unübersehbarerer Erregung und ohne ein Dankeswort stürmte Dragen Fiur an ihm vorbei, eine Spur der Verbrennung in einem verbrannten Land hinter sich lassend. Sven dagegen beeilte sich, davonzukommen. Er hatte den Drachen nah an der Rand seines Machtbereichs geführt und brauchte nur noch wenige Meter hinter sich zu bringen, um aus dem Feuerwald zu treten. Dennoch hielt er nicht inne, bis er den Abstand um ein Vielfaches vergrößert und die Hitze deutlich nachgelassen hatte.

Nun fühlte er sich in Sicherheit, denn Dragen konnte außerhalb seines Waldes nicht überleben. Noch immer sah er die wütende Kreatur nahe des Waldrands toben, auf der Suche nach den erfundenen Gegnern.

Sven befand sich nun fast auf der gegenüberliegenden Seite des Feuerwalds und wusste noch einen weiten Weg vor sich, bis er den Treffpunkt erreichte. Dort aber sähe er Lesan wieder, hoffend, ihre Dankbarkeit für seine Taten würde endlich in größere Gefühle umschlagen.