Der Held

Der Held

Matti kramte nach seinem Mut. Er musste doch irgendwo stecken. Ein Blick genügte, um zu sehen, dass die Situation sich noch immer nicht entschärft hatte. Der Typ stand weiterhin neben Sabine, drängte sich an sie ran, stöhnte genüsslich. Er war augenscheinlich betrunken, hatte den Mut gefunden, den Matti vergeblich suchte.

Er war für Sabine, die sich unbeeindruckt weiter mit Steffi unterhielt, nicht verantwortlich. Gern wäre er es gewesen und vielleicht hätte ihm ein wenig Mut dabei helfen können.

Matti schätzte den Gegner ab, der zu träumen schien, während er die Berührung mit Sabines Körper genoss. Sie stieß nur hin und wieder seine übermütige Hand weg, ließ ihn ansonsten gewähren. Was sollte sie auch anderes tun, wenn der einzige Kerl, der ihr zur Seite stehen könnte, ein Waschlappen war?

Der Typ war eher dick als muskulös, brachte sicherlich annähernd das doppelte Gewicht Mattis auf die Wage. Matti versuchte, mit Sabine Blickkontakt aufzunehmen, ihr wortlos zu verstehen zu geben, dass er das böse Spiel auf ihre Bitte hin jeder Zeit beenden könne. Sie schien ihn verstanden zu haben, winkte aber ab. Wie nobel von ihr, dass sie ihren schmächtigen Begleiter keiner Gefahr aussetzen wollte.

Der Betrunkene stellte sich jetzt hinter Sabine, rieb sich an ihrem Hintern. Sie unterbrach ihr Gepräch mit Steffi nur kurz, lächelte dann, als habe lediglich ein sanfter Windstoß ihr Kleid gelüftet. Doch das konnte ihr nicht gefallen. Jetzt ging es endgültig zu weit!

Matti ging um den Stehtisch herum, zögerlich, doch mit dem Willen zur Entschlossenheit. Er tippte dem Störenfried an die Schulter. Der Kerl erwachte aus seiner Trance, sah ihn an, als sei er der Osterhase.

„Ich glaube“, begann Matti zaghaft, „du belästigst die Dame.“ Es kam ihm mächtig geschwollen vor, was er da redete, zugleich aber gab es ihm ein gutes Gefühl. Wie ein Gentleman.

Sein Gegenüber wirkte auf einmal erstaunlich nüchtern, richtete sich auf, schaute ihn von oben herab an, ohne ein einziges Wort zu verlieren.

Matti trat einen Schritt zurück. Jetzt müsste er sich eigentlich in irgendeine kämpferische Stellung begeben. Doch dann ging alles ganz schnell. Der Typ schlug einfach zu. Krachend landete seine Faust auf Mattis Nasenrücken. Matti taumelte. Vor seinen Augen verschwamm alles. Nur schemenhaft sah er – war das Sabine? Sie konnte offenbar irgendeinen Kampfsport. Er knallte hart auf dem Boden auf. Dunkelheit.

Sabine beugte sich über ihn. „Na, mein Held. Tu so etwas nicht noch einmal! Ich sag dir schon, wenn ich dich brauche.“

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Ein schwerer Mord

Bisher hatte ich wenig Schwierigkeiten, Leute umzubringen. Natürlich nur in meinen Geschichten. Dass aber nun der kleine Tilo in meinem Blogroman sein Leben lassen musste, hat mich schon ein wenig mitgenommen.

Ich kann mir selbst nur schwer erklären, warum ich zum ersten Mal Hemmungen hatte. Natürlich könnte man meinen, ich habe ihn besonders liebgewonnen. Allerdings ging mir das mit anderen Figuren, die in meinen Geschichten ihren letzten Atemzug taten, nicht anders.

Ich vermute eher, dass die fehlende Planung die Ursache war. Denn die zeichnet ja gerade den Blogroman aus. Während ich mich bei anderen Werken frühzeitig (meist von Beginn an) darauf einstellen kann, wer das Abenteuer nicht überleben wird, habe ich bei diesem am Ende einer Szene allenfalls eine Ahnung, was in der nächsten geschehen könnte. Daher konnte ich mich auch auf Tilos Tod nicht einstellen.

Ich zögerte also. Doch ein Roman braucht die ganz großen Schicksalsschläge. Es wäre falsch gewesen, die Szene weichzubügeln. Ich fürchte, Tilos Tod war unvermeidlich.