Der eilige Abend

Foto: Hannamariah

Foto: Hannamariah

Sina packte die Geschenke in Rekordzeit aus. Nach jedem einzelnen ließ sie gerade so viel Bewunderung und Dankbarkeit fließen, dass sie nicht als unhöflich galt. Ein warmer Pullover, eine Mütze, Handschuhe, Süßigkeiten, mehrere Bücher, CDs, ein MP3-Player, … Das Geschenk war noch nicht dabeigewesen. Allerdings wurde der kleine Berg, den ihre Eltern ihr unter dem Weihnachtsbaum aufgeschichtet hatten, immer flacher.

Sina gönnte sich einen Seitenblick zu ihrem Bruder. Ronni war noch mit dem zweiten Geschenk beschäftigt, einem Fotoapparat. Er probierte ihn von vorn bis hinten aus. Was Sina jedoch mehr interessierte, waren die Päckchen, die er noch nicht ausgepackt hatte. Vielleicht war den Eltern ein Fehler unterlaufen und sie hatten ihr Wunschgeschenk in Ronnis Stapel gepackt. Aber wenn er in diesem Tempo weiter auspackte, würde es noch die restlichen Feiertage brauchen, bis er endlich fertig war.

Ruhig bleiben! Noch gab es fünf Möglichkeiten. Nein, wieder ein Buch. „Die Elfenkönigin“.
Sie stand auf, lief zu Oma hin und drückte sie. „Dankeschön, du weißt eben, was ich gerne lese.“ Sie meinte es wirklich so. Sie freute sich schon darauf, das Buch aufzuklappen, aber jetzt lagen ihre Prioritäten woanders.

Schon riss sie das rot-grüne Papier vom nächsten Geschenk. Es war eigentlich viel zu groß. Überhaupt dachte sie nun, während sie Opa zuwinkte und sich für den neuen Laptop bedankte, zum ersten Mal darüber nach, wie Mama und Papa ihr Wunschgeschenk überhaupt eingepackt hatten. Ein Gutschein vielleicht? In der Karte, die sie sich gleich zu Beginn angesehen hatte, stand nur etwas von „Frohe Weihnachten und frohes Schaffen!“ Einen weiteren Briefumschlag konnte sie nicht entdecken. Er musste also in einem der verbliebenen drei Päckchen versteckt sein.

Sie griff zu einem blauen, das wiederum ein dickeres Buch sein konnte. Tatsächlich: ein Duden.
„Die neueste Auflage“, erklärte Tante Moni.
„Aha“, antwortete Sina. Sie gab sich nur noch wenig Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Wozu brauchte sie jetzt noch einen Duden? Sie war doch schon fertig.
Mit wenig Hoffnung griff sie zum nächsten Geschenk. Es war ein ganz kleines, auf dem stand: „Von Ronni, für Sina.“ Ein Notizbüchlein. „Danke, Brüderchen.“ Mehr fiel ihr dazu nicht ein.

Ihr blieb noch ein letztes Päckchen. Ein Paket. Auf einem kleinen Kärtchen stand: „Von Mama und Papa.“ Ein Gutschein war das nicht. Sie riss das rote Papier ab. Ein Drucker. Sie hob den Karton an, suchte im Geschenkpapier, ob sie vielleicht etwas übersehen hatte … Nichts!
„Gefällt er dir nicht?“, fragte Mama. „Wir dachten, den kannst du bestimmt gut brauchen. Mit dem neuen Laptop von Opa bist du doch jetzt bestens ausgerüstet.“
„Schon“, antwortete Sina. „Es ist nur …“ Sie wischte sich eine Träne von der Wange.
„Du glaubst, wir haben dein Wunschgeschenk vergessen“, sagte Papa und in Sina keimte neue Hoffnung.
„Also, so tolle Geschenke“, sagte Opa und schüttelte den Kopf.
„Wir wissen, dass dein größter Wunsch ist, Schriftstellerin zu werden“, sagte Mama schnell. „Und wir haben uns riesig gefreut, als du uns erzählt hast, dass ein Verlag deinen ersten Roman veröffentlichen will. Er ist ja auch ganz großartig.“
Sina schniefte, während sie auf das „aber“ wartete.
„Und wir finden es nicht nur toll, dass du dir mit dem Schreiben so viel Mühe gegeben hast“, ergänzte Papa, „sondern auch, wie du dich darum gekümmert hast, nach Verlagen zu suchen und all das.“
Gleich musste es kommen, das „aber“.
„Aber wir haben schon ganz schön geschluckt, als wir gehört haben, was das kosten soll“, fuhr Papa fort.
Sina hatte auch ein „aber“ parat. „Aber mein Roman ist klasse! Das haben die vom Verlag auch gesagt. Und wenn er sich gut verkauft, haben wir das Geld sogar bald wieder drin. Ich würde es mir also eigentlich nur leihen.“
„Ja, wenn“, antwortete Papa.
„Es ist wirklich sehr viel Geld“, stimmte ihm Mama zu. „Wir sollten uns in Ruhe umschauen, ob es nicht günstigere Möglichkeiten gibt.“ Mama lächelte dabei.
Das machte Sina erst richtig wütend. „Und wenn gerade das meine große Chance war? Die nehmen ja schließlich nicht jeden.“
„Wenn du dich weiter so bemühst, wirst du sicher noch weitere gute Chancen bekommen“, sagte Papa und seine Stimme verriet, dass er die Diskussion beenden wollte.
„Ach was! Jetzt war alles umsonst!“ Sina sprang auf und rannte in ihr Zimmer. Bevor sie sich aufs Bett warf, knallte sie kräftig mit der Tür.

Für sie war das ganze Weihnachtsfest versaut. Es passierte zum ersten Mal, dass ihr ein Wunschgeschenk versagt blieb. Papa und Mama verdienten beide gut genug und hatten sich bisher nie so angestellt. Ausgerechnet jetzt, wo es um ihren allergrößten Wunsch ging.

Sie hatte sich schon im Buchladen stehen sehen, den Blick auf das große Regal mit den Neuerscheinungen, in dem auch ihr Buch gestanden hätte. Wie schon so oft sah sie das Buch genau vor sich: Vorne auf dem Cover galloppierte ein weißes Einhorn mit einem goldenen Horn zwischen den Bäumen eines silbernen Waldes. Hinter einem der Stämme schaute ein kleiner behaarter Kerl hervor. „Sina Stiller – Hannah und die Sindlinge“, stand in verschnörkelten goldenen Buchstaben über dem Titelbild. Sie hatte sogar schon davon geträumt.

Nun begossen ihre Tränen den verflossenen Traum. Auf den Tag genau vor zwei Jahren hatte sie mit dem Schreiben begonnen. Und wenn ihre Eltern sie nur ein bisschen unterstützen würden, könnte es noch vor ihrem fünfzehnten Geburtstag einen Roman von ihr zu lesen geben.

Sie verkroch sich unter der Bettdecke, als es an der Tür klopfte.
„Kann ich reinkommen?“
Sina antwortete ihrer Mutter nicht.
„Da ist jemand für dich am Telefon“, sagte Mama, nachdem sie die Tür einen Spalt geöffnet hatte.
„Wer ruft denn jetzt für mich an?“ Sina hatte keine Lust zu telefonieren. Egal wer es war.
„Vielleicht ist es eine Überraschung.“
Sina brauchte eine Weile, bis sie die Bedeutung der Worte verstand. Sie warf die Decke beiseite und sprang auf. „Vom Verlag?“, schrie sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Besser“, sagte Mama nur und tat sehr geheimnisvoll.
Was sollte schon besser sein. Sina überlegte kurz, ob sie sich nicht einfach wieder aufs Bett schmeißen sollte. Aber Mama schaute so vergnügt, dass sie ihr nicht wehtun wollte. Obwohl es nur gerecht gewesen wäre.

Betont langsam ging sie zum Telefon im Flur. „Hallo?“
„Hallo, bist du Sina?“ Die Stimme einer Frau. Sie klang ruhig und sehr angenehm.
„Ja.“
„Ich heiße Heike. Heike Hansen. Ich bin Lektorin.“
Sina horchte auf. Sie wusste genau, was eine Lektorin war. Schließlich hatte sie sich im Internet schon ein bisschen mit der Entstehung von Büchern befasst. Lektoren arbeiteten für Verlage und wählten die Bücher aus. Oder sie halfen Autoren, ihre Bücher für den Druck vorzubereiten.
„Deine Eltern haben mir erzählt, du hättest einen Roman geschrieben.“
Sina schluckte. Dann nickte sie. Als ihr auffiel, dass Frau Hansen das am Telefon gar nicht bemerken konnte, sagte sie leise: „Ja.“
„Und sie haben mir auch von dem Verlag erzählt, der dir angeboten hat, das Buch zu veröffentlichen.“
„Ja.“ Sina begann im Flur auf und ab zu laufen.
„Weißt du, was eine Lektorin ist?“
„Ja.“
„Dann weißt du auch, dass sich eine Lektorin gut mit solchen Dingen auskennt.“
„Ja.“ Sina steckte die freie Hand in die Hosentasche. Gleich darauf zog sie sie heraus. Da sie aber nicht wusste, wohin mit ihr, steckte sie sie wieder in die Hosentasche.
„Du musst wissen, liebe Sina, dass ein Verlag, der von seinen Autoren Geld verlangt, damit sie ihre Bücher dort veröffentlichen können, gar kein richtiger Verlag ist. Ein richtiger Verlag verdient erst dann an deinem Buch, wenn er es verkauft.“ Frau Hansen machte eine Pause.
Sina wusste nicht, worauf das Ganze hinauslaufen sollte, deshalb blieb sie still und wartete darauf, dass die Lektorin weitersprach.
„Deine Eltern haben mir deinen Roman geschickt und ich habe ihn gelesen. Er gefällt mir. Er hat es auf jeden Fall verdient, dass du ihn nicht an so einen Pseudoverlag verschleuderst. Ich will dir aber auch nichts vormachen. Damit aus deiner Geschichte ein richtig gutes Buch wird, das eine Chance bei einem richtigen Verlag bekommen kann, müsste man noch ein bisschen daran arbeiten. Daher habe ich mit deinen Eltern vereinbart, dass ich dich heute anrufe und dir anbiete, gemeinsam mit dir an „Hannah und die Sindlinge“ zu feilen. Und wenn wir beide damit zufrieden sind, helfe ich dir, einen Verlag zu finden, einen richtigen, der auch wirklich dafür sorgt, dass dein Buch zu den Lesern kommt. Ich kann dir nichts versprechen, aber es ist in jedem Fall der bessere Weg, als der, den du beschreiten wolltest.“
Sina schwieg noch immer. So richtig wollte sie es nicht wahrhaben. Hatte Frau Hansen gesagt, man müsse an dem Roman noch arbeiten? An einem Roman, den der andere Verlag so veröffentlicht hätte.
„Wir waren von Ihrer Geschichte und Ihrem Schreibstil sehr begeistert“, hatte in dem Anschreiben gestanden. „Wir sind sicher, Ihr Buch wird viele Leser finden.“
Sina war richtig stolz gewesen. Welcher Autor hätte das nicht gerne von einem Verlag gehört. Doch nach dem, was die Lektorin gesagt hatte, erinnerte sie sich an eine Diskussion im Internet, in der sie Ähnliches über Verlage gelesen hatte, die einen sogenannten Druckkostenzuschuss verlangten. Sie schmeichelten den Autoren, um das Geld einzustreichen, und wenn sie das erst einmal hatten, brauchten sie keines mehr durch den Verkauf der Bücher zu verdienen. Sie hatte gar nicht mehr an diese Diskussion gedacht.

„Ich kann verstehen, wenn du jetzt enttäuscht bist“, meldete sich die Lektorin wieder zu Wort. „Vielleicht willst du erst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Und wenn du dich dafür entscheidest, würde ich gern mit dir an deinem Buch arbeiten.“

Als sie aufgelegt hatte, setzte sich Sina auf den kleinen Hocker im Flur. Frau Hansen hatte recht. Sie war wirklich enttäuscht. Aber schon viel weniger als vor dem Telefonat. Tief im Innern glaubte sie den Worten der Lektorin.

Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass Mama und Papa in der Tür zum Wohnzimmer standen und sie beobachteten. Sina wischte sich noch einmal über die Augen und lächelte sie an. Sie stand auf und sagte: „Ich glaube, ich muss mir meine Geschenke mal in aller Ruhe ansehen.“ Sie drückte erst Mama, dann Papa und flüsterte beiden ein „Danke“ ins Ohr.

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Unterirdisch

„Der Gestank und das Unbehagen waren so groß, dass ich mich kaum auf den Schrecken konzentrieren konnte, den das Verschwinden von Frankie bei mir auslöste.“

So beginnt eine neue Story auf BPShorties. Ähnlich wie der Blogroman hier feiert diese Kurzgeschichte auf Twitter ihre Premiere. Es existiert bisher also nur dieser eine Satz, außerdem der Titel und ein Titelbild. Wer wissen möchte, wie es weitergeht, darf mich noch nicht fragen, kann aber des Öfteren mal auf BPShorties vorbeischauen. Und wenn die Geschichte dort zu Ende geschrieben ist, findet sie auch auf diesem Blog ihren Platz.

Es wird wohl in jedem Fall abenteuerlich.

Blogroman: 24 – Ex-Freundin

„Ist das von Lisa?“, fragte Tom, nachdem er Mona zu sich gerufen hatte. Seine Stimme überschlug sich dabei.
„Woher soll ich das wissen?“ Mona wischte mit dem Finger über den Fleck in der Badewanne und betrachtete dann das rote Geschmiere auf der Kuppe.
„Haben sie Lisa … ermordet?“
„Das glaube ich nicht. Noch nicht. Sonst hätten wir hier vermutlich ihre Leiche gefunden.“ Mona wusch sich die Hände. „Aber sie hat ihnen offenbar auch nicht gegeben, wonach sie gesucht haben.“
„Woher wollen Sie das wissen?“ Die Frage schoss ihm unerwartet heftig aus dem Mund. Es machte ihn fertig, mit welcher Ruhe Mona vorging. Es machte ihn fertig, was überhaupt vorging.
„Ganz einfach, niemand hätte die ganze Wohnung durchsucht, wenn sie das Verlangte freiwillig herausgerückt hätte.“
Das leuchtete ihm ein. „Aber wo ist sie jetzt?“
„Vermutlich auf dem Weg zu Ihnen.“
„Zu mir?“
„Dorthin, wo man auch Sie schon gefangen hält. Nur dass Sie dort nicht mehr sind.“ Mona lachte. „Kommen Sie!“
Tom war gar nicht zum Lachen zumute. Er blieb stehen. „Wissen Sie, wie spät es ist?“
Mona schaute auf eine Armbanduhr, die Tom für ihr Handgelenk deutlich zu klobig fand. „Gleich um sechs.“
„Dann muss ich jetzt nach Hause. Die Arbeit ruft.“ Er hob entschuldigend die Schultern.
Mona starrte ihn einen Moment an, bevor sie mit einem verächtlichen Schnauben den Kopf schüttelte. „Sie sind wirklich selten dämlich. Glauben Sie wirklich, Sie können jetzt einfach wieder zur Arbeit gehen und alles vergessen? Eigentlich könnte es mir ja egal sein, aber Sie sollten wissen, dass Sie jetzt auf einer Abschussliste stehen. Und wenn Ihnen das schon nichts bedeutet, sollten Sie sich wenigstens Sorgen um Ihre Freundin machen.“
„Ex-Freundin“, warf Tom vorsichtig ein, ohne große Hoffnung, das würde in den Augen Monas irgendetwas ändern. Nicht einmal sein eigenes Gewissen konnte es beruhigen.
„Sie sind ein Arsch! Und Sie können mir glauben, dass ich nichts lieber täte, als Sie hier stehen zu lassen. Aber Sie werden mir nicht von der Seite weichen, bis ich nicht das Artefakt habe.“ Sie hob ihre Pistole. „Als Alternative lasse ich nur Ihren Tod gelten.“

Was bisher geschah

Es schimmelt

Foto: Craigb

Foto: Craigb

Ich nehme einen tiefen Zug vom Joint und reiche ihn an Tonne weiter. Der Sommer ist bunt wie der Herbst. Noch Stunden schaue ich dem qualmenden Faden hinterher, der beim Ausatmen meinen Mund verlässt. Ich schwebe ihm hinterher.
AC/DC wird zunehmend melodischer. Glocke singt „Alle meine Entchen“ dazu. Ich schaue auf ihn herab. Er sieht lächerlich aus. Lächeln. Immer lächeln. So wie Lissy. Die zieht gerade am Joint. Noch eine halbe Runde, dann ist er wieder bei mir.
Ein Schimmel läuft quer durch den Stadtpark. Ich reibe mir die Augen, kann ihm kaum folgen. Ich beobachte die anderen. Wie Sherlock. Keiner sagt was. Glocke singt „Da steht ein Pferd auf dem Flur“.
Muss ich jetzt aufpassen, dass ich nicht in Pferdeäpfel trete? Die Tüte ist zurück. Ich ziehe einmal, zweimal, …
„Hey, wir wollen auch noch was!“
Ich brumme. Ein Bär. Ein großer, brauner Brummbär. Ich halte es nicht mehr aus. Schweben reicht nicht. „Habt ihr zufällig eben auch einen Gaul gesehen?“
Ein kurzer Moment der Stille dehnt sich wie die rauchende Atemluft. Dann ein kollektiver Wind der Erleichterung: „Jaaaaaaaa!“

Seltsames Ding

Ist schon ein seltsames Ding, so ein Blogroman. Beinahe ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass ich den ersten Teil eingestellt habe, und dennoch haben wir vielleicht gerade mal das erste Kapitel hinter uns gebracht. Und noch immer hab ich keine Ahnung, wie es weitergeht. Na ja, eine leise vielleicht. 😉

Aber es macht Spaß und ist jede Woche eine neue kleine Herausforderung. Und ich bin schon gespannt, was ich damit anstelle, wenn er einmal fertig ist.

Ansonsten befasse ich mich derzeit mit einer kleinen Geschichte, die ich, wenn alles gut geht, einer Agentur vermitteln will. Und demnächst geht es dann an die Vorbereitungen für meinen nächsten Roman.